Spanischer Bürgerkrieg:Angriff auf Guernica - Mord aus der Luft

Zerstörtes Guernica, 1937

Ruinen in Guernica nach dem Angriff von Flugzeugen der deutschen "Legion Condor".

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Eine Einwohnerin aus dem baskischen Guernica sah in den Stunden der deutschen Bombardierung das Szenario, das Picasso als Vorlage für sein Gemälde "Guernica" diente. Jahrzehnte scheinen die Bilder in einer Intensität vor ihr auf, als hätten ihre Augen sie erst gestern gesehen.

Javier Caceres und Robert Probst

So manche Erinnerung verblasst allmählich im Gedächtnis von Itziar de Arzanegi, die zierliche Frau aus dem baskischen Guernica wird im Mai 83 Jahre alt. Doch wenn sie sich an die Stunden nach der Bombardierung ihrer Stadt durch die deutsche Legion Condor erinnert, scheinen die Bilder in einer Intensität vor ihr auf, dass man meint, ihre kleinen, braunen Augen hätten sie erst gestern gesehen.

Von einem Kiefernwald aus hatte sie mit ihrer Cousine beobachtet, wie die Flugzeuge mit dem Hakenkreuz ihre Stadt in ein Meer aus Flammen und Tod verwandelt hatten. Sie wagten sich wieder vor die Tore der Stadt und erblickten ihren Vater, einen Bäckermeister, auf einer steinernen Bank, "genau so", sagt sie, krümmt den Nacken und stützt die Stirn auf Zeigefinger und Daumen der rechten Hand. "Er war immer ein freundlicher, ein immer fröhlicher, angenehmer Mann gewesen", sagt sie, als wollte sie sich noch Jahrzehnte später entschuldigen für die infantile Frage, die sie ihm entgegenwarf: "Aber Vater, was ist mit dir?"

"Es war alles so schrecklich'", habe er gesagt, zu fünft seien sie gewesen, hätten sich in Angst aneinandergeklammert und versucht, sich vor den Bomben zu schützen, "doch nun sind alle tot, außer mir. Was soll mit mir sein?". So erzählt es Itziar de Arzanegi. Dann entschuldigt sie sich dafür, dass die Erinnerung an den Nachmittag des 26. April 1937 sie übermannt.

An jenem Montag, Guernicas Markttag, waren die Piloten der Legion Condor in stundenlangen Angriffswellen über die Kleinstadt geflogen, hatten Spreng-, Splitter- und schließlich Brandbomben abgeworfen. Zusätzlich machten Tiefflieger mit Maschinengewehren und Granaten Jagd auf Flüchtende. "Guernica fue", "Guernica war", lauteten die lakonischen ersten Worte des Telegramms, das der Verteidigungsminister der baskischen Regionalregierung, Telesforo Monzón, nach der Begehung des Ortes verschickte.

In der baskisch-nationalistischen Interpretation der Untat symbolisiert die Zerstörung der Stadt den Versuch spanischer Nationalisten, das baskische Volk zu unterdrücken und zu zerstören: Guernica gilt den Basken unter anderem auch deshalb als Heiligtum, weil die spanischen Könige schon im Mittelalter unter einer Eiche gelobten, die Freiheitsrechte der Basken anzuerkennen.

Ein perverser Testlauf an Lebendkörpern

Dass ausgerechnet diese Eiche jedoch unversehrt blieb, legt den Gedanken nahe, dass den Angreifern diese Symbolik unbekannt war. Und verlagert den Akzent damit auf die deutsche Urheberschaft - und darauf, dass die nahezu vollständige Zerstörung Guernicas das Ergebnis eines perversen Testlaufs an Lebendkörpern war.

"Mir gab Spanien die Gelegenheit, meine junge Luftwaffe zu erproben", sagte Hermann Göring, damals Oberbefehlshaber der Luftwaffe, während der Nürnberger Prozesse. Doch die Generalprobe galt nicht nur der Technik, sondern vor allem einer neuen, perfiden Kriegstaktik: dem Einsatz des Flächenbombardements zur Demoralisierung der Zivilbevölkerung. Bis dato hatten nur strategisch wichtige Einrichtungen wie Waffenfabriken, Brücken, Straßen oder militärische Einheiten als Ziele von Luftangriffen gedient, nun galt es auch den "Widerstandswillen des Volkes zu lähmen und endlich zu brechen."

Auch in Guernica stand eine kleine Waffenfabrik - sie blieb ebenso unversehrt wie die Brücke. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs übertrugen Hitlers Kampfbomber ihre in Spanien erworbenen Kenntnisse auf Mitteleuropa: Im September 1939 ging ein Bombenhagel auf das eingeschlossene Warschau nieder, im Mai 1940 wurde Rotterdam in Schutt und Asche gelegt, im November 1940 ging die Innenstadt des englischen Coventry in Flammen auf.

"Die Deutschen ernteten, was sie selbst gesät hatten"

Die Angriffe auf Rotterdam und Coventry leitete Generalmajor Hugo Sperrle, Chef der Legion Condor. Bis 1945 starben etwa 60.000 Briten durch deutsche Bomben- und Raketenangriffe. Von 1942 an aber schlugen die Briten zurück. "Die Deutschen ernteten, was sie selbst gesät hatten", wie es englische Historiker erklärten.

In den ersten Verlautbarungen der damaligen baskischen Regionalregierung war von 1500 Guernica-Toten die Rede; in der Forschung gilt nun als gesichert, dass in dem damals von rund 5000 Menschen bewohnten Ort etwa 250 Menschen starben. Und Hunderte verletzt wurden. Die Urheber des Grauens wanden sich nach der Bombardierung Guernicas in dem Bemühen, ihre Verantwortung zu leugnen.

Die NS-Staatsführung verneinte die Beteiligung von - später freilich hochdekorierten - deutschen Fliegern und sprach von einer "Lügenhetze", Spaniens späterer Diktator Francisco Franco verstieg sich gar zu der Lüge, "die roten Separatisten" hätten die Stadt gebrandschatzt. Die Propaganda war schon damals als unhaltbar entlarvt. Doch es vergingen fast vier Jahrzehnte - bis zum Tod Francos 1975 -, ehe das in Spanien offen formuliert werden konnte.

"Das war fast so schlimm wie das Bombardement an sich", sagt Itziar de Arzanegi.

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