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Spanien in der Corona-Pandemie:"Ihr seid schlimmer als das Virus"

Spanien: Madrids Regionalpräsidentin Isabel Diaz Ayuso

Isabel Díaz Ayuso mit Maske im April

(Foto: AFP)

Isabel Díaz Ayuso ist die konservative Gegenspielerin des spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez - und bedient ein neues Gefühl: den Hauptstadt-Nationalismus.

Von Karin Janker, Madrid

David gegen Goliath ist eines der beliebtesten Motive von Isabel Díaz Ayuso. Das kleine, aber smarte Madrid gegen die mächtige, unterdrückerische spanische Zentralregierung, die zwar auch in Madrid sitzt, aber gar nicht so richtig zu ihrem Madrid gehört. Denn Ayusos Madrid ist eine Stadt der Freiheit, der Lebensfreude und der Geschäftigkeit, betont die konservative Präsidentin der Hauptstadtregion.

In jüngster Zeit bemüht die Politikerin des Partido Popular das David-gegen-Goliath-Narrativ so häufig, dass ihr das bereits Vergleiche mit Katalonien eingebracht hat. Eine "Katalanisierung Madrids" beobachtet der Schriftsteller Julio Llamazares und zitiert Ayuso mit dem Satz: "Madrid genauso wie die restlichen Autonomen Regionen zu behandeln, ist unfair."

Vor allem in der Virusbekämpfung will Ayuso sich von Premier Pedro Sánchez keine Vorschriften machen lassen. Gesundheitspolitik ist in Spanien Sache der Autonomen Regionen. Und so musste Sánchez wochenlang zusehen, wie in der Stadt die Corona-Zahlen stiegen, während Ayuso nur mit minimalinvasiven Maßnahmen eingriff. Gerade hat Spanien die Schwelle von einer Million Infizierten überschritten; 294 000 von ihnen wurden in Madrid gezählt.

Isabel Díaz Ayuso trägt in diesen Monaten die Verantwortung für knapp sieben Millionen Menschen, die in der Metropolregion leben. Die 42-Jährige, deren Gegner sagen, sie habe zu wenig politische Erfahrung, nimmt diese Verantwortung mit großem Selbstbewusstsein an. Sie scheint mit einer Teflonhaut ausgestattet zu sein, die jegliche Kritik abperlen lässt, die vom politischen Gegner ebenso wie jene von renommierten Wissenschaftlern.

Den Zorn vieler Eltern zog Ayuso bei ihrem Pizzagate im Frühjahr auf sich. Damals wurde bekannt, dass die Präsidentin verfügt hatte, dass bedürftige Kinder, die normalerweise in der Schule zu Mittag aßen, während der Schulschließung Pizza nach Hause geliefert bekamen. Ayuso rechtfertigte sich prompt und erklärte: "Kinder lieben Pizza."

Vorkämpferin des "Wir gegen die da oben"

Ayuso, die im bürgerlichen Madrider Viertel Chamberí aufgewachsen ist, regiert seit 2019 in einer Koalition mit den rechtsliberalen Ciudadanos, gestützt von den rechtsextremen Vox. Politisiert habe sie sich auf einer Reise durch Lateinamerika, berichtet die Journalistin. Dort habe sie gesehen, was der Kommunismus anrichte - ihre Geschichte als eine Gegenerzählung zu jener des Arztes Ernesto Guevara, den man später nur noch Che nannte.

Ayuso liebt solche Erzählungen, sie weiß um ihre Macht ebenso wie um die der sozialen Medien. Sie ist unter anderem auf Facebook, Twitter, Telegram und Tiktok aktiv. In ihren Nachrichten dort, aber auch in Interviews und öffentlichen Ansprachen ist das Austeilen zu ihrem Markenzeichen geworden. "Ihr seid schlimmer als das Virus", schimpft sie gegen Sánchez' Koalitionspartner Podemos. Ihr Ton ist dabei oft derart aggressiv, dass die linksliberale Tageszeitung El País sie neuerdings in die Nähe von Donald Trump rückt.

Spaniens Medien begleiten den dauernden Streit zwischen Ayuso und Sánchez mit viel Liebe zum Detail. Jeder Blick, den die beiden wechseln, wird kommentiert. Die Regionalpräsidentin gilt inzwischen als große Gegenspielerin des Ministerpräsidenten. Sie setzt bei ihren Anhängern auf ein Gefühl, das in dem vom Virus gebeutelten Madrid langsam keimt: einen neuen Hauptstadt-Nationalismus. Ayuso ist die Vorkämpferin des "Wir gegen die da oben".

Dass Sánchez vor zwei Wochen den Ausnahmezustand über der Stadt verhängt hat, war für ihn nur ein vorübergehender Sieg. An diesem Freitag läuft das Dekret aus. Die Zahlen in Madrid sind inzwischen leicht gesunken. Ayuso genügt das als Beleg, dass ihre Maßnahmen gewirkt haben, und hat angekündigt, zu ihnen zurückkehren zu wollen. Ab Samstag gilt nun eine nächtliche Ausgangssperre von 0 bis 6 Uhr, die Sperrstunde der Gastronomie wird im Gegenzug aber bis Mitternacht verlängert. Es seien Maßnahmen "mit Augenmaß" sagt Ayuso, die Wirtschaft habe schon genug gelitten.

© SZ/odg
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