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SPD:Die wundersame Wandlung des Sigmar Gabriel

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel in den USA

Gabriel im Gespräch mit deutschen Soldaten in Washington

(Foto: dpa)
  • Mit seiner Partei hatte es sich Sigmar Gabriel verscherzt, in der Bevölkerung war er unten durch. Als Außenminister findet er zu neuer Stärke.
  • Inzwischen hat er die deutsche Außenpolitik repolitisiert.
  • Die Frage ist, ob auch die SPD von seinem Aufschwung profitieren kann.

Von Stefan Braun und Christoph Hickmann

Als der deutsche Außenminister vor dem Weißen Haus auf die Straße tritt, macht er eine Entdeckung. Gerade hat Sigmar Gabriel mit dem Nationalen Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten gesprochen. Eigentlich will er jetzt kurz über dieses Treffen berichten - da sieht er deutsche Soldaten in der Nähe stehen, hier, in Washington. Also verschiebt er schnell seine Prioritäten.

Knapp 20 Bundeswehrsoldaten sind es, abkommandiert zu einem Lehrgang bei der US-Armee, heute steht ein Abstecher in die Hauptstadt an. Gabriel geht auf sie zu und zieht sie innerhalb von Sekunden in ein Gespräch über das Soldatenleben, die Wertschätzung für die Armee in den USA, den Fall Franco A. samt Auswirkungen auf die Truppe. Es geht um das Gefühl der Soldaten, von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen zu pauschal kritisiert worden zu sein. Und es geht um Gabriels Aussage, dass man in Sachen Rechtsextremismus natürlich wachsam sein müsse - dass die Bundeswehr aber eine Erfolgsgeschichte sei. Fünf Minuten dauert das Gespräch, am Ende hat Gabriel 20 neue Freunde. Zum Abschied gibt es ein Gruppenfoto.

Zur Erinnerung: Bei jenem Mann, dem hier am Donnerstag auf der Pennsylvania Avenue in Washington die Soldatenherzen zufliegen, handelt es sich um denselben Mann, der zu Beginn des Jahres als personifizierter Untergang der Sozialdemokratie galt. Mit der Partei hatte es sich Sigmar Gabriel verscherzt, in der Bevölkerung war er unten durch. Die Aussicht, dass er die Kanzlerkandidatur übernehmen könnte, löste bei manchen Genossen regelrecht Angstzustände aus. Als er zur Seite trat und den Weg für Martin Schulz freimachte, breitete sich in der SPD eine Gefühlslage aus, die an den "Zauberer von Oz" erinnerte: "Ding-Dong, die Hex' ist tot!" Wobei die Hex' ja nicht tot war, sondern als Austragshaus das Auswärtige Amt übernehmen durfte. So zumindest sah es aus.

In den knapp vier Monaten danach hat Sigmar Gabriel, 57, mal eben die deutsche Außenpolitik repolitisiert, diverse Kilos abgenommen und, was die Zufriedenheit der Bevölkerung angeht, im Deutschlandtrend der ARD mit der Kanzlerin gleichgezogen. Vor den beiden liegt nur Wolfgang Schäuble. Weit dahinter Martin Schulz.

Gabriels Aufstieg, bei dem es sich um eine politische Rehabilitierung handelt, fällt zeitlich damit zusammen, dass der Kanzlerkandidat und Parteichef Schulz nach den ersten Wochen des Rauschs in der demoskopischen wie politischen Realität angekommen ist - genau wie die gesamte Sozialdemokratie. Das mag eine Momentaufnahme sein, und doch ist diese Entwicklung in einer zur Nervosität neigenden Partei wie der SPD nicht ohne Brisanz.

Zumal Gabriel seine neue Stärke genießt. Venedig, vergangene Woche, Gabriel ist in die Lagunenstadt gekommen, um auf der Kunstbiennale den deutschen Pavillon zu eröffnen. Mit dem Boot geht es vom Flughafen zu den Giardini, den Gärten, zum Pavillon. Keine Wolke am Himmel. Während das Motorboot seine Spur über das glitzernde Meer zieht, plaudert Gabriel mit Mäzenen, scherzt mit Künstlern. Dunkler Anzug, noch dunklere Sonnenbrille, zwischendurch hält er den Kopf in den Fahrtwind. Das Leben kann schön sein.

Außenminister Gabriel besucht Somalia

Kuwait, Jordanien, Israel, Somalia, Italien, USA, Mexiko: Auszug aus der Reisliste von Außenminister Sigmar Gabriel von Mitte April bis Mitte Mai.

(Foto: Maurizio Gambarini/dpa)

Ankunft vor dem deutschen Pavillon, wo sich allerdings nicht nur ein paar Dutzend Kunstfreunde versammelt haben. Stattdessen füllen Hunderte den Platz, obwohl die Biennale offiziell noch gar nicht eröffnet wurde. Und Gabriel legt los.

Er schwärmt von dem schönen Ort und den schönen Künsten. Kunst müsse provozieren, müsse Stolperstein sein, gerade für Politiker, die sich auf ausgetretenen Pfaden bewegten. Dann kommt er auf die Geschichte zu sprechen. Der deutsche Pavillon könne nicht verheimlichen, dass er "zum Opfer nationalsozialistischer Gestaltungswut" wurde. Heute komme einem das Gebäude nicht besonders bedrohlich vor. Die wuchtige Fassade aber spiegle den Absolutheitsanspruch eines "nationalistischen Kunstverständnisses" wider, "das auf Abgrenzung und Ausgrenzung" setze. "Eines, das Überlegenheit und Arroganz an Stelle von Dialog, Austausch und Kommunikation treten lässt", sagt Gabriel. "Und wir erleben, dass solche Gedanken heute eine Renaissance feiern."

Von der Kunst über die Geschichte bis zum schwierigen Heute: Gabriel braucht dafür nur wenige Augenblicke. Am Ende gibt es Applaus. Er nimmt das Kunstpublikum genauso für sich ein wie die Soldaten.

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