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Sozialdemokraten:Wer sollte es machen, wenn Gabriel weg wäre?

Richtig bleibt trotzdem, dass nach einem personellen Revirement die strukturellen Probleme der Sozialdemokratie bestehen blieben. Neben der Überalterung, dem Wegbrechen der Wählermilieus und der Konkurrenz von links gehört dazu die Tatsache, dass die Union zahlreiche Forderungen einfach übernommen und die Sozialdemokratie damit eines guten Teils ihrer Daseinsberechtigung beraubt hat. Aktuell wiederholt sich das Manöver bei der Rente, weshalb dieser Tage wieder viel davon die Rede ist, dass die SPD womöglich ihre historische Mission erfüllt habe.

Vor ein paar Jahren wurde so über die Grünen geredet. Öko war Mainstream geworden, alle Parteien kümmerten sich um Umweltthemen. Die Grünen, hieß es, seien Opfer ihres Erfolgs. Dann wurde Kretschmann Ministerpräsident.

Ja, das lag an Fukushima, und es lag an Kretschmann. Und doch hatte bei Teilen der Grünen ein Erkenntnisprozess eingesetzt: Wenn Öko Mainstream ist und damit bequem, müssen wir wieder unbequem werden. Ein Beispiel, bei dem das nach hinten losging, war der Veggie Day. Ein Beispiel, bei dem es gelingen könnte, ist die aktuelle Forderung, von 2025 an keinen Pkw mit Verbrennungsmotor mehr zuzulassen. Auch die SPD muss wieder unbequemer werden - in den engeren Grenzen, die einer Volkspartei gesetzt sind.

Bleibt die Frage, wer es machen sollte, wenn Gabriel nicht mehr da wäre. Andrea Nahles, die ihre Partei kennt wie kaum jemand, öffentlich aber nach wie vor als linkes Schreckgespenst wahrgenommen wird? Olaf Scholz, der die Hamburger mit jener Extraportion Solidität überzeugt hat, die anderswo als langweilig gälte? Wäre Martin Schulz, der bei der Europawahl immerhin gut 27 Prozent holte, ein geeigneter Kanzlerkandidat? Das Potenzial, den Schaden zu begrenzen, hätten sie alle. Nicht weil Gabriel ein bodenlos schlechter Parteichef oder Kandidat wäre. Sondern weil das Verhältnis zwischen ihm und seiner Partei ist, wie es ist: heillos zerrüttet.

Doch wann in den vergangenen zehn Jahren hat ein Wechsel des Chefs die SPD eigentlich vorangebracht? Antwort: 2009. Damals, nach der Niederlage bei der Bundestagswahl, übernahm Sigmar Gabriel und schaffte es mit all seiner Energie, die Partei wiederzubeleben. Er hat es danach nur nicht so recht geschafft, ihr wieder den aufrechten Gang beizubringen.

© SZ vom 16.04.2016/jasch
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