Sozialdemokrat Hermann Müller Der vergessene Kanzler

Ein letzter einigender Moment zwischen Reichsregierung und Reichspräsident war die Trauerfeier für Außenminister Gustav Stresemann im Oktober 1929. Links Kanzler Müller, rechts Paul von Hindenburg.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)
  • Peter Reichel hat eine Biografie über den SPD-Politiker Hermann Müller (1876-1931) vorgelegt.
  • Müller ist heute kaum noch bekannt, aber prägte als Außenminister und Reichskanzler die Weimarer Republik wesentlich mit.
  • Der Autor rückt den vergessen Politiker wieder ins Licht - aber in ein schiefes. Auch gibt es Lücken in der Biographie.
Rezension von Hans Günter Hockerts

Nicht Willy Brandt war der erste sozialdemokratische Außenminister in der deutschen Geschichte, sondern Hermann Müller. Er unterzeichnete im Juni 1919 den Versailler Friedensvertrag. Von der nationalistischen Rechten wurde er dafür als Landesverräter diffamiert.

Als Parteichef und Fraktionsvorsitzender im Reichstag führte er die SPD mehrfach in Koalitionen mit bürgerlichen Parteien. Dafür wurde er von den Kommunisten als Arbeiterverräter verhöhnt. Zweimal übernahm er selbst das Kanzleramt, zuletzt als Kanzler einer großen Koalition, die er zwei Jahre lang mit Mühe zusammenhielt, von 1928 bis 1930.

Dann ließ die eigene Partei - gegen Müllers Rat - das Regierungsbündnis platzen, das letzte, das noch über eine parlamentarische Mehrheit im Reichstag verfügen konnte. Danach ging in Deutschland die Saat des Rechtsradikalismus auf. Dagegen kämpfte Müller, gesundheitlich zermürbt, bis zuletzt.

Verbürgt ist sein Satz, dass man kämpfen müsse, solange man schnaufen kann. Als er 1931 mit nur 54 Jahren starb, lehnte Reichspräsident Hindenburg einen Staatsakt für den Ex-Kanzler ab, aber mindestens 50 000 Menschen nahmen an dem Trauerzug in Berlin teil, und weitere 350 000 Menschen säumten den Weg. So verbindet sich mit seinem Namen auch eine der letzten Massendemonstrationen für die demokratische Republik.

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Heute ist dieser Vorkämpfer der ersten deutschen Demokratie weithin vergessen, zwar nicht in der Fachwelt der Weimarforschung, aber in der öffentlichen Erinnerung.

Ein erstes Zeichen setzte Frank-Walter Steinmeier, damals Vorsitzender der SPD-Fraktion im Bundestag, als er im Mai 2011 eine Gedenktafel an Müllers Sterbehaus in Berlin enthüllte. Nun hat der Hamburger Politologe Peter Reichel die erste Monografie über Müller publiziert.

Er möchte diesen "Politiker von staatsmännischem Rang" der Vergessenheit entreißen, nutzt das biografische Werk aber auch, um auf sehr eigenwillige Weise mit der Koalitionspolitik der Weimarer Sozialdemokratie abzurechnen.

Wie Reichel darlegt, begann der gebürtige Mannheimer vom Jahrgang 1876 seine sozialdemokratische Funktionärslaufbahn mit 23 Jahren in Görlitz, zunächst als Journalist einer Parteizeitung, dann auch als Stadtverordneter und Unterbezirksvorsitzender. Ein großer Karrieresprung gelang 1906, als Müller auf Vorschlag August Bebels zu einem der beiden Sekretäre im Parteivorstand gewählt wurde. 1916 kam ein Reichstagsmandat hinzu.

In der revolutionären Umbruchphase 1918/19 gehörte Müller zum reformistischen Flügel der SPD, der jede Form des Linksradikalismus ablehnte. In enger Zusammenarbeit mit dem Parteivorsitzenden Friedrich Ebert drängte er auf rasche Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung, wo er, in den Fraktionsvorstand gewählt, auch selbst an der Gründung der demokratischen Republik mitwirkte.

Als Ebert im Juni 1919 zum Reichspräsidenten gewählt wurde, rückte Müller in der Partei ganz nach oben: Mit einem Traumergebnis (373 von 376 Stimmen) wählte der Parteitag ihn zu einem der beiden Vorsitzenden. Müller hielt sich bis zu seinem frühen Tod an der Spitze der Partei, bis zu seiner Wahl zum Kanzler 1928 saß er auch im Vorstand der Reichstagsfraktion.

Reichel beleuchtet Müllers Wirken als Sekretär, Parteiführer und "parlamentsbesessener Sisyphos" mit Sympathie, aber nicht unkritisch. So lässt er zum Beispiel keinen Zweifel daran, dass Müller in den Kriegsjahren als "informeller Beauftragter für Burgfriedensdisziplin" erheblichen Anteil an einem Bruch hatte, der die Partei folgenschwer schwächte: der Abspaltung der Kriegskreditverweigerer von der Mutterpartei, die 1916/17 die konkurrierende USPD gründeten.

