Als Spaniens Diktator starb, stürzte das Volk keine Statuen von den Sockeln. Man riss auch keine Porträts von den Wänden und stürmte keine Foltergefängnisse. Ganz im Gegenteil: Tausende Menschen standen kilometerweit Schlange, um dem Leichnam ihres Caudillo die letzte Ehre zu erweisen, nachdem die Nachricht „Españoles, Franco ha muerto“, „Spanier, Franco ist gestorben“ im nationalen Fernsehen verkündet worden war.
Zum 50. Mal jährt sich in diesem Jahr der Tod des Francisco Franco Bahamonde. Jenes Mannes, der fast vier Jahrzehnte lang mit sonnenköniggleicher Macht über Spanien geherrscht hatte. Jenes Mannes, der, wie sich dieser Tage zeigt, auch 50 Jahre nach seinem Tod die spanische Gesellschaft noch zu spalten vermag.
Das Gedenkjahr hat kaum begonnen, und schon ist der Streit darüber entbrannt, wie viel und welche Art von Erinnerung an den Bürgerkrieg und die Franco-Diktatur angemessen sei.
Ein Intellektueller wirft Sánchez vor, „Spanien in Brand zu setzen“
Mehr als einhundert Veranstaltungen unter dem Motto „España en Libertad“, „Spanien in Freiheit“ soll es landesweit im Laufe dieses Jahres geben, hat Premierminister Pedro Sánchez angekündigt, um die „große Transformation“ zu würdigen, „die in diesem halben Jahrhundert der Demokratie durchlebt wurde“. Doch noch bevor der erste dieser Gedenkakte überhaupt stattgefunden hat, haben Konservative und Rechte die „einhundert Veranstaltungen“ zum Schmähbegriff erhoben.
Miguel Tellado, der Fraktionsführer des konservativen Partido Popular im spanischen Parlament, sagte, Sánchez brauche Franco „lebendiger denn je“, um die eigene politische Schwäche zu kaschieren. Auch Intellektuelle wie der Poet Andrés Trapiello, ein langjähriger Kritiker der Regierung in Madrid, reagieren wutschäumend auf den Gedenkmarathon der Regierung. Trapiello hielt Sánchez (den er verächtlich nur „diesen“ nennt statt beim Namen) in einer Zeitungskolumne vor, das Thema zu benutzen, um „Spanien in Brand zu setzen“ und „in das Gedächtnis der Bürger einzugreifen, wie die Larve, die die Gehirne von Schafen verschlingt und sie in Schläfrigkeit versetzt“.
Spanien erlebte keine Revolution wie Portugal, sondern eine mühsame Transition
Formal ist das von Sánchez angekündigte Motto des Gedenkjahres tatsächlich unsauber. Das Lebensende Francos am 20. November 1975 brachte keineswegs die „Freiheit“. Anders als Portugal ein Jahr zuvor erlebte Spanien damals keine Revolution, bei der Menschen in den Straßen tanzten und Soldaten sich Nelken in die Gewehrläufe stecken ließen. Spanien durchlebte eine mühsame Phase des Übergangs, die transición.
Bis 1976 regierte der Franco-treue Ministerpräsident Carlos Arias Navarro. Erst 1978 votierte die Bevölkerung für eine demokratische Verfassung. Noch im Februar 1981 versuchten die Franquisten einen Staatsstreich, bei dem in Valencia Panzer durch die Straßen rollten und ein Oberstleutnant der Guardia Civil das Parlament in Madrid stürmte, um die Abgeordneten mit Waffengewalt als Geiseln zu nehmen. Der Coup scheiterte, nachdem sich König Juan Carlos I., der von Franco als dessen Nachfolger benannt worden war, auf die Seite der Demokratie stellte.
