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SPD:Auf Wiedersehen

Sigmar Gabriel

Sigmar Gabriel, 60, trat 1977 in die SPD ein. Seine politische Karriere begann er in seiner Heimatstadt Goslar.

(Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

Sigmar Gabriel verlässt die Bundespolitik - um woanders seine Stimme zu erheben. Und das Schreiben liegt ihm auch.

Am 27. Juni hat Sigmar Gabriel im Bundestag zum Thema Rechtsextremismus gesprochen. Es war eine Rede, die der amtierende Bundestagspräsident Thomas Oppermann - wie Gabriel Sozialdemokrat - mit den Worten unterbrach: "Lieber Herr Kollege, auch wenn ich Ihnen gern zuhöre: Sie haben Ihre Redezeit bereits erheblich überschritten." Es dürfte Gabriels letzter Auftritt gewesen sein, wenn ihm die SPD-Fraktion nicht noch einen Abschied im Parlament gewährt. Zum 1. November wird Gabriel, 60, sein Mandat abgeben, wie er jetzt mitteilte.

Das ist dann wohl der endgültige Abschied eines oft sehr widersprüchlichen Mannes aus der aktiven Politik. Gabriel galt immer als eines der größten Talente der SPD, er ist ein scharfer Analytiker und ein mitreißender Redner. Und doch ging er mit seiner Begabung auch ziemlich leichtfertig um.

Seit 2005 sitzt er für den Wahlkreis Salzgitter-Wolfenbüttel im Bundestag, immer holte er das Direktmandat. Seine Karriere ist beachtlich, er war Bundesminister in drei Ressorts und für mehr als sieben Jahre SPD-Chef. In vielen seiner Ämter hat Gabriel Erfolge gehabt: Die SPD führte er 2013 mit Verve in die große Koalition. Später setzte er Frank-Walter Steinmeier als ersten sozialdemokratischen Bundespräsidenten seit Johannes Rau durch. Im Wirtschaftsministerium rettete Gabriel Tausende Arbeitsplätze bei Tengelmann, als Außenminister gelang ihm die Freilassung des Journalisten Deniz Yücel aus türkischer Haft.

Trotzdem gehört Gabriel zur Kategorie der Unvollendeten. Zweimal verweigerte er sich der Kanzlerkandidatur, vielleicht auch, weil er in jungen Jahren einmal zu unbekümmert zugegriffen hatte: Mit 40 wurde Gabriel 1999 Ministerpräsident in Niedersachsen und nur drei Jahre später krachend aus dem Amt gewählt, auch wenn daran die Regierung Gerhard Schröders im Bund ihren Anteil hatte.

Dass er in seiner jüngsten Rede im Bundestag wieder überzog, ist typisch für den Politiker Gabriel. Auch Interviews, die man ihm mit 230 Zeilen zur Autorisierung gab, kamen verlässlich mit mindestens 350 Zeilen zurück. Er hatte immer viel zu sagen - nur nicht immer das Gleiche, wie seine Kritiker stets monierten. Er selbst hat diesen Vorwurf der Sprunghaftigkeit gehasst - und bestätigte ihn doch in seinem Scheitern, der Partei als Vorsitzender eine klare Vorstellung von sich selbst zu geben. Gabriel litt an seiner Partei, und sie an ihm. Er konnte den einen Tag charmant sein, den anderen patzig; für Journalisten war er zugänglich, fühlte sich aber schnell mal ungerecht beurteilt.

Mit der Spitze der SPD, besser gesagt: mit dem, was davon übrig ist, hat sich Gabriel längst überworfen. 2018 machte ihm Martin Schulz das Amt als Außenminister streitig. Andrea Nahles und Olaf Scholz wollten ihn auch nicht mehr im Kabinett haben. Nahles und Schulz sind mittlerweile selbst politische Geschichte. Und Heiko Maas, Gabriels tatsächlicher Nachfolger im Außenministerium, führt das Amt so, dass der Vorgänger selbst ohne Posten eigentlich mehr Beachtung findet.

Nun zieht Gabriel die Konsequenz daraus, "dass die SPD auf Bundesebene meiner Möglichkeiten und Fähigkeiten nicht mehr bedarf", wie er in einem Brief an Weggefährten schrieb. "Und wenn man nicht mehr recht gebraucht wird, dann soll man besser gehen." Schon immer hat Gabriel gerne geschrieben, aus Studentenzeiten beherrscht er das Zehn-Finger-System. Seit einiger Zeit bekommt er als Autor vom Holtzbrinck-Verlag auch Geld dafür. Jüngst wurde er außerdem zum Vorsitzenden der Atlantik-Brücke gewählt. Man wird noch von ihm hören. Er kann gar nicht anders.