Spanien Vodafone gibt Madrids Herz frei

So sahen die Schilder der Metrostation "Sol" seit 2013 aus. Etliche von ihnen wurden beschmiert, beschädigt oder abgerissen.

(Foto: Angel Navarrete/Bloomberg)

Die berühmteste Metrostation in der spanischen Hauptstadt Madrid darf wieder "Sol" heißen - nach "drei Jahren der Schande".

Von Thomas Urban, Madrid

In Spanien kommt es äußerst selten vor, dass Politiker zugeben, sie hätten richtig Mist gebaut, und dann sogar eine Fehlentscheidung korrigieren. So ist es aber nun, im Schatten des Ferientrubels, in Madrid geschehen: Der Metroknotenpunkt unter dem zentralen Platz der Stadt hat nach "drei Jahren der Schande" seinen alten Namen wieder: Sol (Sonne), benannt nach der Puerta del Sol, dem heute nicht mehr bestehenden Osttor der mittelalterlichen Stadtmauer. Es stand Richtung Sonnenaufgang, daher der Name.

Der Regionalpräsident hatte die Madrilenen falsch eingeschätzt: Ein Shitstorm erfasste ihn

Zum Sommeranfang 2013 trauten die Madrilenen ihren Augen nicht: Die Station war von heute auf morgen in "Vodafone Sol" umbenannt worden. Aus den Nachrichten erfuhren sie, wie Ignacio González González, der damalige Präsident der Region Madrid von der konservativen Volkspartei (PP), die Namensänderung begründete. Stolz verkündete er, der britische Mobilfunkriese Vodafone habe drei Millionen Euro dafür hingeblättert, dass sein Firmenname nun für drei Jahre die zentrale Metrostation im Herzen der Stadt schmücken dürfe. Dies bedeutete nach den Worten von González González 83 000 Euro im Monat, um in Krisenzeiten Arbeitsplätze in der Metro zu sichern und Reparatur- sowie Verschönerungsarbeiten voranzutreiben.

Doch der Konservative hatte seine Landsleute falsch eingeschätzt. Über ihn brach ein Shitstorm beachtlichen Ausmaßes herein. "Ein Stachel im Herzen der Stadt", "ein Fleck auf der Ehre Spaniens" gehörten noch zu den harmloseren Vorwürfen. Die Puerta del Sol ist zumindest im geografischen Sinne das Herz Spaniens: Auf dem Bürgersteig vor dem prunkvollen Posthaus mit seinem Uhrenturm, dem heutigen Sitz der Regionalregierung, ist ein Relief eingelassen, das den Nullpunkt markiert: Von hier werden alle Kilometersteine auf den Fernstraßen berechnet, die strahlenförmig von Madrid aus bis in die entferntesten Ecken des Landes führen. Hier wurde 1931 die Ausrufung der Republik gefeiert, hier hatte auch die Geheimpolizei des Diktators Franco ihr Hauptquartier. Vor fünf Jahren war der Platz in der Hand der Indignados, der jungen "Empörten", die angesichts der Wirtschaftskrise eine Ablösung der korrupten politischen Elite des Landes forderten.

Dass der Name der Metrostation unter diesem so geschichtsträchtigen Platz einfach an einen britischen Multi verscherbelt wurde, empörte viele, doch die verantwortlichen Politiker taten so, als gebe es die Proteste nicht. Dass Zehntausende Protestschreiben bei der Regionalregierung eingingen, dass Unterschriften gesammelt wurden, sollte die Bevölkerung damals nicht erfahren. Erst kürzlich gestand die Regionalregierung ein, dass die Umbenennung der Metrostation zu "gesellschaftlichem Aufruhr" geführt habe. Auf eine Verlängerung des Abkommens mit Vodafone habe man deshalb verzichtet. Doch war es nicht González González, der das "Mea Culpa" aussprach. Der damalige Regionalpräsident ist längst in der politischen Versenkung verschwunden. Er besaß nämlich eine Villa in Marbella, verschwieg dies aber dem Fiskus. Seit März läuft gegen ihn ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung.

Ob bei der Vodafone-Geschichte alles mit rechten Dingen zuging, darüber wird nun wild spekuliert. Unbestritten ist, dass die Region erhebliche Mittel wegen Vandalismus in der Metro aufbringen musste. Denn zumindest in den ersten Monaten nach der Namensänderung haben unbekannte Täter zahlreiche der neuen Schilder immer wieder abgerissen, beschädigt oder übersprüht. Ein spanischer Werbefachmann sagte in einer TV-Runde: "Sollte es eine gelbe Zitrone für das größte Marketing-Eigentor geben, so müssten sie die PR-Leute von Vodafone bekommen."

Am Konzernsitz der spanischen Tochter in Madrid möchte niemand auf die Puerta del Sol angesprochen werden. Ob wirklich viele Madrilenen ihren Telefonanbieter gewechselt haben, wie manche Medien meinen, liegt im Dunkeln. Über dem Platz aber, der beliebtesten Adresse für Rendezvous in der spanischen Hauptstadt, scheint nun die heiße kastilische Sommersonne. Und unter Tage heißt es zur Zufriedenheit der Madrilenen schlicht wieder "Sol".