SPD-Chef Gabriel über Trittin:Das komplexe Problem AfD

Trittin ist da recht eindeutig. Er muss nur feststellen, dass mit der Union unter Merkel der ökologisch-materialistische Transformationsprozess, wie er ihm vorschwebt, nicht im Ansatz möglich wäre. Das hätten auch die Sondierungsgespräche nach der Wahl 2013 gezeigt. Selbst eine abgespeckte Version, wie sie die Grünen da vorgetragen hätten, sei mit Merkel nicht zu machen gewesen.

Also doch ein Linksbündnis aus SPD, Grünen und Linken? Trittin wäre dafür. Sieht aber nur geringe Chancen. Zwei Gründe: Zum einen müsste die Linke ihre inneren Konflikte endlich lösen. Zu viele wollten in der Partei verhindern, dass die Partei mitregiert. Die notwendigen sozialen und ökologischen Veränderungen ließen sich aber nur in Regierungsverantwortung angehen. Nicht aus der Opposition heraus. Das Ergebnis einer solchen "Politik der Verweigerung" sei ein "Dauerabonnement der CDU auf die Regierung". Die Linken müssten sich fragen, ob das im Interesse jener Menschen sein, die sie im Osten der Republik repräsentieren.

Das andere Problem ist komplexer, paradox geradezu. Es geht um die AfD, die rechts angehauchte Alternative für Deutschland. Um ein Linksbündnis rechnerisch möglich zu machen, müsste die Union die AfD dauerhaft unter fünf Prozent drücken. Merkel kann daran kein Interesse haben. Ihr hilft, wenn die AfD in den Bundestag käme. Das erschwert Mehrheiten jenseits der Union, analysiert Trittin. Eine Mehrheit jenseits von Merkel könnte zu einer "strukturellen Unmöglichkeit" werden.

Gabriel gibt ihm recht. Darum müssten sich die Parteien links der Mitte dringend den "Kopf darüber zerbrechen, wie eine linke Mehrheit arithmetisch zustande kommen kann".

"Ich bin Abgeordneter des Wahlkreises Göttingen"

Das müsste übrigens eine deutliche Mehrheit sein. Denn auch wenn 2017 so gerade eben passen würde: In der Fraktion der Linken gibt es noch zu viele, die so eine Koalition nie und nimmer mittragen würden. Da wäre die Mehrheit schon futsch, bevor das Experiment starten könnte.

Einen Lösungsansatz für das Dilemma hat Trittin. Er stellt fest, dass 80 Prozent der Menschen für mehr Gerechtigkeit, mehr Klimaschutz und mehr Bildung seien. Alles eher linke Ideen. Dessen ungeachtet hätten aber 2013 etwa 51 Prozent der Deutschen Parteien rechts der Mitte gewählt. Es gebe also in der Gesellschaft eine rechte Mehrheit und zugleich linke Grundüberzeugungen. Dies werde in der Ansprache der Bevölkerung bisher "nicht beherzigt".

Was das bedeutet, lässt er offen. Und wer weiß, ob er an diesem neuen Projekt überhaupt mitarbeiten kann. "Ich bin Abgeordneter des Wahlkreises Göttingen. Mir macht die Arbeit im Auswärtigen Ausschuss viel Spaß", sagt er auf die Frage, welche Rolle er für sich in Zukunft sieht. Das sagen in der Regel Politiker, die sich noch Großes für sich vorstellen können. Trittin ist jetzt 60 Jahre alt. Winfried Kretschmann stand kurz vor seinem 63. Geburtstag, als er plötzlich grüner Ministerpräsident von Baden-Württemberg wurde. Im Alter sind eben noch so manche Überraschungen möglich.

© SZ.de/segi
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