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Spanien und Corona:Zwischen Seuchenherd und Sommerfreuden

Menschen mit Mund-Nasen-Schutz am Strand von Barbate in Südspanien.

(Foto: AP)

Viele Länder warnen vor Urlaub in Spanien. Dabei sind die Ferienorte bisher nicht für das Hochschnellen der Infektionen verantwortlich.

Von Sebastian Schoepp

Am Samstagmorgen flog der britische Verkehrsminister Grant Shapps mit der Familie in den Spanien-Urlaub, doch die Entspannung währte kurz. Stunden später wurde er zu einer Videokonferenz des Kabinetts gerufen, in der beschlossen wurde, dass britische Spanien-Rückkehrer wegen der stark angestiegenen Fallzahlen in seinem Urlaubsland in Quarantäne müssen - so nun also auch der Minister, der versuchte, das mit steifer Oberlippe zu nehmen. Ebenso sein Kollege, der Tory-Abgeordnete Paul Scully. Ihn überraschte die Nachricht auf Lanzarote. Er postete ein Foto von einem Krug Bier vor Meereskulisse auf Instagram und merkte an, er könne nach seiner Rückkehr ja gut und gerne von Quarantäne aus arbeiten. Die meisten britischen Spanien-Touristen jedoch waren entsetzt.

Noch entsetzter waren die Spanier. Die britischen Maßnahme seien ein entsetzlicher Schlag für den Tourismus, schrieb die Madrider Zeitung El País, La Vanguardia aus Barcelona konstatierte den "Todesstoß für die Urlaubssaison". Der Verband der Flughafenbetreiber klagte, die gerade begonnene Erholung sei dahin. In sozialen Netzwerken wurde geraunt, Spanien werde an den Pranger gestellt, während andere Länder ihre Fallzahlen unter den Teppich kehrten. Außenministerin Arancha González Laya stellte fast trotzig fest, Spanien sei weiter ein "sicheres Land". Sie drängte am Montag die Briten heftig, wenigstens die Quarantäne für Rückkehrer von den Kanaren und Balearen aufzuheben - dafür macht sich offenbar vor allem der britische Verkehrsminister Grant Shapps stark, wie die britische Zeitung Sun meldete.

Fast 900 Neuansteckungen innerhalb 24 Stunden meldete die staatliche Gesundheitsbehörde Ende vergangener Woche für ganz Spanien. Das sind mehr als damals im März, bevor der fast totale Lockdown verkündet wurde. Anfang Juli hatte das Ministerium eine Ansteckungsrate von 5,3 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen gemeldet. Am Freitag waren es 23,37. Spanien belegt damit laut Europäischem Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten den fünften Platz hinter Luxemburg, Rumänien, Bulgarien und Schweden.

Allerdings sind die Fälle in Spanien regional krass unterschiedlich verteilt: am stärksten betroffen sind Katalonien und Aragon. Frankreich rät deswegen von Reisen in diese Regionen jenseits der Grenze dringend ab, ein Schlag für die Costa Brava. Die Kanaren hingegen haben in 14 Tagen nur 5,8 Erkrankungen pro 100 000 Einwohner gezählt, weshalb sie sich ungerecht behandelt fühlen. Jorge Marichal, Chef des Hoteliersverbandes in Santa Cruz de Tenerife, sagt: "Es ist im Moment sicherer, sich auf den Kanaren aufzuhalten, als in Großbritannien."

An der vergleichsweis guten Lage der Urlaubs-Inseln haben auch vereinzelte Exzesse wie am Ballermann auf Mallorca vorläufig nichts geändert. Auf den Balearen verweist man auf die Maskenpflicht fast überall im Freien sowie das Abstandsgebot, das nun streng durchgesetzt werde.

Einige Länder wie Polen und Belgien haben immerhin differenziert und raten nur von Reisen in besonders betroffene Regionen wie die katalanische Provinz Lleida ab, in die allerdings ohnehin kaum je ein Tourist kommt. Er würde auch gar nicht hineindürfen, denn Lleida lebt seit kurzem wieder im völligen Lockdown. Dort gab es viele Neuansteckungen unter Erntearbeitern auf den Gemüse- und Obstplantagen, sie leben unter prekären Bedingungen in provisorischen Sammelunterkünften, wo sich das Virus fast unkontrolliert ausbreitet. Doch eben nicht nur dort.

Als weiterer Seuchenherd ist das Nachtleben in den Großstädten ausgemacht, weshalb die katalanische Landesregierung Bars, Clubs und Discos bis auf weiteres geschlossen hat. In Barcelona sind die Einwohner sogar dazu aufgefordert, Häuser nur zu dringenden Erledigungen zu verlassen. Da ist es nur ein kleiner Schritt zurück zum totalen Lockdown, der im März und April galt. Der Regierung in Barcelona wird nun vor allem von konservativen Medien in Madrid planloses Vorgehen vorgehalten: Erst sieben Wochen confinamiento, dann eine taumelnde, unkontrollierte Rückkehr zu einer "neuen Normalität", die nie funktioniert hat. Viel zu schnell sei das Nachtleben geöffnet worden. Das Tracking der Ansteckungswege funktioniert in der Tat kaum.

Tatsache ist auch, dass das lange Eingesperrtsein bei vielen Spaniern ein solches Bedürfnis nach Nähe hat wach werden lassen, dass die sich nach der Öffnung sofort in die Arme sanken. Seitdem gelten Familienfeiern als Seuchenherde. Der italienische Virologe Roberto Burioni hat den traditionellen mediterranen Lebensstil als Gefahrenherd ausgemacht, weshalb man in Ländern wie Italien und Spanien besonders wachsam sein müsse.

Eine wenig hilfreiche Rolle bei der Seuchenbekämpfung haben in Spanien jedoch auch politische Streitereien gespielt. So preschte Kataloniens Ministerpräsident Quim Torra im März bei Lockdowns vor, die spanische Zentralregierung unter Pedro Sánchez zog nach. Sánchez befürchtete, der Separatist Torra werde eine Art gesundheitspolitische Sezession anstreben und machte lieber gleich das ganze Land dicht - auch eine Form, die Einheit Spaniens zu betonen.

Von Anfang an lieferten Zentralregierung und Regionen unterschiedliche Daten, und das zeitversetzt, was beträchtliches Chaos in der Corona-Zählung verursachte. Die Zeitung El País zählte kürzlich die von den Regionen gemeldeten Corona-Toten zusammen - und kam auf 46 000, gut 16 000 mehr als das Gesundheitsministerium in Madrid. Die unterschiedlichen Zählweisen verschiedener Ministerien und Forschungsinstitute waren von anfang an ein Problem, immer wieder wurden unplausible Daten gemeldet. Gerade die katalanische Regierung betrieb aus Protest gegen die zentralisierte Seuchenbekämpfung während des Alarmzustandes phasenweise geradezu Obstruktion. All das hat in vielen Teilen Europas das Vertrauen in die spanische Politik nicht gerade gestärkt.

© SZ.de/lalse
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