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Spanischer Bürgerkrieg:Stalins lässt auch in Spanien die Linke "säubern"

Die Diktatoren in Berlin und Rom ignorieren das Papier vom ersten Tag an, die demokratischen Mächte setzen es mit einer Besessenheit um, die eines erkennen lässt: Die Faschisten scheinen für ein verzagendes Europa das kleinere Übel als die "rote Gefahr" mit ihrem weltweiten Netz kommunistischer Parteien zu sein, manche sagen das ganz offen.

Und Stalin gewinnt immer mehr an Einfluss in der spanischen Republik. Es ist die Zeit der "großen Säuberungen", der Mordorgie an den eigenen Genossen in der Sowjetunion zur Festigung von Stalins Macht.

Jecheskel Piekar, ein jüdischer Freiwilliger aus Palästina, ist mit dem französischen Schriftsteller André Malraux zur Kampffliegerstaffel España gestoßen. Sie fliegen schwerfällige Potez-540-Maschinen, hoffnungslos veraltete Bomber mit Sperrholzflügeln, und greifen in selbstmörderischen Einsätzen Francos Truppen an. No pasaran! "Unsere Staffel", berichtet Piekar später, "war ein stark gemischter Haufen" aus allen Regionen Europas: "Aber die politischen Meinungen haben niemanden interessiert." Das ändert sich unter Stalins Zugriff.

Die Luftwaffe der Republik erhält modernere sowjetische Maschinen, aber die Politkommissare der Kommunisten sieben die Besatzungen systematisch aus, zwei Männer verschwinden spurlos. Piekar setzt sich ab: "Wir kamen, um für Spanien zu kämpfen, und nicht für diese oder jene Partei. Das war das Ende der Staffel."

Viele Menschen, die auf Seiten der Republik stehen, erkennen zu spät, was hier geschieht. Sie ignorieren die kommunistischen "Säuberungen" und viele weitere Menschenrechtsverletzungen oder betrachten sie als notwendiges Übel.

Hans Namuth notiert schon am 3. September 1936: "In Ciudad Real wurden 322 Großgrundbesitzer expropriiert." Ihm soll es nur recht sein, aber, fragt er: "Was geschah mit den Besitzern? Darauf antworteten die Genossen vom agrarpolitischen Komitee nur sehr vorsichtig und ausweichend." Schließlich erfährt er, man habe "die Faschisten" unter ihnen allesamt erschossen. Wie viele denn Faschisten gewesen seien? "95 Prozent."

Namuth ist empört, er vertraut seinem Tagebuch an: "Ich habe den Eindruck, daß man viele zu Faschisten macht, um sie loszuwerden."

Eine Reporterin beklagt den "verlogensten, grausamsten Ausverkauf" aller Werte

Niemand außer den Sowjets schickt Flugzeuge, Panzer und Ausbilder zu Spaniens Antifaschisten, die immer abhängiger werden und einen furchtbaren Preis zahlen. Andres Nin, Mitbegründer der POUM, verschwindet 1937, es heißt, kommunistische Geheimpolizisten hätten ihn gefangen, schrecklich gefoltert und dann ermordet.

Die Republik tötet ihre Kinder, und je mehr von ihnen sterben, desto weniger ist sie noch Republik. Je mehr die stalinistischen Politkommissare die demokratischen, linkssozialistischen, anarchistischen Kräfte schwächen, desto mehr sehen die Staatsmänner des Westens ihre schlimmsten Ängste vor der roten Gefahr bestätigt; sie rühren nun erst recht keine Hand, und die Republik geht nach tapferem Kampf unter in einer Orgie aus Blut, Rache und Repression.

Im März 1939 gehört Spanien Franco. Er wird Hitler und Mussolini zu deren Verdruss wenig danken, geschickt hält er sein Land aus dem Zweiten Weltkrieg heraus - Spanien aber versinkt bis 1975 im Halbdüster seiner gestrigen Despotie.

Hans Namuth flieht 1939 erneut vor den Faschisten und geht zur französischen Fremdenlegion. Als Frankreich 1940 von den Nazis besetzt wird, schafft er es auf Irrwegen in die USA - und setzt seinen Kampf als Soldat der US Army fort. Er ist dabei, als Deutschland endlich befreit wird. Später lebt er als bekannter Fotograf in New York. So nimmt seine Geschichte ein glücklicheres Ende als die jenes Landes, dem er 1936 in seinen Bildern ein Denkmal gesetzt hat.

Die Republik hätte nicht sterben müssen. Weitsichtig beklagt Martha Gellhorn in ihren Briefen das Versagen der westlichen Demokratien in Spanien: Sie sei "zornig bis ins Mark", und diesem Krieg werde ein großer Krieg folgen, und der "dümmste, verlogenste, grausamste Ausverkauf" aller Werte werde ihn nicht verhindern. Wie recht sie behalten sollte.

© SZ vom 16.07.2016/odg
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