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SPD:Martin Schulz bringt sich ins Spiel

Martin Schulz

Martin Schulz: Das Wollen dringt aus jeder Pore.

(Foto: Patricia de Melo Moreira/AFP)

Der Präsident des Europäischen Parlaments versucht sich im Spagat: Er würde es sich zutrauen, der nächste SPD-Kanzlerkandidat zu sein - und er steht zugleich treu zu Parteichef Gabriel.

Von Christoph Hickmann, Berlin

Irgendwann, nach dem vierten, fünften Stopp, gibt man das Zählen auf. Bis dahin hat Martin Schulz, nachdem er den Sitzungssaal verlassen hat, mit einer jungen Amerikanerin für ein Foto posiert, diverse Hände geschüttelt und mit Mitarbeitern eines spanischen Unternehmens geredet, die gegen irgendetwas protestieren. Danach hat er weitere Hände geschüttelt, nun steht er neben einem jungen Mann und plaudert über Fußballvereine aus dem Rheinland, bevor er ein Foto von sich machen lässt, sich verabschiedet und weitermarschiert. Dann ist er am Aufzug. Schaulaufen beendet.

Den Weg vom Sitzungssaal des Europäischen Parlaments in Brüssel bis zum Fahrstuhl, der ihn zu seinem Büro bringt, hätte Martin Schulz an diesem Tag im Mai locker in weniger als einer Minute hinter sich bringen können. Weil aber alle paar Meter jemand etwas von ihm wollte, hat es deutlich länger gedauert, was Schulz sehr recht sein dürfte. Die Botschaft lautet: Dieser Mann ist nicht nur Präsident des Europäischen Parlaments, sondern auf der europäischen Bühne eine echte Nummer. Einer, an dem man nicht vorbeikommt.

Aber kann Schulz mit 60 Jahren auch in Deutschland noch mal eine echte Nummer werden? Zum Beispiel Kanzlerkandidat der SPD? Es ist eine Frage, die sich derzeit viele Genossen stellen und die auch deshalb von Belang ist, weil sich Schulz selbst offenbar ebenfalls mit ihr beschäftigt.

Dabei wirkt die Lage in der Sozialdemokratie gerade ausnahmsweise ruhig und übersichtlich. Parteichef Sigmar Gabriel, so ist zu hören, stelle die Weichen für den Wahlkampf im nächsten Jahr, woraus viele folgern, dass er auch entschlossen sei, die Kanzlerkandidatur zu übernehmen. Unter der Oberfläche aber gärt es weiter.

In den Umfragen steht die SPD weiterhin mies da - und viele Genossen, an der Spitze genauso wie an der Basis, zweifeln daran, dass Gabriel in der Bevölkerung noch genügend Glaubwürdigkeit genießt, um daran etwas zu ändern. Dass Gabriel Kandidat wird, ist also keineswegs ausgemacht. Und da kommt Schulz ins Spiel.

In Berliner SPD-Kreisen verfestigt sich gerade der Eindruck, dass der Parlamentspräsident bereitstünde. Schulz äußert sich zunehmend zu Themen, die zwar auch mit Europa zu tun haben, aber genauso gut als innenpolitische Stellungnahmen gelesen werden können - etwa am Donnerstag in der Berliner Zeitung, wo er angesichts fremdenfeindlicher Einstellungen in der Bevölkerung einen "Aufstand der Anständigen" forderte. Das ist nicht irgendein Ausspruch, sondern ein Zitat, das in jedem Sozialdemokraten das Kämpferherz weckt, seit Gerhard Schröder vor eineinhalb Jahrzehnten nach einem Brandanschlag auf eine Synagoge einen solchen Aufstand forderte. Schulz weiß das, er hat einen Sinn für Formulierungen.

Der Mann traut sich was zu

Wenn man Schulz dieser Tage beobachtet, erlebt man einen Mann, der zwar um keinen Preis sagen darf, dass er gern kandidieren würde, dem das Wollen aber aus jeder Pore dringt - etwa wenn er die Frage nach einer Kandidatur damit kontert, dass er von all seinen Verpflichtungen in Europa erzählt, von der Aufgabe, die er in dieser schwierigen Zeit zu erfüllen habe. Übrig bleibt stets der Eindruck: Der Mann traut sich auch die Bundespolitik zu - obwohl er selbst jede Andeutung dazu vermeidet. Schulz nimmt in der Hauptstadt vermehrt Medientermine wahr, lädt Berliner Journalisten zu seinen Auftritten ein. Und als der türkische Präsident Erdoğan kürzlich die türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten anging, war es Schulz, der ihn per Brief kritisierte - obwohl er als Präsident des Europäischen Parlaments nicht zwingend zuständig war.

