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SPD-Führung:Hannover oder Berlin - was will Weil?

Beginn der Sommerreise von Ministerpräsident Weil

Kochen mit Headset: Stephan Weil, Ministerpräsident von Niedersachsen (SPD), bereitet in der Markthalle in Bienenbüttel Essen zu.

(Foto: Philipp Schulze/DPA)
  • Niedersachsens Ministerpräsident Weil gehört zu denen, auf die die Bundes-SPD große Hoffnungen setzt.
  • Wenn es um wichtige Posten für niedersächsische SPD-Politiker geht, hat Weil das erste Zugriffsrecht.
  • Aber Weil bringt sich bislang nicht offensiv ins Spiel. Der Bewerbungszeitraum für den Parteivorsitz dauert noch bis zum 1. September.

Es ist keine gewöhnliche Sommerreise, zu der Stephan Weil aufgebrochen ist. Die dreitägige Fahrt des Ministerpräsidenten durch Niedersachsen ist ein unausgesprochenes Statement: "Hier lebe und arbeite ich. Hier will ich bleiben." Er drückt das nur subtiler aus.

Tag eins der Landpartie, die Reise führt von Hannover ins Hinterland. Es geht mit der Bummelbahn nach Bienenbüttel. Als Ministerpräsident fällt Stephan Weil die Ehre zu, auch mal selbst den Zug zu steuern und zur Belustigung der Fahrgäste den Schaffner zu spielen. Ein ICE überholt, da wird er von Journalisten gefragt, ob er nicht lieber in den Schnellzug umsteigen möchte. Gemeint ist natürlich in diesen Tag und Wochen, in denen Weils SPD in Berlin auf der Suche nach einer neuen Spitze ist: Ob er nicht in die Bundespolitik wechseln möchte.

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Weil kennt solche Fragen. Sie begleiten ihn jeden Tag. Der 60-Jährige gehört zur Führungsreserve der Partei. Und er hat nie ausdrücklich gesagt: Nee, mach' ich nicht. Er drückt es so aus: Er sitze oft im Zug nach Berlin. "Und zurück - vor allem zurück." Was will Weil? So genau weiß das niemand. Aber in diesen drei Tagen mit ihm wird klarer, was er eigentlich nicht will: weg aus Niedersachsen.

Am Bierstand wird Stephan Weil eingeladen. "Ja, Gott, bevor ich mich schlagen lasse."

Bienenbüttel ist ein Örtchen mit etwa 3500 Bürgern. Als die Regionalbahn ankommt, erwartet Weil ein ausgerollter Teppich auf dem Bahnsteig. Von dort aus sind es wenige Schritte in den Ortskern. Weil besucht die Markthalle. In Bienenbüttel haben Bürger mit Gemeinschafts- und Unternehmersinn einen leer stehenden Supermarkt im Zentrum übernommen und zu diesem Treffpunkt ausgebaut. Dort gibt es regionale Produkte zu kaufen und laut Programm in den nächsten Tagen einen Cocktailabend, ein Frauenfrühstück und einen "Summerfeeling-Brunch".

Weil lässt sich von Mitinitiatorin Loni Franke zeigen, was hier in den vergangenen Jahren entstanden ist. Er staunt, er scherzt, er herzt - mit Headset am Kopf bewegt er sich wie ein Showmaster durch Bienenbüttel. Weil sagt: "So etwas habe ich für einen Ort dieser Größe noch nicht gesehen." Beim Bierstand der lokalen Brauerei stehen Männer aus dem Ort zusammen. Als Weil kommt, machen sie höflich Platz und bieten an, ob er probieren wolle. "Ja, Gott, bevor ich mich schlagen lasse." Prost. Da wirkt er wie einer, dem für den Augenblick rein gar nichts fehlt. Berlin? Scheint auf einem fernen Planeten zu liegen.

In der Bundes-SPD ist Weil einer, auf dem Hoffnungen ruhen. Erfolgreicher Sozialdemokrat mit Regierungserfahrung - davon stehen der Partei gerade nicht so viele zur Verfügung. Die Ministerpräsidentinnen aus Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern, Malu Dreyer und Manuela Schwesig, führen zusammen mit Thorsten Schäfer-Gümbel kommissarisch die Partei, nachdem Andrea Nahles sich von der Spitze zurückgezogen hat. Alle drei haben ausgeschlossen, den Job auf Dauer zu machen.

Das gleiche gilt für Finanzminister und Vize-Kanzler Olaf Scholz sowie Arbeitsminister Hubertus Heil. Außenminister Heiko Maas hält sich bedeckt. Geht es nach dem Wunsch der Übergangschefs, soll die Partei künftig von einer Doppelspitze geführt werden. Da wäre es gut, wenn zumindest eine oder einer in dem Doppel eine gewisse Regierungserfahrung mitbringt. Weil könnte diese Person sein.

Aber er zaudert. Offensiv bringt er sich nicht ins Spiel. Das hat er schon nicht getan in der Zeit, als Nahles die Unterstützung wegbrach. Er wartet ab. Bis zum 1. September läuft die Bewerbungsfrist. Bis jetzt hat erst ein Duo Interesse angemeldet - Europa-Staatsminister Michael Roth und die ehemalige nordrhein-westfälische Familienministerin Christina Kampmann.

Die Niedersachsen-SPD gehört zu den mitgliederstarken Verbänden der Sozialdemokraten. Sie hat den Anspruch, das Führungspersonal zu stellen. Man muss nur an Alt-Kanzler Gerhard Schröder denken, oder an Sigmar Gabriel, der schon länger nicht mehr Parteichef ist, sich aber noch so aufführt. Weil ist auch erfolgreich. Aber ein anderer Typ. Aus seiner Zeit als Oberbürgermeister von Hannover ist ein Satz von ihm überliefert, der auch viel über sein Machtstreben aussagt: "Ich bin schließlich nur ein einfacher, Bier trinkender Kommunalpolitiker." Wenn er sagt, er habe keine Ambitionen, nach Berlin zu wechseln, dann stimmt das womöglich.

Die anderen Niedersachsen müssen sich zurückhalten

Nachdem er 2013 Ministerpräsident wurde, ist er langsam in die Rolle des Landesvaters hineingewachsen. Weil verschenkt Bildbänder mit dem Titel "Himmel über Niedersachsen". Er betritt seine Staatskanzlei morgens mit einem breiten "Mahlzeit". Das kleine Café unweit der Staatskanzlei hat gleich zwei gerahmte Fotos von Weil aufgehängt. Als die Landesvertretung in Berlin ihr großes Sommerfest ausrichtete, gab er den großzügigen Landesfürsten: Esst und trinkt.

Das bekommen auch jene aus seiner SPD mit, die Ambitionen haben dürften. Dazu gehört sein ehrgeiziger Innenminister Boris Pistorius, 59. Und Lars Klingbeil, 41, Generalsekretär der Bundes-SPD. Nur, sie müssen sich zurückhalten. Das erste Zugriffsrecht hat Weil. Er wurde schon im Familienministerium von Franziska Giffey gesichtet. Das hatte Spekulationen ausgelöst, ob er bereits nach einer Partnerin sucht. Weil weiß, dass er seiner Partei viel zu verdanken hat. Ohne sie wäre er nicht dort, wo er ist. Sollte sich in der Bewerbungsphase keine Nachfolgelösung andeuten, die der SPD auf die Beine zu helfen vermag, könnte er sich gezwungen sehen, doch selbst anzutreten. Diese Sommerreise genießt er. Es könnte die letzte, wirklich bequeme sein.

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