Süddeutsche Zeitung

SPD-Wertekonferenz:Gabriel, die rote Fahne und die "Schwatten"

Lesezeit: 4 min

Er kränkelt, er grübelt: Doch dann besinnt sich der Parteichef auf pure Sozialdemokratie. Und eine Putzfrau aus dem Ruhrgebiet bringt ihn zum Glänzen.

Von  Christoph Hickmann

Als Sigmar Gabriel mit seiner Rede fertig ist, stehen am Montagvormittag zwei Dinge fest. Erstens: Er wird an diesem Tag nicht zurücktreten. Zweitens: Das hier läuft einigermaßen oder sogar ziemlich gut für ihn. Und von hier an wird es sogar noch besser laufen - was zum Teil an Gabriel, zu einem noch größeren Teil an Susanne Neumann liegen wird, einer Putzfrau aus Gelsenkirchen. Aber dazu später.

Die SPD hat zur "Wertekonferenz Gerechtigkeit" ins Willy-Brandt-Haus geladen. Gekommen sind neben der Parteispitze sowie Menschen, die aus Altersgründen am Montagvormittag nicht mehr arbeiten müssen, auffallend viele Fotografen, was womöglich weniger an den hier zu besprechenden Werten liegt als am Geraune des Wochenendes. Da hatte Helmut Markwort, Herausgeber der Zeitschrift Focus, das Gerücht verbreitet, Gabriel werde an diesem Montag zurücktreten. Es ist nicht ganz auszuschließen, dass der eine oder andere Besucher vor allem hier ist, um wirklich ganz sicherzugehen, dass Gabriel nicht doch . . .

Man hält ja inzwischen fast alles für möglich. Die Umfragewerte für die SPD sind unverändert mies, und der Parteivorsitzende, von dem man weiß, dass er ein großer Grübler ist, hatte wegen einer Krankheit gerade viel Zeit zum Grübeln. Es gibt Menschen, die behaupten, Gabriel habe bereits entschieden, nicht als Kanzlerkandidat anzutreten, sich also zurückzuziehen. Eine derartige Eindeutigkeit wäre allerdings untypisch für Gabriel, der die Dinge üblicherweise am einen Tag so und am nächsten so sieht. Sicher ist, dass er sich des Ernstes der Lage bewusst ist. Dass er zweifelt, überlegt. Es ist zehn Minuten nach zehn, als er ans Mikrofon tritt.

Hätte er so beim Parteitag geredet, hätte er wohl mehr als 74,3 Prozent bekommen

Gerechtigkeit, das ist jetzt sein Thema. Er schlägt erst mal den großen Bogen, zitiert Augustinus und nennt es dann ein "Alarmsignal", dass laut Umfragen nur noch 32 Prozent der Bürger die SPD für kompetent hielten, wenn es um Gerechtigkeit gehe. Die Sozialdemokratie, sagt ihr Vorsitzender, wirke wie "eine emotional ermüdete Partei im Hamsterrad der Sozialreparaturen" - dabei erlebe man gerade eine Zeit, "in der die soziale Frage zurückgekehrt ist". Gabriel spricht über Klassengegensätze, ein "neues Dienstleistungsproletariat", Globalisierungsverlierer - und über die Rente. Wenn die Rente nicht sicher sei oder es zumindest nicht so wirke, dann sehe sich der potenzielle SPD-Wähler um den Lohn eines Lebens "betrogen".

Was Gabriel hier vorträgt, ist klassische, pure Sozialdemokratie - und damit die endgültige Abkehr von jenem Mitte-Kurs, auf den er die Partei noch im vergangenen Jahr drängen wollte. Hätte er so beim Parteitag im Dezember geredet, hätte er aller Wahrscheinlichkeit nach deutlich mehr als jene 74,3 Prozent bekommen, aus denen letztlich die bis heute andauernde Diskussion um seine Person wurde. Nun aber hat er sich offenbar entschieden, für sein womöglich letztes Gefecht die rote Fahne herauszuholen. Im Willy-Brandt-Haus bekommt er dafür Applaus.

