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SPD:Wie die SPD ihren Kanzlerkandidaten auswählt, ist ein übles Gewürge

SPD-Regionalkonferenz in Berlin

Frank-Walter Steinmeier, Martin Schulz und Sigmar Gabriel (von links): Die Kandidaten-Kür könnte bei der SPD mal wieder in eine Sturzgeburt ausarten.

(Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

Alle vier Jahre widmet sich die SPD-Spitze einem sonderbaren Ritual, wenn es darum geht, einen Kanzlerkandidaten in Stellung zu bringen. Dabei ginge es auch anders.

Alle vier Jahre widmet sich die SPD-Spitze einem sonderbaren Ritual. Zunächst versichern die obersten Genossen, sich in der Frage der Kanzlerkandidatur von nichts und niemandem unter Druck setzen zu lassen, sondern zu gegebener Zeit eine Entscheidung zu treffen. Es steigen dann allmählich Druck und Nervosität, bis am Ende alle Zeitpläne über den Haufen geworfen werden und es zur Sturzgeburt eines Kandidaten kommt. So war es vor den Wahlen 2009 und 2013. Und so könnte es nun wieder kommen.

Eigentlich, so verkünden sie es seit Wochen und Monaten, wollen die Sozialdemokraten erst Anfang nächsten Jahres entscheiden, wer sie in den Bundestagswahlkampf führt. Und tatsächlich wären sie nach allen Regeln des politischen Handwerks gut beraten, mindestens den November abzuwarten, in dem Angela Merkel erklären könnte, ob sie noch einmal antritt. Stünde der SPD-Kandidat vorher fest, wäre er ein Herausforderer, der noch gar nicht endgültig weiß, wen er herausfordert. Doch die SPD tut gerade alles dafür, diesen von der politischen Vernunft vorgegebenen Zeitplan hinfällig zu machen.

Keine Woche vergeht derzeit, ohne dass Klagen über die Fehler und Schwächen eines möglichen Kandidaten Gabriel nach außen dringen. In dieser Lage verkündet nun Stephan Weil, Ministerpräsident von Niedersachsen, mithin Gabriels Landsmann, dass der Europapolitiker Martin Schulz als Kanzlerkandidat "sicher" geeignet sei. Und Gabriel? Da drückt sich Weil um eine Antwort herum: Gabriel könne auf Menschen eingehen. Er habe eine hohe Auffassungsgabe. Aber er müsse nicht Kanzler werden, nur weil er Niedersachse sei. Das ist, mehr oder weniger diplomatisch verpackt, ein klares Bekenntnis zu Schulz. Und eine klare Distanzierung von Gabriel.

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Lieber ein Ende, auch eines mit Schrecken, als diese Demontage

Wenn das noch zwei, drei Wochen so weitergeht, dann hat die SPD einen beschädigten Vorsitzenden, der schon deshalb nicht mehr als Kandidat infrage kommt, weil endgültig hinterlegt ist, dass ihm nicht einmal die eigenen Leute vertrauen. Was wäre in dem Fall eigentlich, wenn Martin Schulz zwischenzeitlich zu dem Schluss kommen sollte, doch lieber in Brüssel zu bleiben?

All dies spricht aus Sicht der Genossen dafür, die Debatte nun, Merkel hin, Merkel her, besser zügig zu beenden. Lieber ein Ende, auch eines mit Schrecken, als diese öffentliche Demontage.

Drei Möglichkeiten bieten sich an. Erstens: Gabriel zieht, entmutigt vom mangelnden Rückhalt, von sich aus zurück. Zweitens: Seine zahlreichen internen Kritiker treten doch noch offen auf den Plan und zwingen ihn zum Rückzug. Drittens: Gabriel tut, was ihm trotz allem nach den sozialdemokratischen Gesetzmäßigkeiten qua Amt zusteht - er erklärt sich zum Kandidaten und hofft, dass die Partei, wenn die Sache einmal entschieden ist, im Wahlkampf schon zur Geschlossenheit zurückfinden wird.

Wobei es eine vierte Möglichkeit gäbe: Sämtliche maßgeblichen Genossen halten bis mindestens Ende November still und treffen dann in Ruhe eine Entscheidung. Das wäre mal was Neues von der SPD.