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SPD:Treue mit langer Vorgeschichte

Seit 1994 sitzt er im Europäischen Parlament, all die Jahre hat er darunter gelitten, international mehr zu gelten als hierzulande. Die Bundestagswahl 2017 wäre seine wohl letzte Chance, daran etwas zu ändern - zumal seine Amtszeit als Parlamentspräsident zur Hälfte der Legislaturperiode endet, also im Januar. Zwar könnte es passieren, dass er doch noch einmal weitermachen darf, aber selbst dann wäre das Ende der Karriere absehbar. Ein Wechsel in die Bundespolitik böte noch einmal neue Möglichkeiten. Doch was sagt er selbst?

Nicht viel, nur dies: "Sigmar Gabriel hat nach den Wahlniederlagen von 2009 und 2013 die SPD wieder aufgerichtet, und er macht in der Regierung einen richtig guten Job. Als SPD-Vorsitzender hat er den ersten Zugriff auf die Kanzlerkandidatur, wenn wir Anfang kommenden Jahres darüber entscheiden."

Damit schließt Schulz nichts aus, sondern hält sich alles offen. Interessant ist außerdem das "Wir": Nicht Gabriel allein entscheidet demnach. Zugleich steckt in diesen Sätzen sein großes Dilemma. Schulz gilt als einer der letzten politischen Freunde, die Gabriel noch hat. Auch jetzt lässt er keinen Zweifel an seiner Loyalität zu jenem Mann aufkommen, den ein Großteil der Parteiführung längst abgeschrieben hat. Die Treue hat eine lange Vorgeschichte: Nachdem Gabriel 2003 als niedersächsischer Ministerpräsident abgewählt war, sollte er an Stelle von Schulz die Spitzenkandidatur für die Europawahl 2004 übernehmen. Gabriel verweigerte sich, das rechnet Schulz ihm bis heute hoch an.

Er käme also nur infrage, wenn sich Gabriel freiwillig zurückzöge oder doch noch dazu gedrängt würde. Selbst dann aber wäre Schulz nicht automatisch Kandidat. In der SPD hat er zwar viele Fans, die seine Authentizität loben und darauf verweisen, dass er bei der Europawahl 2014 immerhin 27,3 Prozent geholt habe, also ein Ergebnis, von dem die SPD heute träumt. Es gibt aber genauso Skeptiker, die ihn für einen Dampfplauderer halten und ins Feld führen, dass er 2014 als Spitzenkandidat gegen Jean-Claude Juncker angetreten sei, also einen Luxemburger. So großartig sei das Ergebnis also auch wieder nicht.

Und dann ist da noch Olaf Scholz. Auch der Hamburger Bürgermeister zeigt derzeit bundespolitisch Präsenz - mit Interviews, Gastbeiträgen oder einem Papier zum Umgang mit der AfD. Auch Scholz, so nimmt man es in SPD-Kreisen wahr, will offenbar auf einen Tag x vorbereitet sein.

Seriös, aber langweilig

Scholz-Befürworter führen ins Feld, dass er für seriöses Regieren stehe, man also gut schlafen könnte, wenn er im Kanzleramt säße. Scholz-Gegner wenden ein, dass er vom Typ her - seriös, aber etwas langweilig - zu nah an der Kanzlerin liege.

Bei Schulz ist es umgekehrt. Kaum jemand zweifelt daran, dass er einen leidenschaftlichen Wahlkampf hinlegen könnte, klassisch sozialdemokratisch, "wir gegen die" - und immer drauf auf die Kanzlerin, mit der er sich zwar gut versteht, mit der er aber, anders als Gabriel, nie an einem Kabinettstisch gesessen hat. In der Attacke wäre Schulz freier. Aber dann? Traut man ihm das Kanzleramt zu? Das Regieren?

Schulz sagt zu solchen Fragen gerade nichts, schließlich befeuert das nur wieder die Spekulationen. Aus der Vergangenheit weiß man allerdings, wie sehr er an dieser Stelle aus der Haut fahren kann: Was man sich eigentlich denke? Ständig spreche er mit Staatsoberhäuptern, Regierungschefs, dem Papst! Mit allem, was in der Welt Rang und Namen hat!

Ob so einem die Innenpolitik nicht zu klein ist? Auch da kann Schulz fuchsig werden. Schließlich war er einst ein Jahrzehnt lang Bürgermeister von Würselen.

© SZ vom 18.06.2016
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