Der Mann aus Würselen bei Aachen ist einer, wie es ihn in der Bundespolitik kaum noch gibt. Abitur hat er nicht, ist aber als Buchhändler auf eine Weise gebildet, wie sie selten geworden ist. Schulz kann über Karl den Fünften sinnieren und spricht zugleich die Sprache der einstigen SPD-Stammwählerschaft. Die SPD war mal die Partei des Aufstiegs. Schulz' Biografie ist eine Aufstiegsgeschichte.

Treue mit langer Vorgeschichte

Seit 1994 sitzt er im Europäischen Parlament, all die Jahre hat er darunter gelitten, international mehr zu gelten als hierzulande. Die Bundestagswahl 2017 wäre seine wohl letzte Chance, daran etwas zu ändern - zumal seine Amtszeit als Parlamentspräsident zur Hälfte der Legislaturperiode endet, also im Januar. Zwar könnte es passieren, dass er doch noch einmal weitermachen darf, aber selbst dann wäre das Ende der Karriere absehbar. Ein Wechsel in die Bundespolitik böte noch einmal neue Möglichkeiten. Doch was sagt er selbst?

Nicht viel, nur dies: "Sigmar Gabriel hat nach den Wahlniederlagen von 2009 und 2013 die SPD wieder aufgerichtet, und er macht in der Regierung einen richtig guten Job. Als SPD-Vorsitzender hat er den ersten Zugriff auf die Kanzlerkandidatur, wenn wir Anfang kommenden Jahres darüber entscheiden."

Damit schließt Schulz nichts aus, sondern hält sich alles offen. Interessant ist außerdem das "Wir": Nicht Gabriel allein entscheidet demnach. Zugleich steckt in diesen Sätzen sein großes Dilemma. Schulz gilt als einer der letzten politischen Freunde, die Gabriel noch hat. Auch jetzt lässt er keinen Zweifel an seiner Loyalität zu jenem Mann aufkommen, den ein Großteil der Parteiführung längst abgeschrieben hat. Die Treue hat eine lange Vorgeschichte: Nachdem Gabriel 2003 als niedersächsischer Ministerpräsident abgewählt war, sollte er an Stelle von Schulz die Spitzenkandidatur für die Europawahl 2004 übernehmen. Gabriel verweigerte sich, das rechnet Schulz ihm bis heute hoch an.

Er käme also nur infrage, wenn sich Gabriel freiwillig zurückzöge oder doch noch dazu gedrängt würde. Selbst dann aber wäre Schulz nicht automatisch Kandidat. In der SPD hat er zwar viele Fans, die seine Authentizität loben und darauf verweisen, dass er bei der Europawahl 2014 immerhin 27,3 Prozent geholt habe, also ein Ergebnis, von dem die SPD heute träumt. Es gibt aber genauso Skeptiker, die ihn für einen Dampfplauderer halten und ins Feld führen, dass er 2014 als Spitzenkandidat gegen Jean-Claude Juncker angetreten sei, also einen Luxemburger. So großartig sei das Ergebnis also auch wieder nicht.

Und dann ist da noch Olaf Scholz. Auch der Hamburger Bürgermeister zeigt derzeit bundespolitisch Präsenz - mit Interviews, Gastbeiträgen oder einem Papier zum Umgang mit der AfD. Auch Scholz, so nimmt man es in SPD-Kreisen wahr, will offenbar auf einen Tag x vorbereitet sein.

Seriös, aber langweilig

Scholz-Befürworter führen ins Feld, dass er für seriöses Regieren stehe, man also gut schlafen könnte, wenn er im Kanzleramt säße. Scholz-Gegner wenden ein, dass er vom Typ her - seriös, aber etwas langweilig - zu nah an der Kanzlerin liege.

Bei Schulz ist es umgekehrt. Kaum jemand zweifelt daran, dass er einen leidenschaftlichen Wahlkampf hinlegen könnte, klassisch sozialdemokratisch, "wir gegen die" - und immer drauf auf die Kanzlerin, mit der er sich zwar gut versteht, mit der er aber, anders als Gabriel, nie an einem Kabinettstisch gesessen hat. In der Attacke wäre Schulz freier. Aber dann? Traut man ihm das Kanzleramt zu? Das Regieren?

Schulz sagt zu solchen Fragen gerade nichts, schließlich befeuert das nur wieder die Spekulationen. Aus der Vergangenheit weiß man allerdings, wie sehr er an dieser Stelle aus der Haut fahren kann: Was man sich eigentlich denke? Ständig spreche er mit Staatsoberhäuptern, Regierungschefs, dem Papst! Mit allem, was in der Welt Rang und Namen hat!

Ob so einem die Innenpolitik nicht zu klein ist? Auch da kann Schulz fuchsig werden. Schließlich war er einst ein Jahrzehnt lang Bürgermeister von Würselen.

© SZ vom 18.06.2016
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