SPD-Geburtstagsfeier Peer, der Partyschreck

Hoch geschlossen und mit Krawatte erscheint Peer Steinbrück zum Deutschlandfest der SPD am Brandenburger Tor. Sein Publikum ist in Feierlaune, doch er selbst zeigt sich nicht gerade in Partystimmung - und lässt sich prompt die Schau stehlen.

Von Antonie Rietzschel, Berlin

Die Voraussetzungen für eine Party hätten kaum besser sein können: Sonne, kühles Bier, Bratwürste. Und wer außer der deutschen Nationalmannschaft kann schon von sich behaupten, vor dem Brandenburger Tor im großen Stil einen drauf gemacht zu haben? Die SPD feiert mit dem Deutschlandfest zwei Tage lang ihren 150. Geburtstag in Berlin. Doch der Einzige, der nicht in Partystimmung zu kommen scheint, ist der Gastgeber - oder vielmehr Peer Steinbrück.

Hochgeschlossen mit Anzug und roter Krawatte tritt er ans Rednerpult, das auf der gigantischen Bühne seltsam klein wirkt. Hinter dem Kanzlerkandidaten steht Klaus Wowereit im Polo-Shirt, die Sonnenbrille am Kragen. Sigmar Gabriel trägt zwar ein Jackett, aber immerhin den obersten Knopf offen. Frank-Walter Steinmeier, im schlichten Hemd, lächelt breit in die Menge. "SPD-Speyer grüßt SPD-Deutschland", steht auf einem der vielen Schilder.

Steinbrück lächelt nicht. Ist es die Aufregung, vor 150.000 Menschen zu sprechen? Oder die Ehrfurcht vor dem Ort, an dem erst Anfang Juni Barack Obama aufgetreten ist? Vielleicht ist ihm klar, dass eine solche Mega-Sause auch nichts gegen schlechte Umfragewerte ausrichten kann. Auf jeden Fall aber muss der Spitzenkandidat oft aufs Blatt schauen, als er zu Beginn seiner Rede historisch weit ausholt: von Scheidemann, der 1918 nur wenige Meter entfernt die Republik ausrief, bis hin zum Verbot der Partei während der Nazizeit. "Wir feiern unseren 150. Geburtstag an diesem Platz, der mit der Entwicklung der Sozialdemokratie so eng verbunden ist", sagt er.

"Die Prinzen" heizen die Stimmung an

Steinbrück muss diesen Bogen schlagen, denn im Vorfeld der Veranstaltung gab es Streit darüber, ob es sich beim Deutschlandfest um eine Wahlveranstaltung oder eine reine Geburtstagsfeier handelt. Wahlveranstaltungen dürfen am Brandenburger Tor nicht stattfinden. Wegen dieser Regelung musste auch Barack Obama seine Rede während des ersten Deutschlandbesuchs an die Siegessäule verlegen. Deshalb also macht Steinbrück einen historischen Schlenker von ungefähr zehn Minuten bis zum entscheidenden Satz: "Gerechtigkeit, Respekt, Solidarität - aus diesen Grundprinzipien heraus bewerbe ich mich als Kanzler der Bundesrepublik Deutschland." Das Publikum jubelt und klatscht mehrere Minuten lang.

Die Stimmung ist hervorragend. Vor Steinbrück standen "Die Prinzen" auf der Bühne. Touristen und damit auch potenzielle Wähler, die sich auf der Suche nach dem Brandenburger Tor hierher verirrt hatten, blieben. Sie mischten sich unter die vielen SPD-Anhänger, die aus ganz Deutschland angereist waren. "Man kennt sie halt", sagte eine junge Frau über die Band. Sie ist mit ihren Freundinnen eigentlich auf Mädelsausflug.

Als die Prinzen mit "Alles nur geklaut" eröffneten, reckten noch wenige ihre Arme dem Sänger Tobias Künzel entgegen. Doch nach ihrem Lied "Du musst ein Schwein sein auf dieser Welt" tanzten und sangen viele mit. Zwischendurch trudelte auch eine johlende Juso-Gruppe aus NRW ein. Einige Jungs hatten sich mit goldener Farbe Bärte angemalt: "Glitzern für den Wechsel", das Motto ihrer Aktion.

Wieder dieses verlegene Lächeln

Peer Steinbrück hatte also ein gut gelauntes, durchmischtes Publikum vor sich, als er die Bühne betrat. Damit umgehen, konnte er nicht. Als seine Rede von "Peer"-Rufen unterbrochen wird, blickt er auf das Papier vor sich, als warte er den Moment ab, an dem er möglichst schnell weiterreden kann. Als die Rufe nicht aufhören, schaut er von unten in die Richtung der Rufenden und ja, da ist es endlich, das Lächeln, wenn auch nur durch einen leicht hoch gezogenen Mundwinkel angedeutet.

Steinbrücks Stimme bleibt ruhig, routiniert spult er die Wahlkampfthemen ab: Mindestlohn, mehr Investitionen in Bildung, bessere Bezahlung für Frauen. Das macht er immer wieder, verändert höchstens mal die Reihenfolge. Fast 45 Minuten geht das so. Die Touristen sind da bereits verschwunden, das Klatschen klingt zwischendurch nicht mehr als höflich. Doch Steinbrück will plötzlich gar nicht mehr runter von der Bühne. Als er dann endlich sagt "Die Party ist eröffnet", folgen Applaus und Jubel. Rote Ballons steigen auf. Steinbrück klatscht mit Steinmeier ab.

Es folgt Gabriel, der dankt mit donnernder Stimme den 2500 Helfern: "Liebe Mitarbeiter vom Willy-Brandt-Haus, ich verspreche euch, dass ihr ab jetzt wieder mehr als ein paar Minuten in der Nacht schlafen dürft." Lachen. Gabriel stiehlt Steinbrück die Schau. Schließlich holt er noch den Werner-Zeichner Brösel auf die Bühne, der ein Wahlplakat für die Partei entworfen hat. Gabriel klopft ihm auf die Schulter. Steinbrück steht daneben, lächelt wieder dieses verlegene Lächeln und fühlt sich augenscheinlich wie das fünfte Rad am Wagen.

Diese ungelenke Art mögen aber offenbar diejenigen, die ihre Parteiabzeichen stolz am Kragen tragen. "Gute sachliche Art", "Charakterkopf", sagen sie. Einer, der kein SPD-Mitglied ist und nur wegen der Rede gekommen ist, hält dagegen: "Bei dem Publikum und bei der Kulisse muss man mehr mitreißen."