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SPD-Nachwuchs im Wahlkampf:Auf Stimmenfang mit Hoeneß

Kein SPD-Logo, und doch Thema im Wahlkampf: Der SPD-Nachwuchs verteilt Flyer mit Merkel und Hoeneß.

(Foto: Klaus Staeck/Jusos)

Wo wimmelt es vor potenziellen SPD-Wählern? Im Fußballstadion! Denkt sich der SPD-Nachwuchs und verteilt einen Flyer, der Kanzlerin Merkel beim Händedruck mit FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß zeigt. Union und FDP sind sauer, viele Bayern-Fans auch. Zumal SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück ein schwieriges Verhältnis zum Fußball hat.

Falls Sie, liebe Leser, genug haben von Texten aus der Rubrik "Suboptimale Wahlkampfmaßnahmen der SPD", hören Sie bitte jetzt auf zu lesen. Es sei denn, Sie interessieren sich für Fußball. Dann könnte Ihnen folgende Geschichte vielleicht doch gefallen.

Noch da? Dann zunächst eine Meldung, die am Donnerstag über den Nachrichtenticker lief:

Die SPD will im Wahlkampf mit einer gegen FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß gerichteten Postkarten-Aktion bei Fußballfans punkten. Vor allem an Fans von Borussia Dortmund und Schalke 04 sollen am kommenden Wochenende bis zu 100.000 Karten verteilt werden, die Kanzlerin Angela Merkel (CDU) beim Handschlag mit Hoeneß zeigen. In Anspielung auf dessen Steueraffäre wurden Merkel die Worte "Glückwunsch Uli! Wir Steuern das schon" in den Mund gelegt.

Sie ahnen schon, das gibt Ärger. Aber die SPD möchte zunächst klarstellen, dass nicht sie das Motiv entworfen hat, sondern der Grafikdesigner Klaus Staeck und der Verein "Aktion mehr Demokratie". Auch würden nicht SPD-Wahlkämpfer den Flyer verteilen, sondern die Jusos, also SPD-Nachwuchsgenossen. Der Juso-Vorsitzende Sascha Vogt sagt auf Anfrage von SZ.de: "Das ist ein sehr passendes Motiv, weil wir im Wahlkampf einen klaren Schwerpunkt auf Steuergerechtigkeit setzen wollen. Steuerhinterziehung ist ein krimineller Akt, den man ironisch aufgreifen kann. Hoeneß ist ein prominentes Beispiel."

Jetzt zum Ärger: CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt wirft der SPD einen "antibayerischen Wahlkampf" vor. Sie wolle "Aggressionen gegen den FC Bayern schüren", das zeuge von einer "heillosen Panik der Genossen" angesichts schlechter Umfragewerte. Wolfgang Kubicki, Lautsprecher der FDP in Schleswig-Holstein, nennt die Aktion "erbärmlich" und "an Geschmacklosigkeit nicht zu überbieten". Im Übrigen sollten die Jusos, "wenn sie einen Arsch in der Hose haben, die Karten in München vor dem nächsten Bayern-Heimspiel verteilen".

Haben die Jusos einen Arsch in der Hose? Dazu ihr Vorsitzender Vogt:

"Ich bezweifle, dass Herr Kubicki einen Arsch in der Hose hat. Sein Spruch zeigt doch nur, dass er nervös wird, weil seine Steuerhinterzieher-Freunde bald kräftig zahlen müssen. Im Übrigen hat auch die Mehrheit der Bayern-Fans ein großes Problem mit Steuerhinterziehung."

Tja, die Fans. Hier wird die Sache für die SPD suboptimal. Ihr Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat nämlich ein, sagen wir, ungeklärtes Verhältnis zu deutschen Fußballklubs. Bayern-Fans und Unions-Politiker (auf einige mag beides zutreffen) schieben einander bei Twitter genüsslich Fotos von Steinbrück zu, wie er mit Fan-Utensilien unterschiedlicher Fußballvereine zu sehen ist.

Sollten es doch Nicht-Fußballkenner bis hierhin geschafft haben, so sei Ihnen gesagt: Das kommt nicht so gut an, wenn sich einer nicht entscheiden kann.

Konkret: Steinbrück ist seit 2010 Mitglied im Aufsichtsrat von Borussia Dortmund. Ein Foto, das nach Angaben des Urhebers aus dem Jahr 2008 stammt, zeigt ihn jedoch mit einem Fan-Schal des FC Schalke 04. Dortmund und Schalke vertragen sich etwa so gut wie heißes Fett und Wasser.

In seiner Jugend scheint Steinbrück auch mal dem Hamburger SV die Daumen gedrückt zu haben. Und 2009 sprach er von "meiner Borussia", meinte aber nicht Dortmund, sondern Mönchengladbach. Er posierte auch gleich mit einem Trikot, hier zu sehen. Dortmunder und Gladbacher vertragen sich auch nicht immer gut.

Wenn die SPD, beziehungsweise die Jusos, jetzt Fußballfans als potenzielle Steinbrück-Wähler entdeckt haben, dann bekommen sie ein Glaubwürdigkeitsproblem. Oder? Dazu der Juso-Vorsitzende Vogt: "Steinbrück ist klar Dortmund-Fan. Mit anderen Vereinen pflegt er einen nahen Umgang. Da spricht nichts dagegen."

Den "nahen Umgang" pflegte auch Gerhard Schröder schon, SPD-Bundeskanzler von 1998 bis 2005. Der war wahlweise Hannover-, Cottbus- oder Dortmund-Fan, wie es gerade passte. Steinbrück tritt jedoch gegen Angela Merkel an. Die verhält sich ganz neutral, wenn es um Fußball geht: Wenn sie jubelt, dann für die deutsche Nationalmannschaft. Und als sie vor dem Champions-League-Finale gefragt wurde, ob sie Dortmund oder München die Treue hält, da antwortete sie: "Beide Mannschaften haben mich schon immer begeistert."