SPD-Mitgliederentscheid "Am liebsten hätte ich einen König"

Längst Makulatur sind die Hoffnungen der SPD auf eine Wende mit einem Kanzlerkandidaten Martin Schulz.

(Foto: Wolfgang Rattay/Reuters)

Was ist der Wählerwille? Eine SPD-Wahlkämpferin sprach mit Tausenden Hamburgern und fragt sich nun, ob ihre Partei einen Neuanfang ohne Groko wagt. Die Antwort steht in einem roten Tagebuch.

Von Thomas Hahn, Hamburg

Der Patan-Kiosk liegt am Rande eines verwitterten Spielplatzes, mittendrin in der gediegenen Pracht von Ottensen. Die Lokalpolitikerin Anne-Marie Hovingh sitzt hier gern, weil der enge Laden mit seinen zwei Tischen und der schmalen Theke eine Bodenständigkeit ausstrahlt, die sie mittlerweile vermisst in ihrem Hamburger Heimatstadtteil. Hier redet sie mit den Leuten über Merkel und die Welt, über ihre Partei, die SPD, über die Lage der Nation. Oder sie hört zu, wenn die Inhaberin von ihren Alltagskämpfen erzählt. Auch heute, an diesem trüben Wintersonntag, ist sie da. Sie hat ein Buch dabei, großes Format, roter Einband. Sie schlägt es auf. Auf der ersten Seite steht feierlich in geschwungener Kugelschreiber-Schrift: "Wahlkampftagebuch zur Bundestagswahl 2017 von Anne-Marie Leonore Hovingh."

Mehr als fünf Monate ist das Ende dieses Wahlkampfes mittlerweile her. Kaum zu glauben, dass seine Folgen jetzt doch bald in einer Regierungsbildung münden sollen. Bis 2. März können die SPD-Mitglieder abstimmen über Ja oder Nein zur großen Koalition unter der CDU-Kanzlerin Angela Merkel. Wenn sie zustimmen, bekommt das Land, was es schon in der vergangenen Legislaturperiode hatte, und Anne-Marie Hovingh, 30, seit 15 Jahren eine überzeugte, sehr engagierte Sozialdemokratin, gehört zu jenen an der Basis, die darüber nicht sehr froh sind. Warum? Die Antwort steht in besagtem Tagebuch, das sie Anfang 2017 anlegte, nachdem sie, Vize-Vorsitzende des Ortsvereins Ottensen und Abgeordnete des Altonaer Bezirkstags, vom Kreisvorstand zur Wahlkampfleiterin für den Bundestagsabgeordneten Matthias Bartke gewählt worden war. Das Tagebuch ist eine Sammlung von Wählermeinungen, die sicher nicht die ganze Wahrheit über die Stimmung im schwarz-roten Merkel-Land offenbart - aber einen Teil davon ganz bestimmt.

Der Wahlkreis Altona liegt im Westen Hamburgs, 185 000 Wahlberechtigte leben dort. Die Reichen von Blankenese gehören genauso dazu wie die Kleinverdiener von Lurup. In Ottensen hat es sich die bürgerliche Mittelschicht bequem gemacht und breitet sich allmählich nach Altona-Nord aus, was das soziale Gefüge dort verändert. Gentrifizierung und teure Mieten sind hier ein großes Thema.

Die Leute interessierten sich eher für einen Radweg als für nationale Themen, sagt Hovingh

8000 Wohnungen haben Anne-Marie Hovingh und ihr Team im vergangenen Jahr in diesem Wahlkreis abgeklappert und mehrere Zehntausend Menschen angesprochen. Sie orientierten sich an den Ergebnissen der Bundestagswahl 2013 und waren vor allem dort, wo die SPD stark ist oder sie hoffen durften, Wechselwähler zurückzuholen. Eine reine Freude war das nicht. Zu Beginn des Wahlkampfes steckte Anne-Marie Hovingh in der Schlussphase ihres Lehramtsstudiums, am Ende arbeitete sie an der Ernst-Barlach-Gemeinschaftsschule in Wedel. Das war anstrengend. Aber das ist nicht ihr Thema. Die Haltungen der Leute sind ihr Thema.

Zuspruch für Wahlkämpferinnen und Wahlkämpfer der SPD gibt es auch. Gerade in Hamburg, wo der möglicherweise nächste Bundesfinanzminister Olaf Scholz als Erster Bürgermeister und Parteichef eine Hausmacht aufgebaut hat. Es motivierte Anne-Marie Hovingh, wenn sie die aufmunternden Kommentare abends im Tagebuch notierte. Dort, wo Ottensen sich zur Elbe hin erstreckt, waren die Leute besonders SPD-freundlich. Allerdings diskutierten sie teilweise leidenschaftlicher über den Plan eines Radwegs am Strand von Övelgönne als über nationale Themen. Anne-Marie Hovingh versteht das. "Die Leute bewegt das, was vor ihrer Haustür passiert." Die Meinungen zu Martin Schulz, dem Kanzlerkandidaten? Waren geteilt.

