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SPD in Rheinland-Pfalz: Kurt Beck:Chef im Ring, weit weg vom Wolfsrudel

Er sei viel vorsichtiger geworden, erzählt er. In Mainz aber ist er sicher vor dem "Wolfsrudel", das er in Berlin zu sehen glaubte, die Zeit scheint hier gemächlicher zu vergehen. Hier ist er bis heute der klare "Chef im Ring", wie es ein SPDler nennt. Niemand stellt ihn in Frage. "Keiner wetzt das Messer." Das ist das zweite Geheimnis von Becks Reich; es ist auch tückisch, weil es niemanden gibt, der Beck kontrolliert, kein Gegengewicht.

62 Jahre ist Beck mittlerweile, es wäre nicht ungewöhnlich, wenn sich hinter ihm ein Finger heben würde für die Nachfolge. Wenn die Ellenbogen ausgefahren würden in der zweiten Reihe. Doch hinter Beck stehen als mögliche Nachfolger nur zwei Männer und eine Frau - und applaudieren. Sie warten artig, was ihr Chef nach der Wahl mit ihnen vorhat, für wen er sich entscheidet.

So hält es Roger Lewentz, Staatssekretär im Innenministerium, der womöglich bald zum Minister aufsteigt. So macht es Doris Ahnen, erfahrene Bildungsministerin. Auch Hendrik Hering, der Wirtschaftsminister. Allen dreien ist klar, dass die SPD in Rheinland-Pfalz ein gewaltiges Problem hat, wenn Beck nicht mehr da ist.

Im Grunde ist Rheinland-Pfalz ein konservatives Land, nur bei Landtagswahlen stimmt es massenhaft für die SPD. Das liegt nicht allein an den lange zerstrittenen Christdemokraten, sondern vor allem an Becks Person. Am dritten Grund, warum er noch im Amt ist. Er kann nicht anders.

"Er lebt voll in der Politik", sagt ein Vertrauter, "außer dem Besuch von Fußballspielen leistet er sich kaum etwas." Beck ist anders sozialisiert als die meisten Politiker. Sein Vater war Maurer, von ihm hat er die Arbeitshaltung. Beck ging in die Volksschule, holte abends die Mittlere Reife nach, lernte Elektromechaniker, zur SPD gelangte er über die Gewerkschaft.

Er kommt aus dem einfachen Volk und kann bis heute am besten mit normalen Menschen. Wenn er wieder einmal von Begegnungen mit Müllmännern erzählt, kann man davon ausgehen, dass er sich tatsächlich mit ihnen unterhalten hat. Solche Begegnungen "sind eine Vitaminzufuhr für ihn", sagt ein SPD-Mann. Aus ihnen leitet er ab, was das Volk will. Distanz hält er zu den Alpha-Tieren, denen mit Manschettenknöpfen.

Am Abend in Bendorf-Sayn, eine alte Industriehalle, 400 Zuhörer, Beck schreit: "Vetterleswirtschaft, das wird's bei mir nie geben!" Die Kampagne der CDU trifft ihn, sie zählt Skandale auf und spricht von Rheinland-Filz. "Dieses Land ist alles andere als ein Skandalland", ruft Beck. Er glaubt, dass die Bürger es genauso sehen, dass sie auf Verlässlichkeit setzen. Auf Erfahrung. Auf ihn.

Um kurz vor zehn ist er fertig. Er streift das Sakko ab, winkt, dann verschwindet er in seinem Dienst-Audi: "Jetzt schnell rein, 's Hemd is nassgeschwitzt."

© SZ vom 22.3.2011/hü

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