Süddeutsche Zeitung

SPD-Chef Gabriel über Trittin:"Der kann alles"

Jürgen Trittin hat ein Buch geschrieben, in dem er die Welt praktisch im Alleingang rettet. Dafür müsste er nur wieder regieren. SPD-Chef Gabriel findet, Trittin könnte sogar Kanzler. Davor aber stehen die Arithmetik und zwei Parteien, von denen eine noch nicht im Bundestag ist.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Bundeskanzler Jürgen Trittin. Unmöglich? Mag sein. Aber schmeichelhaft für einen, der gerade eine Bundestagwahl für die Grünen vergeigt hat. Der Charmeur heißt Sigmar Gabriel. Beide kennen sich seit 25 Jahren. Als Trittin in Niedersachsen schon Minister unter Gerhard Schröder war, hat Gabriel gerade sein erstes Direktmandat für den Landtag dort gewonnen.

Und jetzt? Jetzt sitzt Gabriel - auf dem bisherigen Zenit seiner Macht als Vizekanzler, Wirtschaftsminister und SPD-Chef - neben Trittin, um dessen neues Buch vorzustellen: "Stillstand - Made in Germany", heißt es. Eine Provokation. Gerade für Gabriel, der die SPD in die große Koalition mit der Union geführt hat. Für Trittin ist die GroKo eher Teil des Problems statt Teil der Lösung.

Aber egal. Auf die Frage, welche Rolle er denn für Trittin in Zukunft sehe, was der könne, antwortet Gabriel trocken: "Alles."

Sogar Kanzler? Und das womöglich noch besser als Gabriel? "Das geht ja arithmetisch nicht", frotzelt Gabriel. Obwohl Baden-Württemberg zeigt, dass Gewissheiten in der Politik selten von ewiger Dauer sind. Wie auch immer, dass Trittin nicht Kanzler wird, liege allein an dessen Parteipräferenz, findet Gabriel: "Er hat sich halt gegen die Sozialdemokratie entschieden. Sonst wäre selbst das drin."

Yes he can, Trittin kann Kanzler, sagt Gabriel. Aber was würde er in diesem Amt machen? Die kurze Antwort: Er würde selbstverständlich versuchen, die Welt zu retten.

"Klug und humorvoll und verlässlich"

Die etwas längere Antwort: Trittin würde aus knallhartem Eigeninteresse heraus den Klimawandel bekämpfen und die Industrie ökologisch revolutionieren. Dass die Regierenden und ganz vorne Angela Merkel als Bundeskanzlerin verkennen, wie wichtig das ist, fuchst ihn ungemein. Bis zu 25 Prozent der globalen Wertschöpfung könne der Klimawandel kosten. Es müsse sich ein neuer "ökologischer Materialismus" durchsetzen, sagt und schreibt Trittin. Also die Erkenntnis, dass "nur über ökologische Nachhaltigkeit der Wohlstand gesichert werden kann".

Und in Deutschland beschließt die GroKo mehr Geld für Rentnerinnen. Pillepalle.

Gabriel lobt Trittin dennoch über den Klee. "Ich schätze Jürgen Trittin außerordentlich", sagt er. Trittin sei "klug und humorvoll und verlässlich".Vielleicht meint Gabriel das ja alles wirklich. Aber klar ist auch: Will er selbst eines Tages Kanzler werden, braucht er Leute wie Jürgen Trittin. Leute, die schwarz-grüne Bündnisse eher verhindern wollen.

Das komplexe Problem AfD

Trittin ist da recht eindeutig. Er muss nur feststellen, dass mit der Union unter Merkel der ökologisch-materialistische Transformationsprozess, wie er ihm vorschwebt, nicht im Ansatz möglich wäre. Das hätten auch die Sondierungsgespräche nach der Wahl 2013 gezeigt. Selbst eine abgespeckte Version, wie sie die Grünen da vorgetragen hätten, sei mit Merkel nicht zu machen gewesen.

Also doch ein Linksbündnis aus SPD, Grünen und Linken? Trittin wäre dafür. Sieht aber nur geringe Chancen. Zwei Gründe: Zum einen müsste die Linke ihre inneren Konflikte endlich lösen. Zu viele wollten in der Partei verhindern, dass die Partei mitregiert. Die notwendigen sozialen und ökologischen Veränderungen ließen sich aber nur in Regierungsverantwortung angehen. Nicht aus der Opposition heraus. Das Ergebnis einer solchen "Politik der Verweigerung" sei ein "Dauerabonnement der CDU auf die Regierung". Die Linken müssten sich fragen, ob das im Interesse jener Menschen sein, die sie im Osten der Republik repräsentieren.

Das andere Problem ist komplexer, paradox geradezu. Es geht um die AfD, die rechts angehauchte Alternative für Deutschland. Um ein Linksbündnis rechnerisch möglich zu machen, müsste die Union die AfD dauerhaft unter fünf Prozent drücken. Merkel kann daran kein Interesse haben. Ihr hilft, wenn die AfD in den Bundestag käme. Das erschwert Mehrheiten jenseits der Union, analysiert Trittin. Eine Mehrheit jenseits von Merkel könnte zu einer "strukturellen Unmöglichkeit" werden.

Gabriel gibt ihm recht. Darum müssten sich die Parteien links der Mitte dringend den "Kopf darüber zerbrechen, wie eine linke Mehrheit arithmetisch zustande kommen kann".

"Ich bin Abgeordneter des Wahlkreises Göttingen"

Das müsste übrigens eine deutliche Mehrheit sein. Denn auch wenn 2017 so gerade eben passen würde: In der Fraktion der Linken gibt es noch zu viele, die so eine Koalition nie und nimmer mittragen würden. Da wäre die Mehrheit schon futsch, bevor das Experiment starten könnte.

Einen Lösungsansatz für das Dilemma hat Trittin. Er stellt fest, dass 80 Prozent der Menschen für mehr Gerechtigkeit, mehr Klimaschutz und mehr Bildung seien. Alles eher linke Ideen. Dessen ungeachtet hätten aber 2013 etwa 51 Prozent der Deutschen Parteien rechts der Mitte gewählt. Es gebe also in der Gesellschaft eine rechte Mehrheit und zugleich linke Grundüberzeugungen. Dies werde in der Ansprache der Bevölkerung bisher "nicht beherzigt".

Was das bedeutet, lässt er offen. Und wer weiß, ob er an diesem neuen Projekt überhaupt mitarbeiten kann. "Ich bin Abgeordneter des Wahlkreises Göttingen. Mir macht die Arbeit im Auswärtigen Ausschuss viel Spaß", sagt er auf die Frage, welche Rolle er für sich in Zukunft sieht. Das sagen in der Regel Politiker, die sich noch Großes für sich vorstellen können. Trittin ist jetzt 60 Jahre alt. Winfried Kretschmann stand kurz vor seinem 63. Geburtstag, als er plötzlich grüner Ministerpräsident von Baden-Württemberg wurde. Im Alter sind eben noch so manche Überraschungen möglich.

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