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Spanien:Die Familie ist stärker als die Krise

Demonstrators hold up Spanish flags during a gathering in support of Spanish civil guards outside their barracks in Barcelona

Unabhängigkeitsreferendum hin oder her: Im vergangenen Jahr kehrten erstmals seit Beginn der Krise 2007 mehr Spanier heim, als aufbrachen.

(Foto: REUTERS)

Viele Spanier haben in den vergangenen Jahren ihr Land verlassen, um anderswo Arbeit zu finden. Immer mehr kehren wieder zurück. Doch das hat nur wenig mit der besseren Konjunktur zu tun.

Zwei silberne Reisekoffer und eine kleine schwarze Handtasche. In ihnen steckt alles, was Jesús Vilasevil nach vier Jahren in Deutschland besitzt. Nur Kleidung, ein Kulturbeutel, sonst nichts. Der 43-Jährige Spanier, dessen dichtes schwarzes Haar von grauen Strähnen durchzogen ist, schleppt seine Sachen durch Terminal 1 des Münchner Flughafens. Heute ist sein letzter Tag in Deutschland. Vilasevil will zurück nach Spanien. So wie viele seiner Landsleute: Im vergangenen Jahr kehrten erstmals seit Beginn der Krise 2007 mehr Spanier heim, als aufbrachen.

Vilasevil sucht mit halb zu gekniffenen Augen einen Bildschirm, auf dem Madrid steht und das Gate, von dem er abfliegt. Er nimmt seine Brille ab, putzt sie mit seinem schwarzen T-Shirt in der linken Hand und setzt sie wieder auf. Mit der rechten Hand hält er seinen weinroten Pass mit drei Fingern fest, zwischen den feinen Seiten klemmen zwanzig 50-Euro-Scheine, tausend Euro. Es ist die Kaution seiner Wohnung in Deutschland, die er heute Morgen verlassen hat. Und gleichzeitig sind es seine einzigen Ersparnisse für den Neuanfang in der Heimat. In Deutschland habe er ganz okay verdient, sagt er. Es habe gereicht, um ohne Sorgen über die Runden zu kommen. Für DHL fuhr er in München und Umgebung Päckchen aus.

Besser als gar keine Arbeit. In Spanien hatte er wegen der Krise seinen Job als LKW-Fahrer verloren, war dann ein knappes Jahr arbeitslos - wie viele seiner Freunde in seiner Heimatstadt Toledo, die eine Autostunde von Madrid entfernt ist. Und wie viele seiner Freunde lebte er immer noch bei seinen Eltern und war von ihnen finanziell abhängig, mit Ende 30. Er fühlte sich nutzlos und wertlos, ja schuldig, weil seine Eltern für seinen Lebensunterhalt aufkommen mussten. In seiner vielen freien Zeit dachte er viel über sein Leben nach, hatte Geldsorgen und Existenzängste, strich mit seinem Hund durch die Straßen Toledos, machte viel Sport - schlug Zeit tot. Fast jeden Tag durchforstete er Jobportale nach neuen Angeboten, die es nicht gab.

In Spanien kam er aus der Arbeitslosigkeit nicht mehr heraus

Er bewarb sich trotzdem, dann halt initiativ. Es brachte nichts, auch seine Fortbildung, damit er größere LKW fahren kann, nicht. Er war verzweifelt - weil sich Spanien von der Krise nicht erholt hatte, zumindest nicht so, dass er davon profitieren würde und endlich wieder in Arbeit käme. Und so packte er 2013 seine Sachen und fuhr mit zwei Freunden von Toledo, einer hübschen Stadt mit Geschichte, eindrucksvollem Schloss und prächtiger Kathedrale ins niedersächsische Oldenburg. Dort arbeitete er fünf Monate auf einem Schlachthof, wo er den ganzen Tag kalte Putenbrust in klebriger Folie verpackte. Was er irgendwann nicht mehr aushielt und sich auf eine Stelle bei DHL in München bewarb.

Da lag die Wirtschaft Spaniens nach der Weltfinanz- und der Euro-Krise 2007 immer noch am Boden. Der Staat war hochverschuldet, viele Unternehmen pleite. Das traf vor allem vor allem die Jungen. Mehr als jeder zweite hatte keine Arbeit, man sprach von der generacion perdida, als hätte das Land eine ganze Generation der Krise geopfert. Viele von ihnen sind wie Jesús Vilasevil ins Ausland gezogen, wo sie sich bessere Perspektiven auf Arbeit und Wohlstand erhofften. Mehr als 700 000 Spanier zwischen 24 und 34 Jahren haben ihr Land seit Beginn der Krise vor zehn Jahren verlassen. Das ist mehr als jeder Zehnte in der Altersgruppe.

Vor allem in mittelgroßen Städten haben sie keine Zukunft mehr gesehen, wie in Valladolid im Zentrum Spaniens. Mehr als 80 Prozent der Uniabsolventen sind seit Beginn der Krise ins Ausland abgewandert. Anfang dieses Jahres hat die Stadtverwaltung ein Projekt gestartet, um die jungen Emigranten wieder zurückzuholen. Es heißt "Retorno al talento", Rückkehr des Talents. Eine halbe Million Euro soll an Unternehmen vor Ort gehen, damit sie spanische Fachkräfte aus dem Ausland wieder einstellen. Die 300 000 Einwohner-Stadt übernimmt im ersten Jahr 70 Prozent des Gehalts der Rückkehrer und im zweiten dreißig Prozent. Warum? Man wolle die Stadt vor der Vergreisung bewahren, heißt es im Rathaus. Bislang ist das Projekt in Spanien einmalig, aber einige Städte diskutieren über ähnliche Maßnahmen.

Plötzlich sind Jesús Vilasevils Augen feucht, die Stimme bricht, Vilasevil weint. Was er jetzt fühlt, so kurz vor der Abreise? Er hat seine Familie sehr vermisst, muchísimo, die ganze Zeit, todo el tiempo. Seinen Vater, seine Geschwister und seine drei Nichten. Und jetzt will er einfach wieder zurück, bei ihnen sein. Nicht nur an Weihnachten, wie in den letzten Jahren, sondern immer. Seine Familie ist für ihn das Größte auf der Welt, das wichtigste. In seinen einsamen Stunden in Deutschland dachte er oft an sie, er litt darunter, sie nicht sehen zu können. An seinen Geburtstagen wäre er fast daran zerbrochen - "diese Einsamkeit!" Die Familie, sie ist der eigentliche Grund, warum er jetzt am Flughafen ist und zurückfliegt. Vilasevil hofft, sie nie wieder verlassen zu müssen.

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