SPD Franziska Giffey - mehr als der Quoten-Ossi

Franziska Giffey könnte Familienministerin werden.

(Foto: Maurizio Gambarini/dpa)
  • Franziska Giffey, 39 Jahre alt und jetzt noch Bürgermeisterin im Berliner Bezirk Neukölln, soll als Ministerin ins Kabinett von Angela Merkel gehen.
  • Giffey zögert nicht, Problemzonen im Kiez zu benennen und zu besuchen.
  • Wen auch immer man in der Berliner Landespolitik nach ihr fragt, man erhält als Antwort: "Die kann das."
Von Constanze von Bullion, Berlin

Diese Stimme, also nein. Mit dieser Stimme könne nie und nimmer etwas aus ihr werden, jedenfalls nicht im Schuldienst. Das haben sie Franziska Giffey gesagt, als sie gerade mal 20 Jahre alt war. Damals studierte sie Englisch und Französisch an der Humboldt-Universität in Berlin, und sie war eigentlich der Meinung, auf dem Weg zu ihrem Traumberuf zu sein und Lehrerin zu werden. Es kam anders. Für den Schuldienst ungeeignet wegen Kehlkopfschwäche, befanden die Ärzte. Und weil Franziska Giffey zu denen gehört, denen das Lamentieren nicht liegt, hat sie damals kurzerhand umgesattelt, auf Verwaltungswissenschaften. Eine Zäsur war das, aber wie inzwischen bekannt ist, keineswegs die tiefste in ihrem Leben.

Franziska Giffey, 39 Jahre alt und jetzt noch Bürgermeisterin im Berliner Bezirk Neukölln, soll als Ministerin ins Kabinett von Angela Merkel gehen. Dass sie Familienministerin wird, was als wahrscheinlich gilt, war am Donnerstag zwar noch nicht bestätigt. Als gesichert aber darf gelten, dass die SPD-Politikerin im Kabinett von allen Ministern den größten Karrieresprung hinzulegen hat: von der Bezirks- in die Bundespolitik.

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Giffey verdankt ihre Blitzbeförderung zu einem guten Teil der Tatsache, dass sie in Frankfurt (Oder) geboren ist. Die CDU hatte es nicht geschafft, auch nur eine einzige Kandidatin oder einen Kandidaten mit ostdeutscher Biografie plus Eignung für ein Ministeramt aufzubieten. Das galt bis zuletzt als erheblicher Schönheitsfehler der geplanten großen Koalition.

Giffey weiß sich Gehör zu verschaffen

Nun soll also Franziska Giffey die Ehre der Ostdeutschen retten und die der großen Koalition dazu. Wer aber glaubt, die Neue aus Neukölln fungiere nur als Quotenossi, hat Franziska Giffey vermutlich nie erlebt. Sie gehört in Auftreten und Gestus nicht zu den lieblichsten aller Frauen und weiß sich Gehör zu verschaffen, auch in Milieus, in denen Frauen eher nicht das Wort führen. Wen auch immer man in der Berliner Landespolitik nach Giffey fragt, auch jenseits der SPD, immer fällt der gleiche Satz: "Die kann das."

Franziska Giffey, promovierte Politologin und seit 2015 Bürgermeisterin im Unruhebezirk Neukölln, hat sich Respekt verschafft, nicht nur im Kiez. Das verdankt sie auch der Tatsache, dass sie gern mal unterschätzt wird. Hinter einer Mädchenstimme, gestrengen Kostümen und eher altmodisch hochgestecktem Haar verbirgt sich eine Persönlichkeit, die Humor hat, aber auch ungemütlich werden kann. Vor allem, wenn es nicht nach ihrem Kopf geht. "Wir brauchen einen starken Staat, der sagt: Es gibt Grenzen", sagt sie zum Beispiel. Oder: "Ich halte es für notwendig, der Bürgermeisterin die Hand zu geben."

Neukölln, das ist nicht die Bronx von Deutschland und nicht der Moloch, für den Nichtberliner den Bezirk gern halten. Es ist eine Lebenswelt, die auf dem besten Weg ist, einer der hippsten Orte Berlins zu werden. Die dritte Generation türkischer Einwanderer lebt hier neben der Studenten-WG, der alteingesessene Libanese neben syrischen Flüchtlingen und Modedesignern. In drei Moscheen sitzen Islamisten, die Schulabbrecherquote ist viel zu hoch. Gleichzeitig reißen sich Junge und Kreative um Wohnungen in Neukölln, die Immobilienpreise explodieren.

Sie zögert nicht, Problemzonen im Kiez zu besuchen

"Neukölln ist ein Szenebezirk", sagt Bürgermeisterin Franziska Giffey gern und freut sich, wenn Gesprächspartner dann die Nase rümpfen. Giffey zögert aber auch nicht, Problemzonen im Kiez zu benennen und zu besuchen. "Die Mutter der Kommunalpolitik ist die Anschauung vor Ort", ist da das Motto. Immer wieder besucht sie Häuser mit arabischen Großfamilien, die mit Drogen, Waffen und Frauen handeln. Giffey lässt bei der organisierten Kriminalität keinen Zweifel an ihrer Entschlossenheit aufkommen. Sie hat eine eigene Staatsanwaltschaft nach Neukölln geholt, damit Straftaten zügiger verfolgt werden. Und weil große Missetaten bisweilen mit kleinen beginnen, lässt sie nächtliches Abladen von Unrat von Müllsheriffs filmen und stellt die Bilder auf ihre Facebookseite.

Nicht immer stieß Giffeys zupackende Art auf Zuspruch. 2016 besuchte sie eher ahnungslos eine Moschee, die vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Das gab Ärger. Im linken Berliner SPD-Landesverband gilt Giffey sonst eher als innenpolitische Hardlinerin. Ihr Verhältnis zum Regierenden Bürgermeister Michael Müller soll unterkühlt sein. Manchem älteren Herren in der Partei ging die ehrgeizige Bürgermeisterin bisweilen auf die Nerven.

Einer von ihnen ist Heinz Buschkowsky. Der langjährige Neuköllner Bezirksbürgermeister, der gern Spott über die Unsitten seines Bezirks ausgoss, machte 2002 die damals 24-Jährige zur Europabeauftragten, 2010 zur Schulstadträtin. Giffeys Sohn war da noch kein Jahr alt, die Doktorarbeit war eben fertig. Buschkowsky förderte die pragmatische Nachwuchspolitikerin lange - bis sie ihn beerbte und aus seinem Schatten trat. Da ging Buschkowsky auf Distanz. Jetzt also soll Giffey ins Bundeskabinett. Für Neukölln werden die Dinge nicht einfacher.

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