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SPD:Mehr Applaus, als Gabriel lieb sein kann

Neumann bleibt unbeeindruckt. Leiharbeit, auch so ein Agenda-Produkt, das sei ein Zwei-Klassen-System. "Die haben Scheißverträge", sagt sie. "Ihr habt uns runtergefahren."

Gabriel will das so nicht stehen lassen. Das Gesetz gegen den Missbrauch von Leih- und Werkverträgen sei ja in Arbeit. Soll er das alles sausen lassen, nur um die Koalition mit der Union zu verlassen? Wie soll das gehen?

Neumann: "Wenn 'ne Reinigungskraft dir dat sagen könnte, wie du dat hinkriegst ..."

Wieder Applaus. Mehr als Gabriel lieb sein kann.

Neumann hat mit ein paar wenigen Sätzen die ganze Misere der SPD auf den Punkt gebracht. Aus Sicht der Partei strampeln die Sozialdemokraten sich ab, jagen ein sozialdemokratisches Gesetz nach dem anderen durch den Bundestag. Haben sogar die Rente mit 67 zum Teil wieder zurückgenommen.

Und doch vertrauen die Menschen der SPD kaum noch. Schon gar nicht in Gerechtigkeitsfragen. Gabriel sagt es selbst in seiner einführenden Rede zu dieser Gerechtigkeits-Konferenz der SPD: Nur noch 32 Prozent der Menschen halten die SPD in dieser Frage für kompetent.

Gabriel hält das für das zentrale Problem seiner Partei. "Natürlich spüren wir den tiefen Vertrauensverlust", sagt er. Und: "Für die Sozialdemokratie ist der Vertrauensverlust in Gerechtigkeitsfragen existentiell."

Gabriel macht damit die Tür weit auf - vor allem für die Parteilinke. Wenn die Gerechtigkeitsfrage das zentrale Thema im Wahlkampf werden soll, dann ist die wieder am Zug. Es geht um Steuergerechtigkeit, es geht um das alte Thema Bürgerversicherung. Gabriel will vor allem Letztere zu einer Frage mit höchster Priorität machen.

Es wird auch darum gehen, dass mit der SPD und ihrer Abgeltungsteuer Kapitalerträge heute geringer besteuert werden als Erträge aus Arbeit. "Rückblickend fragt man sich, wie konnte das einer Partei der Arbeit passieren?", sagt Gabriel.

Wie Gabriel sich den Wahlkampf 2017 vorstellt, ist also klar: "Ich glaube, dass wir den Kampf um die demokratische Mitte neu aufnehmen müssen. Gerechtigkeit ist der Schlüssel beim Kampf um die demokratische Mitte."

Offen bleibt allerdings, ob er selbst oder jemand anderes die SPD in diesen Wahlkampf führen wird. Sollte Gabriel anfangen, so zu handeln wie er an diesem Montagvormittag redet, dann hätte er durchaus eine Chance. Neumitglied Susanne Neumann hat er aber wohl noch nicht überzeugt.

© SZ.de/ghe
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