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Spanien:Seuchenherd Obstplantage

Die Lage afrikanischer Erntehelfer ist prekär - unter Corona leiden sie extrem. In den Unterkünften breitet sich das Virus schnell aus.

Von Sebastian Schoepp

Bewohner der Zeltstadt von Lepe in Andalusien. Solche Zustände kenne er sonst eher aus Syrien, sagte ein UN-Beobachter.

(Foto: Cristina Quicler/AFP)

Primitive, aus Wellblech und Latten zusammengenagelte Unterkünfte nennt man in Spanien chabolas . Es gab viele davon in den dürren Jahren nach dem Bürgerkrieg, mit dem Wohlstand verschwanden sie, doch jetzt sind sie wieder da. Es gibt sie im katalanischen Lleida, im kastilischen Albacete und im andalusischen Lepe, überall da, wo Obst und Gemüse wachsen. Meist afrikanische Erntearbeiter leben dort, oft ohne Wasser und Strom, das ist bekannt, doch erst seit die chabolas Herde der Corona-Ansteckung geworden sind, diskutiert die Öffentlichkeit erhitzt darüber. Ministerpräsident Pedro Sánchez hat die Zustände im Interview diese Woche "beklagenswert" genannt. Doch viel mehr als Klagen seien der Regierung bisher nicht eingefallen, rügt eldiario.es, sonst eher der links-linken Regierung in Madrid wohlgesinnt.

Die Sprecherin von Spaniens oberster Seuchenbehörde CCAES, María José Sierra, nannte kürzlich 34 Lager, die als Seuchenherde gelten müssten. Die katalanische Stadt Leida und Umgebung musste im Juli wegen Corona-Ausbrüchen einen neuen 14-tägigen Lockdown hinnehmen. Erst im Juni waren 30 000 Arbeiter nach Lleida gekommen, um bei der Ernte zu helfen, wie der Seuchenbeauftragte der Provinz, Pere Godoy, zu eldiario.es sagte. Wegen der Hitze könnten sie beim Pflücken nicht immer Masken tragen. Auch die Unterkünfte, oft von den Plantagenbesitzern gestellt, seien ein Risiko. Viele Menschen lebten auf engstem Raum zusammen - selbst wenn es nicht um chabolas handelt. "Hier fühlt man sich nicht wie ein Mensch", beklagten sich afrikanische Arbeiter bei einer Reporterin von El Períodico aus Barcelona.

Ministerpräsident Sánchez hat diese Woche verkündet, die zuständigen Ministerien für Landwirtschaft und Gesundheit seien dabei, Notfallpläne zu entwerfen. Ziemlich spät, wie Unterstützervereine von Landarbeitern meinen, denn das Problem ist seit Langem bekannt. Bereits im Februar rügte der UN-Berichterstatter für Armut und Menschenrechte, Philip Alston, nach einem Besuch die Zustände im Lager Lepe bei Huelva, wo unter anderem die Erdbeeren herkommen, die die Deutschen so gerne im Winter essen. Die Zustände dort seien mit das Schlimmste, was er überhaupt je auf der Welt gesehen habe. Die Menschen lebten "wie die Tiere", ohne Toiletten, Strom und fließendes Wasser, in einer improvisierten Zeltstadt, wie man sie eher aus Syrien kenne denn aus der EU. "Wann immer ich jemanden frage in der Regierung, schieben sie die Schuld jemand anderem zu", berichtete Alston. Die Behörden ließen es laufen.

Reisewarnung

Das Auswärtige Amt warnt vor touristischen Reisen in die spanischen Regionen Aragonien, Katalonien und Navarra. In den drei Regionen an der Grenze zu Frankreich wurde laut Bundesgesundheitsministerium die Schwelle von mehr als 50 Neuinfizierten pro 100 000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen überschritten. In der EU steht schon Luxemburg auf der schwarzen Liste, die auch für deutsche Touristen wichtig ist - wobei zumindest nach Aragonien und Navarra selten ein Tourist gerät. Allerdings fallen auch Barcelona und die Costa Brava unter den Bann. Rückkehrer müssen sich 14 Tage in häusliche Quarantäne begeben und sich beim Gesundheitsamt melden. Mallorca und die Kanaren sind hingegen nicht betroffen. SZ

Das ging spätestens nicht mehr, als Anfang Juli mehrmals nacheinander Feuer in den chabolas von Lepe ausbrachen. Viele Bewohner verloren ihr provisorisches Dach über dem Kopf, sie zogen um in den Ortskern und kampierten auf der Plaza - an Corona-Regeln war nicht mehr zu denken. Da erst handelte das Verteidigungsministerium und schickte Pioniere nach Lepe, die dort ein Camp bauen sollen, das Hygieneanforderungen genügt.

Die spanische Caritas fordert seit Langem, die Gesetze flexibler zu gestalten, damit Migranten einen Arbeitsvertrag und Sozialleistungen bekommen. Unidas Podemos, kleiner Koalitionspartner der Sozialisten in Madrid, fordert die Legalisierung des Aufenthaltstitel aller Migranten, die zu Beginn des Alarmzustandes im März in Spanien lebten. Doch die Linksalternativen haben sich bisher nicht durchsetzen können, der große Koalitionspartner ist der Meinung, Migration müsse im europäischen Kontext gelöst werden. Und selbst wenn: Die Lager würden durch eine Legalisierung nicht automatisch verschwinden, denn ein Aufenthaltstitel garantiert nicht für eine Wohnung.

Experten wie der Seuchenbeauftragte Pere Godoy finden: Man müsse die Zahl der Arbeiter reduzieren - und damit auch die Produktion. Das aber wäre der nächste Stoß für die ohnehin gebeutelte spanische Wirtschaft, deren Leistung im zweiten Quartal 2020 um 18,5 Prozent schrumpfte - so viel nie, seit die Statistik geführt wird.

© SZ vom 01.08.2020

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