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Juan Carlos:Die Monarchie ist ein Spaltpilz für Spanien

Ex-König Juan Carlos

Das Gespür dafür, woher der Wind der Geschichte weht, ist Juan Carlos in seinen letzten Jahren als Staatsoberhaupt gründlich abhandengekommen. (Archivbild von 2014)

(Foto: Daniel Ochoa De Olza/dpa)

Das Königsdrama um Juan Carlos zeigt, wie marode die spanische Staatsform ist. Aber was wäre durch einen Systemwechsel gewonnen? In der Corona-Krise ist etwas anderes wichtiger.

Kommentar von Sebastian Schoepp

Juan Carlos I., König von Spanien von 1975 bis 2014, hat sich unbestreitbare Verdienste um sein Land erworben. Er hat Spanien nach dem Tod des Diktators Francisco Franco in die Demokratie geführt - mit einer Zielstrebigkeit, die dem noch vom Diktator eingesetzten und als Partyprinz verschrienen Monarchen keiner zugetraut hätte. Juan Carlos habe ein Gespür dafür gehabt, wohin der Wind der Geschichte wehte, hat die Zeitung El País nun geschrieben, damals sozusagen publizistische Partnerin bei der Demokratisierung. Das ist der eine Teil der Geschichte.

Die andere Geschichte ist die einer außergewöhnlichen Selbstdemontage, die nun mit der Abreise - man kann auch sagen: Flucht - des greisen rey emérito, wie sein Titel lautet, ins Ausland ihren Höhepunkt gefunden hat. Der Endpunkt der Geschichte ist das allerdings noch nicht, denn die Justiz in Spanien ermittelt gegen den 82-Jährigen wegen Schmiergeldzahlungen.

Das Geld soll vom saudischen Königshaus über Fiskalparadiese auf Konten des Königs geleitet worden sein - als Provision für die Vermittlung eines Großauftrags an die spanische Industrie. Es ist anzunehmen, dass die Intensität dieser Ermittlungen nun eher zunehmen wird, zumal die Politik bei der Klärung der Affäre ziemlich versagt hat.

Es könnte womöglich so einiges an die Oberfläche kommen

Sozialisten und Konservative, die sich seit Jahrzehnten an der Macht abwechseln, haben sich stets gegen eine parlamentarische Untersuchung der Praktiken des früheren Staatsoberhauptes gesträubt. Unter ihnen regiert die wohl nicht unberechtigte Sorge, es könne so einiges an die Oberfläche kommen, was einst unter den Tisch gekehrt wurde, aus Gründen der Staatsräson. Auch jetzt betonten sie, die Entscheidung des Ex-Königs müsse respektiert werden - während die Linke schäumt, er habe sich davongemacht.

Eines ist jedenfalls klar: Das Gespür dafür, wohin der Wind der Geschichte weht, ist Juan Carlos in seinen letzten Jahren als Staatsoberhaupt gründlich abhandengekommen. Der Niedergang begann mit dem ganz prosaischen Drama des aus der Zeit gefallenen alten Mannes. 2012, Spanien war gerade im Würgegriff der Finanzkrise, die Hunderttausende in die Armut trieb, wurden Fotos publik, die den König auf einer von den Saudis bezahlten Luxussafari in Botswana zeigten, zudem noch vor einem erlegten Elefanten. Parallel dazu kam heraus, dass ihn auf der Reise eine Frau begleitet hatte, die nicht Königin Sofía war.

Juan Carlos, aufgewachsen in einer Scheinwelt der Hofschranzen, verstand nicht recht, was die Aufregung sollte. Standen ihm als König nicht Privilegien zu? Hatte er nicht für sein Land einen Milliardenauftrag geholt? Nur mit Mühe konnten seine Familie und die Politik ihn zu einer öffentlichen Entschuldigung drängen. Die half aber nichts mehr.

Felipe VI. hat sich vom Vater distanziert und quasi selbst enterbt

Der Ruf ist dahin, seitdem befindet sich die gesamte spanische Presse auf Dauerjagd auf das monarchische Großwild. Etliche Enthüllungen später dankte Juan Carlos 2014 ab, die Beziehung zu seiner "innigen Freundin", wie sie in der Öffentlichkeit gemeinhin etwas ironisch genannt wird, musste er abbrechen. Seitdem setzt die Verstoßene das Königshaus mit immer neuen Enthüllungen unter Druck.

Juan Carlos' Sohn Felipe VI. will ein moderner König, ein sauberer Monarch sein. Deshalb hat er sich beizeiten von seinem Vater distanziert, ja gewissermaßen selbst enterbt, denn er will nicht von dessen schwarzen Kassen profitieren. Doch die Frage stellt sich natürlich, ob das Prinzip Monarchie den Anforderungen einer Zeit, die auf Transparenz besteht, gewachsen sein kann.

Spanien hat in den ersten Jahrzehnten nach der Diktatur ganz gut gelebt mit dieser Staatsform, die das gespaltene Land einigermaßen zusammenhielt. Doch die Zentrifugalkräfte werden stärker, inzwischen ist die Monarchie eher ein Spaltpilz. Katalanen und Basken wollen sich nicht mehr damit abfinden, von einem kastilischen Königsclan regiert zu werden, dessen Mitglieder immer wieder in Korruptionsaffären verstrickt sind.

Wichtig ist die gemeinsame europäische Verantwortung

Auch Mitglieder von Königshäusern selbst scheinen die Lust an der Monarchie zu verlieren, nicht nur in Spanien. Das zeigt das Beispiel von Prinz Harry und seiner Frau Meghan in Großbritannien, die sich der monarchischen Verantwortung entzogen, bevor sie begann. Spaniens Ex-König entzieht sich dieser am Ende eines widersprüchlichen Lebens. Er geht den Weg seines Großvaters, Alfons XIII., der 1931 ebenfalls das Land verlassen musste, als die Republik ausgerufen wurde.

Ist Spanien nun wieder reif für eine Republik? In den 1930er-Jahren führte die erbitterte Zerstrittenheit der gesellschaftlichen Kräfte geradewegs in den Bürgerkrieg. Und was wäre durch einen Systemwechsel gewonnen? Mehr als diese oder jene repräsentative Staatsform rettet die Spanier derzeit etwas anderes, Zeitgemäßeres: die gemeinsame europäische Verantwortung unter dem Dach der EU. Nur sie kann das Land vor der Armut durch die Folgen der Corona-Krise bewahren. Die Monarchie ist dabei eher Staffage.

© SZ vom 05.08.2020/saul/cat

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