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SPD:Rettungsversuch für eine Volkspartei

Carsten Brosda: Die Zerstörung. Warum wir für den gesellschaftlichen Zusammenhalt streiten müssen. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2019. 176 Seiten, 18 Euro.

Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda antwortet dem Youtuber Rezo auf dessen "Zerstörungs"-Video.

Die SPD befindet sich in einer beklagenswerten Verfassung, das wird auch der zuversichtlichste Genosse zugeben. Die jüngsten Wahlergebnisse (Landtagswahl Bayern 2018: 9,7 Prozent; Sachsen 2019: 7,7 Prozent; Thüringen 2019: 8,2 Prozent), die Fluktuation an der Spitze und das mühsame und ermüdende Auswahlverfahren um den Vorsitz - sowie dessen überraschender Ausgang - dürften viele verzweifeln lassen. Auch Anhängern anderer demokratischer Parteien muss jegliche Schadenfreude vergehen und bange werden angesichts des Niedergangs einer ehemals großen Volkspartei und des politischen Vakuums, das sich auftut. Wenn sich ein verantwortlicher SPD-Politiker dieses Themas annimmt, wird man neugierig.

Carsten Brosda ruft zum Streit für den "gesellschaftlichen Zusammenhalt" auf, "Die Zerstörung" lautet der dramatische Titel seines Traktats im Taschenbuchformat, in knalligem SPD-Rot und mit bedrohlich absteigendem Schriftzug. Der 45-Jährige ist im Hamburger Senat zuständig für Kultur und Medien. Davor war Brosda, als Gelsenkirchener von Kindesbeinen an sozialdemokratisch geprägt, in der SPD als Redenschreiber und Pressereferent tätig, etwa für Gesine Schwan, als die 2014 für das Bundespräsidentenamt kandidierte. Sein Büchlein klingt vielversprechend, im Vorwort breitet er Vernünftiges aus: Selbstkritisch bedauert er, es sei vielen gesellschaftspolitischen Debatten "augenscheinlich nicht gelungen, eine inhaltlich ernsthafte Debatte seitens der Politik zu führen". Er benennt die Profillosigkeit der Volksparteien als Grundübel, die "Mitte-rechts-Angebote der Union" und die "Mitte-links-Angebote der SPD", während sich Grüne oder die AfD zu "politisch-ideologischen Kraftzentren" gewandelt hätten mit "emotionalen Identifikationsangeboten".

Als ausgebildeter Journalist steigt er mit seinem Hausthema ein und knöpft sich "Die Zerstörung des öffentlichen Gesprächs" vor, also die Debatte, die der Youtuber Rezo im Mai lostrat mit seinem inzwischen 16 Millionen Mal angeklicktem Video "Die Zerstörung der CDU", in dem er vor allem die Unionsparteien attackiert - über und unter der Gürtellinie. Brosdas Buchtitel lehnt daran an. Es geht um den Effekt, um den Sog sozialer Medien und ihrer Algorithmen, um eine "fundamental veränderte Vermittlungslogik des Öffentlichen, die verstehen muss, wer sich künftig wirksam am gesellschaftlichen Gespräch beteiligen will". Er warnt vor einer Gesellschaft, in der "alle sprechen, aber niemand mehr zuhört", wie es der amerikanische Digitalexperte Jeff Jarvis treffend formulierte. Brosdas Appelle sind wahr und wichtig, inzwischen jedoch auch anderweitig sehr verbreitet. Das Kapitel wurde wohl zum Höhepunkt des Hypes um den Blogger und (s)ein Video geschrieben; das Buch erschien Ende August, die Aufregung um Rezo ist aber inzwischen verpufft - ein Problem von Sachbüchern, die mit der Halbwertzeit digital entfachter Debatten unmöglich mithalten oder sie gar verewigen können.

Die Sprache des Analysten ist jedenfalls nicht volksnah

Nach dem Exkurs in die Medienwelt und Streifzügen durch gängige Debatten - Masseneinwanderung, Erfolge von Rechtspopulisten, "Fridays for Future", Greta Thunberg - wendet sich Brosda dem Zustand seiner Partei zu, und zwar ebenso extensiv wie intensiv. Die Kapitel lesen sich bisweilen wie ein Hilferuf: Die SPD werde gebraucht, "nicht nur weil sie unermessliche historische Verdienste hat ...", bisweilen wie ein Schuldeingeständnis: "Wir haben aktuell einiges mehr wieder aufzubauen als bloß das Vertrauen in die Politik der großen Parteien. (...) Zu routiniert und technokratisch wirkte ihre Herangehensweise an die immer drängenderen großen Aufgaben der Zeit und der Zukunft." Technokratisch ist leider auch Brosdas Schreibe. Die verständliche Sprache, die man nach Lektüre des Vorworts für den Rest des Buches erwartet, bleibt auf der Strecke. Brosda verfällt in Kommunikationswissenschaftssprech, in Substantivungetüme und Schachtelsätze. Kostprobe: "Ein solches Narrativ wird nicht umhinkommen, sich einerseits mit den Herausforderungen der Komplexität unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen - und folglich Singularitäten, heterogene Wirkweisen und voneinander getrennte Funktionslogiken einzelner gesellschaftlicher Bereiche als Ausgangspunkt der eigenen Politikformulierung anzuerkennen." Uff!

Der Politiker versteht es, einfache Zusammenhänge umständlich auszudrücken, obwohl er es als Volontär bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung doch eigentlich umgekehrt gelernt haben müsste. Noch ein Beispiel für diese Art Wortvergewaltigung: "Die Veränderungen der Rahmenbedingungen des gesellschaftlichen Gesprächs haben fundamentale Auswirkungen auf die Art und Weise, wie der politische Veränderungsprozess in unserer Gesellschaft gestaltet ist." Sogar die Lösungsansätze am Ende verlieren sich im Floskelnebel. Sicherlich ist es nicht zuletzt eine abstrakt-akademische Sprache, die Politiker zunehmend von den Wählern entfremdet.

Irritierend kommt dazu, dass sich das Buch bald nur noch um die SPD dreht, wo es laut Klappentext und Vorwort doch um eine Analyse der "politischen Landschaft" und um die "großen Volksparteien" gehen soll. Der Eindruck drängt sich auf, hier fühlt sich jemand zu Höherem berufen, hier will sich ein Landespolitiker für die Bundesebene warmlaufen. Das ist legitim, allerdings wäre der Mix aus Schelte und Bedienungsanleitung dann besser im Vorwärts aufgehoben, als Appell an die Genossen. Doch mit dem SPD-Organ geht es ja ebenfalls bergab, allein in den vergangenen zwanzig Jahren ist seine Auflage um die Hälfte geschrumpft.

Ach, es ist ein Jammer mit Deutschlands ältester Partei.