Die Massaker vom 7. Oktober 2023, bei denen Hamas-Terroristen 1200 Menschen töteten, waren gerade mal drei Wochen her, als ein Protestzug durch die Innenstadt von Madrid zog. Die Demonstranten kritisierten allerdings weder die Hamas noch forderten sie die Freilassung der nach Gaza entführten israelischen Geiseln. Sie wetterten gegen den Krieg, den Israel gegen das Palästinensergebiet am Mittelmeer vom Zaun gebrochen hatte.
Auf den Transparenten war von „Genozid“ die Rede, der Ruf nach einem freien Palästina war zu hören. Einige Aktivisten versuchten, eine palästinensische Flagge an der Dachterrasse des markanten Kunstverein-Gebäudes aufzuhängen. Zur Demo hatten linke Parteien ebenso wie Gewerkschaften und Arbeiterverbände aufgerufen.
Das spanische Vorpreschen wirkte anfangs verwegen
Mit Beginn des Gaza-Kriegs stellte sich Spanien in Europa am energischsten auf die Seite der Palästinenser. Im Mai 2024 erkannte es Palästina gemeinsam mit Irland und Norwegen offiziell als Staat an – ein Schritt, den nun auch weitere Länder wie Großbritannien, Frankreich, Kanada, Australien und Portugal vollzogen haben.
Während das Vorpreschen der Spanier anfangs verwegen wirkte, gelten viele der spanischen Forderungen, zum Beispiel harte Sanktionen gegen Israel, in der EU mittlerweile als mehrheitsfähig. Anders als in der Frage des Nato-Budgets, bei der Premier Sánchez den innenpolitischen Druck linker Kreise ausbalancieren musste, kann sich Spaniens Regierungschef in Sachen Nahostkonflikt auf eine überwältigende Zustimmung im Volk stützen.
Spanierinnen und Spanier verurteilen das Vorgehen Israels im Gazastreifen deutlich. 82 Prozent der Bevölkerung, ergab jüngst eine Erhebung des geopolitischen Forschungsinstituts Elcano, sehen das Vorgehen Israels als genocidio an, als Völkermord. Ein fast ebenso großer Anteil möchte, dass alle europäischen Länder Palästina als Staat anerkennen. Mehr als zwei Drittel fordern EU-Sanktionen gegen Israel.
„Vielleicht ist das darauf zurückzuführen, dass wir mediterran sind“, sagte Sánchez, als Bundeskanzler Merz in der vergangenen Woche zum Antrittsbesuch nach Madrid kam. „Die Stabilität einer derart wichtigen Region wie des Nahen Ostens und des Mittelmeerraums macht uns besondere Sorge“, so der Premier.
Liegt es an den Mauren, die hier lange Zeit regierten?
Die Unterstützung der palästinensischen Sache hat in Spanien Tradition. Schon der erste demokratisch gewählte Premier nach der Franco-Diktatur, Adolfo Suárez, hatte Palästinenserführer Jassir Arafat 1979 mit einer Umarmung empfangen und dem PLO-Büro neue Räume zur Verfügung gestellt. Unter dem langjährigen sozialistischen Premier Felipe González stimmte Spanien auf UN-Versammlungen meist mit arabischen Vertretern im Sinne der Palästinenser. Der spätere Premier José Luis Rodríguez Zapatero schmückte sich bei Gelegenheit mit einem Palästinensertuch. Mit Israel nahm Spanien erst 1986 diplomatische Beziehungen auf, dem Jahr, in dem das Land auch der EU und der Nato beitrat.
Liegt das Wohlwollen für Palästina womöglich auch in der Historie des Landes begründet, das vom 8. bis zum 15. Jahrhundert in weiten Teilen von maurischen Herrschern regiert wurde? Immerhin sind die Überreste dieser Emirate und Kalifate in vielen Teilen der Iberischen Halbinsel zu bewundern, von der Alhambra in Granada über die Mezquita von Córdoba bis zum Aljafería-Palast in Saragossa. In spanischen Vokabeln wie almohada (Kopfkissen) oder alcalde (Bürgermeister) steckt das kulturelle Erbe noch heute.
Die Politikberaterin und Palästina-Expertin Itxaso Domínguez hält derartige „kulturalistische oder essentialistische Erklärungen“ für falsch. „Es gibt in Spanien vielmehr einen breiten gesellschaftlichen und politischen Konsens, dass das palästinensische Volk eine gerechte Lösung braucht.“
Anzeichen dafür sind deutlich: Seit dem Ausbruch des Gaza-Kriegs hängen palästinensische Flaggen im gesamten Land an Fenstern und Balkonen. Sogar am Kap Finisterre am Atlantik hat jemand das schwarz-weiß-grüne Banner mit rotem Dreieck aufgehängt.
