Süddeutsche Zeitung

Spanien:Kataloniens Krawallmacher

Tausende Separatisten haben auch am Wochenende wieder protestiert - allerdings etwas friedlicher als noch am Freitagabend. Das offenbart, wie zerstritten das Lager der Befürworter einer Unabhängigkeit ist.

Auch am Wochenende hielten die Solidaritätskundgebungen für die zu langen Haftstrafen verurteilten Führer der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung an. Doch erlebte die katalanische Metropole Barcelona zwei unterschiedliche Nächte: Während es in der Nacht zum Samstag zu einer Straßenschlacht zwischen mehreren Hundert vermummten Demonstranten und der Polizei gekommen war, verliefen die Kundgebungen am folgenden Abend weitgehend friedlich. Auch in Madrid fanden sich am Samstag mehrere Tausend zu einer Demonstration gegen die drakonischen Urteile des Obersten Gerichts ein, das neun führende Separatisten wegen der Organisation des Referendums über die staatliche Unabhängigkeit der wirtschaftsstärksten Region Spaniens am 1. Oktober 2017 zu Haftstrafen zwischen neun und 13 Jahren Gefängnis verurteilt hatte.

Aktivisten waren mit gefälschten Flugtickets und Fahrkarten durch die Kontrollen gelangt

In der Nacht zum Samstag hatte eine kleine Gruppe gewalttätiger Demonstranten Müllcontainer zu Barrikaden zusammengeschoben und angezündet. Die Ordnungskräfte setzten Schlagstöcke ein, auf sie prasselten harte Gegenstände nieder, wie kleine Eisenkugeln, die von Zwillen abgeschossen wurden. Erstmals wurden Wasserwerfer eingesetzt. Doch es kam auch zu Schlägereien unter Demonstranten, Verfechter der Unabhängigkeit Kataloniens prügelten sich mit spanischen Nationalisten. Es war die unruhigste Nacht, seitdem am vergangenen Montag das Oberste Gericht im fernen Madrid die Strafen für die führenden Separatisten verkündet hatte. Doch die Zusammenstöße beschränkten sich auf wenige Punkte in der Innenstadt.

Der spanische Innenminister Fernando Grande-Marlaska sprach von rund 400 Gewalttätern, 54 von ihnen seien festgenommen worden. Die Krawalle hätten einen geringeren Umfang gehabt als befürchtet. Grande-Marlaska wies auch darauf hin, dass die Zahl der Teilnehmer an der vorangegangenen Kundgebung deutlich kleiner gewesen sei als bei Massenveranstaltungen der Separatisten noch vor wenigen Jahren. Der katalanische Regionalpräsident Quim Torra, einer der führenden Köpfe des Separatismus, sprach von einer "kleinen Zahl von Gewalttätern", die die Katalanen in Misskredit bringen wollten; bei einem beträchtlichen Teil handle es sich um "angereiste Provokateure". Bei der Kundgebung am Samstag kam ein Ordnungsdienst aus mehreren Hundert Freiwilligen zum Einsatz, die sich zwischen die Demonstranten und die Polizeieinheiten stellten.

Aktivisten waren mit gefälschten Flugtickets und Fahrkarten durch die Kontrollen gelangt

Aktivisten der Unabhängigkeitsbewegung mussten am Wochenende einräumen, dass die Aufrufe zu einem Generalstreik in Katalonien am Freitag nicht das erhoffte Echo gefunden hätten. Viele Geschäfte waren geöffnet, der öffentliche Nahverkehr hatte einen Notdienst eingerichtet, die meisten Menschen waren an ihren Arbeitsplätzen erschienen. Auch waren die Behörden dieses Mal besser vorbereitet als zu Beginn der Woche: Am Dienstag hatten katalanische Aktivisten vorübergehend den Flughafen von Barcelona sowie die großen Bahnhöfe der Region lahmgelegt, obwohl dort Polizeikräfte rechtzeitig Stellung bezogen hatten. Die Aktivisten waren mit gefälschten Flugtickets und Fahrkarten, die über Netzwerke der Separatisten verbreitet worden waren, durch die Kontrollen vor den Gebäuden gelangt. Am Wochenende stand dort mit Scannern ausgerüstetes Personal, das alle Tickets sofort auf ihre Echtheit überprüfen konnte.

Die gewaltsamen Ausschreitungen zeigten indes, dass im Lager der Separatisten keine Einigkeit über das weitere Vorgehen herrscht. Der katalanische Regionalpräsident Torra sagte mit Verweis auf die Kundgebung, an der nach Angaben der Polizei 525 000 Menschen teilgenommen hatten, seine Regierung werde am Unabhängigkeitskurs festhalten. Parlamentspräsident Roger Torrent rief hingegen die katalanischen Politiker dazu auf, für Stabilität zu sorgen. Torra gehört der im Januar gegründeten liberalkonservativen Partei "Ruf für die Republik" (CNxR) an, er gilt als Vertrauter des geflüchteten früheren Regionalpräsidenten Carles Puigdemont.

Torrent hingegen ist Mitglied der traditionsreichen Republikanischen Linken Kataloniens (ERC). Der Vorsitzende Oriol Junqueras, der als Hauptorganisator des verbotenen Referendums zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, hatte erklärt, für das Ziel der Unabhängigkeit sei "die Zeit noch nicht gekommen". Die ERC ist darüber in einen Konflikt mit der Gefolgschaft Puigdemonts geraten. Die spanischen Behörden haben in der vergangenen Woche erneut einen internationalen Haftbefehl für Puigdemont ausgestellt, der derzeit in Waterloo bei Brüssel wohnt. Die belgischen Behörden haben darüber zu entscheiden.

In Madrid ließ der sozialistische Premierminister Pedro Sánchez erklären, er sehe keinen Anlass, mit der katalanischen Regionalregierung unter Torra zu beraten. Torra müsse sich erst von den Gewalttaten distanzieren. Dieser entgegnete, dass er nie Gewalt befürwortet habe. Angesichts der bevorstehenden nationalen Wahlen am 10. November steht Sánchez unter innenpolitischem Druck, da die rechte Opposition in Madrid ein hartes Durchgreifen in Katalonien verlangt. Madrider Medien berichteten allerdings vom EU-Gipfel in Brüssel, dass die in Spanien angesehene Bundeskanzlerin Angela Merkel und die designierte EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen in Gesprächen mit Sánchez für einen Dialog geworben hätten.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4648050
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 21.10.2019
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.