Viel Lob zollt der Autor hingegen dem Außenminister. Denn Müller bahnte in seiner kurzen Amtszeit (1920/21) jener Verständigungspolitik den Weg, die sein nationalliberaler Nachfolger Gustav Stresemann dann prominent fortsetzte. Eher beiläufig erfährt man, dass Müller bereits vor dem Krieg eine bedeutende Rolle bei der Pflege des Kontakts zu den sozialistischen Parteien des westlichen Auslands gespielt hatte und diesen Austausch in seiner Zeit als Parteivorsitzender nach Kräften förderte.

Eine soeben erschienene Studie von Matthias Bauer über die transnationale Zusammenarbeit dieser Parteien in der Zwischenkriegszeit vertieft diesen Aspekt: Er zeigt, dass insbesondere die Vernetzung von SPD, französischer SFIO und britischer Labour Party einen beträchtlichen Beitrag zur internationalen Verständigungspolitik leistete.

Zur Beisetzung Müllers reiste sowohl der Vorsitzende der französischen Sozialisten, Léon Blum, als auch der Botschafter Frankreichs an - ein deutlicher Hinweis auf Müllers Verdienste um die deutsch-französische Aussöhnung.

Die persönliche Lebenswelt der Hauptfigur wird nur sehr spärlich beleuchtet

Leider legt sich der Biograf zwei erhebliche Beschränkungen auf. Zum einen bezieht er die persönliche Lebenswelt seiner Hauptfigur nur sehr spärlich ein. Man erfährt kaum etwas über das Herkunftsmilieu, die Sozialisation und den Bildungsweg des bibliophilen Autodidakten.

Ganz unerwähnt bleibt, dass Müller 1902 eine jüdische Frau heiratete, die Tochter eines Kantors, die 1905 nach der Geburt des ersten Kindes starb. Das wäre doch ein wichtiger Hinweis auf seine Haltung zum Antisemitismus; später wandte er sich entschieden gegen die "Judenhetze" der NS-Bewegung. Auch die Repressalien, die Müllers zweite Frau und die beiden Töchter nach 1933 zu erleiden hatten, kommen nicht in den Blick.

Die andere Einschränkung liegt darin, dass Müllers Tun und Lassen als Parteiführer und Parlamentarier größtenteils durch den Filter der Koalitionspolitik getrieben wird. So bleiben andere Bereiche und Blickwinkel unterbelichtet. Richtig ist indes, dass es sich dabei um eine Schlüsselfrage der Weimarer Demokratie handelt.

Peter Reichel: Der tragische Kanzler. Hermann Müller und die SPD in der Weimarer Republik. dtv, München 2018. 464 Seiten, 29 Euro E-Book: 24,99 Euro.

(Foto: DTV)

Denn die verfassungstreuen Parteien der "Weimarer Koalition" (SPD, Zentrum, DDP) besaßen seit 1920 zu keinem Zeitpunkt eine Mehrheit im Reichstag. Seither wurden alle möglichen anderen Kombinationen durchgespielt, von einer bürgerlichen Minderheitsregierung bis zur großen Koalition, worunter man damals ein Bündnis aus fünf Parteien verstand - von der SPD bis zur unternehmerfreundlichen DVP.

Die Sozialdemokratie reagierte mit einem Zickzackkurs zwischen Opposition, Koalition und bedingter Tolerierung. Der linke Parteiflügel drängte fast immer zur Opposition, vor allem nach dem Wahldesaster von 1920, als die SPD auf 21,6 Prozent der Wählerstimmen absackte. Tatsächlich belohnten die Wähler den mehrmaligen Rückzug der SPD aus der Regierung, sodass die Partei 1928 deutlich hinzugewann (29,8 Prozent) und Müller sich mit der Entscheidung für die große Koalition durchsetzen konnte.

Reichel versteift sich nun auf die These, die SPD hätte die Staatsräson (Koalition) stets über die Parteiräson (Opposition) stellen müssen. Damit greift er eine alte Streitfrage der Weimarforschung auf, lässt sich aber nicht auf eine Abwägung des Für und Wider ein.

Das Urteil über den Rückzug der SPD aus der großen Koalition fällt sehr harsch aus

Noch harscher ist sein Urteil über den Rückzug der SPD aus der großen Koalition 1930: Damit habe sie sich als "Republikzerstörerin" betätigt und "schwere Schuld" auf sich geladen. So macht der Autor aus einem taktischen Fehler (die SPD ließ sich von der zum Koalitionsbruch entschlossenen DVP den Schwarzen Peter zuschieben) so etwas wie einen Dolchstoß in den Rücken der Demokratie.

Damit werden die Dinge arg verdreht, denn die SPD gehörte gerade nicht zu jener Kräftekoalition, die zielbewusst die Entparlamentarisierung der Republik vorantrieb, und schon gar nicht zu jener Machtübergabekoalition, die Hitler 1933 in den Sattel hob.

Ex-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat Reichels Buch in höchsten Tönen gelobt, wohl weil er dort einem Leidensgenossen begegnete: "Dass die unbedingte Loyalität Müllers zu seiner eigenen Partei nicht in gleicher Weise von der Partei Müller gegenüber beantwortet wurde, ist eine Erfahrung, die auch andere nach ihm gemacht haben."

Fachkundige Leser werden das Buch weniger loben. Es rückt zwar, das ist verdienstvoll, einen zu Unrecht vergessenen Vorkämpfer der deutschen Demokratie ins Licht, aber es ist ein zum Teil schiefes Licht.

Hans Günter Hockerts ist emeritierter Professor für Zeitgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Mitglied der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien in Berlin.

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