Die Spanier haben keine Schuldgefühle gegenüber den Juden
Spanien messe seiner Mittelmeerpolitik besonderes Gewicht bei, sagt Itxaso Domínguez, „daher wird die Situation in Palästina nicht als etwas Entferntes wahrgenommen, sondern als ein Thema, das die Stabilität einer Spanien sehr nahen Region betrifft“. Spanien sei zudem nicht so wie andere an die Außenpolitik der USA gebunden und unterhält auch keine besondere Allianz mit Israel. Dadurch könne es eine kritischere Haltung einnehmen.
Carmen González, leitende Forscherin des Elcano-Thinktanks, hält es für einen Faktor, dass Spanierinnen und Spanier kein Schuldgefühl gegenüber Juden hätten. „Anders als zum Beispiel die Deutschen fühlen sie sich nicht verantwortlich für die vielen Gräuel, die dem jüdischen Volk in der Welt widerfahren sind.“ Die Pogrome und Vertreibungen der Juden im Mittelalter in Spanien beeinflussen nach Ansicht der Forscherin die heutige Haltung der Spanier nicht.
„Die Spanier sehen die israelische Reaktion auf die Hamas als übermäßig und unverhältnismäßig an, nahezu als Vorwand, die palästinensische Präsenz in Gaza zu beseitigen“, sagt González. Ihren Erkenntnissen zufolge werde durchaus unterschieden zwischen Terroristen und der Bevölkerung, also zwischen der Hamas und der Zivilbevölkerung von Gaza.
Erschreckende Vorfälle von Antisemitismus
Die gefühlte – und historisch nicht ganz gerechtfertigte – Unschuld gegenüber dem Judentum paart sich in Spanien allerdings mitunter mit Ignoranz und Antisemitismus. „Die Rache hat nie ein Ende“, so betitelte der Chefredakteur der klugen und generell ausgewogenen Tageszeitung La Vanguardia im Herbst 2023 eine seiner Kolumnen, womöglich ohne zu merken, dass er damit erschreckend nah an das antisemitische Klischee des „rachsüchtigen Juden“ geriet.
Eine Umfrage ergab im Jahr 2019, dass der Anteil negativer und stereotyper Ansichten in der spanischen Bevölkerung zwar zurückgehe, das Land in dieser Hinsicht aber im westeuropäischen Vergleich an der Spitze liege und der Kenntnisstand über das Judentum unterentwickelt sei.
Das ist womöglich nicht überraschend in einem Land, dessen Bevölkerung zu weniger als 0,1 Prozent aus Jüdinnen und Juden besteht. Zwar sei der Antisemitismus im Zuge des Gaza-Kriegs nicht gewachsen, besagt die jüngste Elcano-Studie. 23 Prozent der Spanier geben demnach an, Antipathie oder geringe Sympathie gegenüber Juden als Volk zu empfinden. Doch berichtet das in Spanien aktive „Observatorium für Antisemitismus“ über erschreckende Vorfälle, zum Beispiel Flugblätter, die französisch-jüdische Studenten jüngst in ihren Briefkästen vorfanden. „Jüdische Ratten, Palästina wird siegen“, stand darauf. Auch zeugen manche Protestsymbole, wie eine Israel-Flagge mit Hakenkreuz beim Radrennen Vuelta, nicht gerade von tiefgreifendem Geschichtsverständnis.
Die große Mehrheit der Spanierinnen und Spanier erkenne jedoch das Existenzrecht Israels an und verurteile die Hamas im gleichen Maße wie die israelischen Angriffe, betont Carmen González.
Tatsächlich wird die eigene jüdische Vergangenheit im heutigen Spanien wertgeschätzt, ähnlich wie das maurische Erbe. Als man Anfang der 2000er-Jahre in der Stadt Lorca mit dem Bau eines neuen Hotels der staatlichen Parador-Kette begann, stieß man auf Überreste einer sephardischen Siedlung aus dem 14. Jahrhundert samt Synagoge und Thoraschrein. Schnell wurde entschieden, das Hotel mit der Ausgrabung als Besucherstätte zu vereinen und es unter das Motto der sephardischen Hochkultur zu stellen.