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Mittlerweile sprechen sie in der SPD so wenig wie möglich über den gescheiterten Parteichef Schulz mit seinen missglückten Personalansagen. Anne-Marie Hovingh spürte schon im Sommer, dass Schulz die Menschen nicht einnahm. Sie lief mit einem Papp-Schulz durch die Straßen für die Aktion "Sag's Martin" und merkte, dass viele sich den früheren Präsidenten des EU-Parlaments nicht als künftigen Deutschland-Kanzler vorstellen konnten. "Die Leute sagten: Was will der in der Bundespolitik?" Als Kämpfer für die europäische Idee hat sie Schulz immer verehrt. "Aber er ist keine Identifikationsfigur für die Sozialdemokratie in Deutschland."

Seltsame Begegnungen hat Anne-Marie Hovingh in ihrem Tagebuch notiert. Vor dem Einkaufszentrum in Lurup regt sich ein Kosovo-Albaner über Angela Merkels Flüchtlingspolitik auf. In Ottensen sagt ein Erstwähler: "Man sollte Olaf Scholz in die Elbe schmeißen." Warum? "Weil er so hässlich ist." Eine stilsicher gekleidete Frau um die 30 sagt: "Am liebsten hätte ich einen König." Für Anne-Marie Hovingh zeigen solche Sätze, dass eine Denkfaulheit um sich greift in der deutschen Wohlstandsgesellschaft. "Merkelmania hat eine politische Grundstimmung entwickelt, in der ein richtiger Diskurs nicht mehr geführt wird."

Anne-Marie Hovingh, 30, ist seit 15 Jahren eine überzeugte Sozialdemokratin. Im Wahlkampf sprach sie mit den Reichen von Ottensen ebenso wie mit Kleinverdienern in Lurup.

(Foto: Privat)

Und die SPD leidet aus ihrer Sicht unter dem Irrglauben der Leute, dass es einfache Antworten auf die Fragen einer komplexer werdenden Welt gibt. Den Mund hat sie sich fusselig geredet über sozialdemokratische Errungenschaften wie den Mindestlohn oder die Abschaffung der Makler-Courtage. Viele Leute finden die SPD trotzdem nicht mehr so richtig links. Im frisch gebohnerten Treppenhaus einer Ottenser Genossenschaftswohnung ließ sie ein Herr mit der Bemerkung abblitzen, seine Frau sei Professorin: "Wir können uns schon selbst informieren, und die SPD ist ja mittlerweile auch kaum wählbar. Wo ist denn das S in der Partei? Der Gabriel mit dem TTIP - wo ist denn da die klare sozialdemokratische Linie?"

Das Freihandelsabkommen, bei dem Sigmar Gabriel als Wirtschaftsminister mitverhandelte, ist ein wunder Punkt, das sieht Anne-Marie Hovingh genauso. Aber versteht der Mann wirklich die Zwänge der Weltwirtschaft? Die Notiz dazu in ihrem Tagebuch liest sich wie ein Seufzer: "Er war sicher auch mal anders. Aber jetzt hat er es sich gemütlich gemacht."

Jetzt sieht es so aus, als sei ihr Happy End verschoben

Die SPD hat den Anspruch, die Wirtschaft genauso zu fördern wie die kleinen Einkommen - dieser Spagat kann eine Partei zerreißen. Gerade jetzt. "Es ist wie in so einer Post-Biedermeierzeit", sagt Anne-Marie Hovingh. Deutschland funktioniert für viele ganz gut, da kann man gefahrlos nörgeln. Die Abgehängten hingegen haben aufgesteckt und wählen AfD. Anne-Marie Hovingh hat das Gefühl, dass ihre SPD sich anstecken lässt von dieser Behäbigkeit. "Unser Wahlkampfmotto war ,Zeit für mehr Gerechtigkeit'. Gerechtigkeit ist ein starker Begriff. Aber den muss man mit Inhalt füllen. Da hat mir was gefehlt."

Deshalb blicken sie und andere junge SPD-Engagierte mit Skepsis auf die Groko: Weil ihr Wunsch nach Aufbruch schon wieder im Regierungsalltag versumpfen könnte. Anne-Marie Hovingh sitzt zwischen den nackten Wänden des Patan-Kiosks. Hier hört sie oft, dass SPD und CDU kaum noch zu unterscheiden seien. Und sie erinnert sich an den 24. September. Das Wahlkampfteam verfolgte das Berliner Geschehen im Max-Brauer-Haus, der Zentrale der SPD Altona. Matthias Bartke schaffte es wieder in den Bundestag. Die Partei rutschte auf 20,5 Prozent. Martin Schulz verkündete, dass die SPD in die Opposition gehe. "Allen fiel ein Stein vom Herzen", sagt Anne-Marie Hovingh, "endlich, wir sind diese große Koalition los, wir können wieder einen Diskurs führen und aufhören, uns von Merkel beherrschen zu lassen." Aber jetzt sieht es so aus, als sei ihr Happy End verschoben.

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