Zumal er es nicht beim Blick auf die Gegenwart belässt, sondern kritisch auf die jüngere sozialdemokratische Vergangenheit schaut. Ein "Fehler" sei es gewesen, "Kapitalerträge geringer zu besteuern als Erträge aus Arbeit", sagt Gabriel - und erntet den bislang stärksten Beifall. Rückblickend frage er sich, wie das "eigentlich einer Partei der Arbeit" habe passieren können. Sollte die SPD noch einmal in die Bundesregierung kommen, sagt Gabriel, werde sie die Abgeltungsteuer abschaffen. Eingeführt wurde sie einst unter dem sozialdemokratischen Finanzminister Peer Steinbrück. Die zusätzlichen Steuereinnahmen, sagt Gabriel, solle man "ins Bildungssystem" stecken, um aus den Schulen die "Kathedralen des 21. Jahrhunderts" zu machen. Dann sagt er, die SPD sei "ein bisschen zu viel Staat und zu wenig soziale Bewegung". Das müsse sich ändern. Und hier kommt Susanne Neumann ins Spiel.

Sie ist kürzlich in die SPD eingetreten, nachdem sie mit der nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft in einer Talkshow gesessen hatte. Nun, nach Gabriels Rede, soll sie einen Dialog mit ihm führen. Erste Frage an Neumann: Warum SPD? Sie spricht über die Sorgen von Niedriglöhnern, dann sagt sie: "Wenn die SPD weg ist, ham wir ja überhaupt nichts mehr." Die "kleinen Leute" müssten doch vertreten werden. Applaus.

Aber so angenehm bleibt es für Gabriel nicht. Susanne Neumann legt den Finger in die sozialdemokratischen Wunden. "Ihr habt das Befristungsgesetz geändert, in meiner Branche wird einfach nur noch befristet", hält sie Gabriel vor - und fragt in der Mundart des Ruhrgebiets, warum man sich für eine Partei entscheiden solle, die einem "dat eingebrockt" habe.

Susanne Neumann wird innerhalb von Minuten zum Liebling des Publikums. Geschafft hat sie das spätestens, als Gabriel sie fragt, was sie denn auf den Einwand entgegnen würde, dass die Sache mit der Befristung "mit den Schwatten", also der Union, nun mal nicht anders zu machen sei. Darauf Neumann: "Ja, aber warum bleibt ihr dann bei den Schwatten?" Jubel, begeisterter Applaus.

An dieser Stelle, wenn er die Vorteile der großen Koalition erklären muss, wird Gabriel häufig unwirsch, patzig, belehrend. An diesem Tag nicht. Er bleibt respektvoll, ohne Neumann nach dem Mund zu reden, spricht ihre Sprache, ohne künstlich oder anbiedernd zu wirken. Und man stellt sich kurz vor, es würde dort jemand anderes neben ihr sitzen - Frank-Walter Steinmeier etwa, der Außenminister, den manche nun wieder gern als Kanzlerkandidaten sähen. Steinmeier, der immer etwas steif und distanziert wirkt, im Gespräch mit Frau Neumann? Womöglich erinnert sich mancher im Willy-Brandt-Haus an diesem Vormittag daran, dass Gabriel zwar diverse Schwächen, dafür aber auch Qualitäten hat, über die so ausgeprägt niemand an der SPD-Spitze verfügt. Etwa die Fähigkeit, Nähe herzustellen, und zwar schnell.

Am Ende berichtet Frau Neumann, dass sie wegen einer Krebserkrankung wahrscheinlich in Rente gehen müsse und, obwohl sie "ihr Lebtag malocht" habe, auf Grundsicherung angewiesen wäre, wenn sie nicht ihren Ehemann hätte. Gabriel redet über die Rente mit 67, die man für Arbeiter faktisch abgeschafft habe. Frau Neumann sagt: "Ich bring' dir mal meinen Rentenbescheid mit." Gabriel nickt.

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SZ vom 10.05.2016
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