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SPD-Hoffnung Harald Christ:Der gelehrige Neuling

Harald Christ, Unternehmer und Multimillionär, gilt als Paradiesvogel. Im SPD-Wahlkampfteam aber zeigt er sich plötzlich ganz linientreu.

Da sitzt er nun und soll etwas über sich erzählen, ein bisschen Wärme und Nähe vermitteln in diesem viel zu großen und viel zu kalten Sitzungssaal in der Berliner SPD-Zentrale.

Harald Christ SPD dpa

Im Wahlkampfteam Steinmeiers: Harald Christ

(Foto: Foto: dpa)

Berlin, 9 Uhr: Die einzige Überraschung aus der Wahlkampftruppe des sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier ist an der Reihe, sich der Berliner Presse vorzustellen.

Also sagt Harald Christ, dass er Unternehmer ist, 37 Jahre alt und in Berlin lebt: "Der Rest über meine Person ist so weit bekannt."

Das stimmt. Viel ist in den letzten Tagen und Wochen über Christ geschrieben und berichtet worden. Er muss die Einzelheiten seiner Vita nicht unbedingt aufzählen. An Steinmeiers Beispiel kann er schließlich lernen, wie betäubend die Wirkung langatmiger Vorreden für den Zuhörer sein kann.

Eine ÖTV-Heuschrecke

Und doch - wie Christ da so sitzt, breit und breitbeinig im schwarzen Nadelstreifen-Anzug und mit aufgestützten Ellbogen - macht er mit diesem Spruch vor allem eines klar: Anders als dem Rest der SPD fehlt es ihm nicht an Selbstbewusstsein.

Christ ist Multi-Millionär und stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Er ist Spitzenverdiener und seit mehr als 20 Jahren SPD-Mitglied. Kein Abitur, kein Gymnasium - kein Geld dafür als Sohn eines einfachen Opel-Arbeiters. Wenn er seine Eltern besuchte, parkte er seinen Dienstwagen anfangs um die Ecke, weil er nicht als reicher Pinkel auftreten wollte, erzählt er.

Er ist Finanzinvestor, war lange Zeit Gewerkschaftsmitglied und verzichtet nach eigenen Worten auf den schnellen Profit. Eine ÖTV-Heuschrecke, wenn man so will. Er ist einer der wenigen Spitzenmanager, die sich in den Testosteron-dominierten Führungsetagen zu ihrer Homosexualität bekennen.

Angesichts dieser reichlich erstaunlichen Gegensätze muss man nicht lange darüber nachdenken, was Christ so interessant macht für die Wahlkampfplaner. Er soll der Paradiesvogel der biederen Sozi-Truppe sein. Seine Aufgabe ist es, in der SPD die Rolle des unsozialdemokratischen Sozialdemokraten zu spielen.

Politische Außenseiter, zumal aus der Wirtschaftswelt, haben öfter ein Problem damit, von jetzt auf gleich zum Politiker zu werden. Die Welt der Wirtschaft und die Welt der Politik sind einander nämlich gänzlich wesensfremd. So leuchtet manch einem Manager nicht ein, dass er selbst Entscheidungen im Federstrich treffen kann, der Bundeskanzler aber sich zunächst in der eigenen Partei, im Bundestag und im Bundesrat abstimmen muss.

Wahlsieg? Ja!

Jost Stollmann ist so ein Beispiel dafür, wie es schief gehen kann, so einen Wirtschaftsmann in ein Wahlkampfteam zu berufen. SPD-Kanzlerkandidat Gerhard Schröder machte den Internet-Unternehmer 1998 zum Schattenminister. Stollmann eckte an, weil er allzu oft sagte, was er dachte, und damit nicht der Parteiprogrammatik entsprach.

Vieles spricht dafür, dass Christ seine Rolle weniger spektakulär anlegen will. Christ kennt die Geschichte seines Vorgängers und scheint entschlossen, sie nicht zu wiederholen. Denn eigentlich fühlt er sich gewappnet für die politische Debatte.

Schließlich habe er lange Zeit in den Parteigremien gesessen und politisch gearbeitet, sagt er. Schon jetzt gelingt es ihm recht gut, den Widerspruch zu erklären, dass er noch kurzem gegen einen Mindestlohn war, wie ihn die SPD fordert, ihn jetzt aber prima findet.

Auch die üblichen Fallen einer Antritts-Vorstellung umgeht er ebenso gekonnt wie langweilig. Wie selbstverständlich sichert er zu, dass er im Falle eines SPD-Wahlsieges Wirtschaftsminister werden möchte. "Kneifen entspricht nicht meinem Naturell." Wahlsieg? Ja! Gewinnen, das werde die SPD, sagt der gelehrige Politneuling Christ.

Routinierter SPD-Jargon

Auch wenn es gerade nicht so gut aussehe in den Umfragen. Seine Partei habe das bessere Konzept und die besseren Leute. Es fehlten nur drei Prozentpunkte, um Schwarz-Gelb zu verhindern, und ein paar weitere, um stärkste Partei zu werden. Genauso hätte das wohl auch eine Lebenszeit-Politikerin wie Andrea Nahles erklärt.

Überhaupt gewinnt man den Eindruck, er habe der stellvertretenden SPD-Vorsitzenden bei ihrem Sonntags-Interview im Deutschlandfunk genau zugehört. Denn auch die Attacke auf den politischen Gegner gelingt Christ im routinierten SPD-Jargon.

Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sei ein netter Typ, habe aber bislang noch nichts für den Mittelstand getan. Kanzlerin Angela Merkel fehle die Substanz. Steinmeier hingegen habe ein mutiges und überzeugendes Konzept vorgelegt.

Wie sehr Christ schon jetzt im Wahlkampf angekommen ist, wird deutlich, wenn der ehemalige Bankier (Deutsche Bank, WestLB) das Verhalten der Banken in der Wirtschaftskrise geißelt, weil sie nur mit Krediten für den Mittelstand knausern.

Zur Not müsse der Staat die Finanzinstitute eben umgehen und über die staatliche KfW-Bankengruppe und die Bundesbank die kleinen und mittleren Unternehmen direkt mit frischem Kapital versorgen.

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