Die Vergangenheit wurde verdrängt statt aufgearbeitet
Heute ist Spanien eine der stabilsten und fortschrittlichsten Demokratien der Welt. Doch seiner düsteren Vergangenheit entledigte sich das Land ähnlich, wie es viele Menschen mit Problemen tun: Man verdrängt sie. Nach Francos Tod bestattete man dessen sterblichen Überreste neben dem Altar der monströsen Basilika im „Tal der Gefallenen“ nordwestlich von Madrid, einem monumental-faschistischen Sakralbau mit 150 Meter hohem Betonkreuz.
Erst 2019 setzte die sozialistische Regierung von Pedro Sánchez durch, die Gebeine des Diktators aus dem Marmorboden der Basilika zu meißeln und auf einen Gemeindefriedhof umzubetten. Doch bis heute steht in goldglänzenden Lettern am Eingang der Basilika, wo täglich um elf eine Messe gelesen wird, wer dieses Monument erdacht und 1959 eröffnet hat: „Francisco Franco, Caudillo von Spanien“.
Kritiker bemängeln eine einseitige Bespiegelung der Geschichte
„Diese Vergangenheit darf sich nicht wiederholen, nicht einmal als Karikatur“, forderte Spaniens König Felipe VI. kürzlich bei einer Ansprache vor dem italienischen Parlament. Diesen Satz werten Linke und Sozialisten nun als Bestätigung ihrer Bemühungen um die Erinnerungskultur. Konservative und Rechte erkennen in dem Begriff der „Karikatur“ hingegen das, was sie nun kritisieren: ein angeblich überladenes, einseitiges Erinnern.
Die Kritiker, unter ihnen keineswegs nur ewiggestrige Ultranationalisten, bemängeln nicht nur die faktische Ungenauigkeit des Gedenk-Mottos, sondern die ihrer Ansicht nach einseitige Bespiegelung der Geschichte, zu der auch Mord und Terror von Linken und Republikanern vor und während des Bürgerkrieges gehören. Tatsächlich gab es Gewaltexzesse, bei denen unter anderem Hunderte Geistliche ermordet und verstümmelt wurden.
Francos Wappen prangt noch immer an vielen Gebäuden
Konservative und Rechte fordern, den Staatsstreich von 1936, der den Bürgerkrieg mit Hunderttausenden Toten auslöste und zu Francos Diktatur führte, gleichberechtigt neben Ereignisse vom Herbst 1934 zu stellen, bei denen Linke und Gewerkschaften vor allem in Asturien und Katalonien mit Generalstreiks rebellierten und zeitweise anarchische Zustände herbeiführten.
Doch dürfe nicht „unterschiedslos der Opfer von Gewalt gedacht werden“, mahnt der deutsch-spanische Historiker Carlos Collado Seidel. „Jene, die heute behaupten, dass die Ursache des Bürgerkriegs in der sogenannten Oktoberrevolution von 1934 zu suchen sei, bedienen sich des exkulpatorischen Arguments der Putschisten von 1936“, mit dem diese ihren Aufstand gegen die demokratisch legitimierte republikanische Ordnung und die im Bürgerkrieg begangenen Gräuel rechtfertigten.
Die Verbrechen der Franco-Diktatur aufzuarbeiten, sei für Spanien ähnlich bedeutend wie die Aufarbeitung der Nazi-Gräuel für Deutschland, argumentiert der Historiker und Franco-Biograf.
Doch im modernen Spanien überdauern nicht nur die Symbole der Diktatur – Francos Wappen prangt noch immer an vielen Gebäuden, und eine Stiftung kümmert sich um sein politisches Erbe. Es halten sich auch viele Mythen um den Diktator, so zum Beispiel dessen vermeintliches diplomatisches Geschick im Zweiten Weltkrieg (das von Historikern längst widerlegt wurde) sowie Francos angebliche Verdienste um das Sozialwesen. Der Verweis auf Letztere ist ähnlich oft zu hören wie einst der Verweis auf Hitlers Autobahnen in Deutschland, was eine fast komische Analogie ist, denn Franco war zeitlebens ein Gegner von Autobahnen. Er fürchtete, sie könnten den Bolschewisten bei einer Invasion von Nutzen sein.