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Spanien:Außergewöhnlich gelassen

Abel lies down in bed at home in Munich

Mit nur 250 Euro in der Tasche kam José Manuel Abel vor zwei Jahren nach München. Heute hat der Spanier einen festen Job gefunden.

(Foto: Marcelo del Pozo/Reuters)

Die Spanier dulden Millionen von Immigranten, die während des Baubooms ins Land kamen - und geblieben sind. Anders als im Rest Europas gibt es in Spanien keine ausländerfeindliche Partei.

Sie kamen in Massen, als der Bauboom in Spanien scheinbar Manna vom Himmel regnen ließ. Die Zahl der Einwanderer stieg um die Jahrtausendwende binnen einer Dekade um fünf Millionen Menschen an. Zu Beginn gab es Befürchtungen, es könnte zu fremdenfeindlichen Ausbrüchen kommen oder zur Gründung rechtspopulistischer Parteien. Doch das war nicht der Fall - selbst dann nicht, als 2008 die Finanzkrise begann und Spaniens Wirtschaft zusammenbrach.

Spanien ist damit eine Besonderheit: Praktisch alle anderen europäischen Länder haben fremdenfeindliche Parteien, zuweilen sehr einflussreiche. Warum das in Spanien anders ist, dafür gibt es unterschiedliche Erklärungen.

Zum einen gelangten die meisten Immigranten in den Boomjahren nach Spanien, als es auf dem Bau Jobs zuhauf gab. Als sie kamen, wurden sie dringend gebraucht. Zudem waren die meisten Einwanderer Lateinamerikaner und Rumänen, Menschen also, die aus einem verwandten Kulturkreis kamen.

Zum anderen gibt es eine grundsätzliche Duldsamkeit der Spanier mit Migranten. Einem Spanier fällt es wohl leichter, sich in die Situation eines Einwanderers zu versetzen, als einem Finnen oder Deutschen. Spanien war noch vor kurzer Zeit selbst ein Auswanderungsland - und wird es allmählich wegen der Krise wieder. In der Nachkriegszeit füllten sich die Züge mit Arbeitern, die mit einem Pappkoffer unter dem Arm nach Deutschland oder in die Schweiz zogen. Diese früheren Gastarbeiter sind heute Rentner. Ihre Söhne und Enkel sehen sich nun plötzlich von Neuem gezwungen, Arbeit im Ausland zu suchen.

Esteban Ibarra, Präsident der Vereinigung gegen Intoleranz, weist auch auf den Tourismus hin, ein Pfeiler der spanischen Wirtschaft. "Wenn ein Land jährlich 65 Millionen Gäste empfängt, bleibt ihm ja gar nichts anderes übrig, als offen zu sein", sagt er. Ibarra glaubt auch, dass Spanien - trotz vieler Irrtümer - eine bessere Einwanderungspolitik betrieben habe als andere Länder. "Wir sind nicht in den französischen Assimilierungswahn verfallen und auch nicht in das britische Modell der Vereinzelung ausländischer Gemeinschaften, wo jede Gruppe in ihrer eigenen Welt lebt, fernab den anderen."

In Spanien lebten die Menschen miteinander, die Wohnviertel seien durchmischt, sagt Ibarra. Dass das Zusammenleben funktionierte, habe sich nach den Al-Qaida-Anschlägen in Madrid am 11. März 2004 gezeigt, bei denen 200 Menschen umkamen. Die Täter waren größtenteils eingebürgerte Marokkaner. Trotz Befürchtungen kam es nicht zu rassistischen Ausschreitungen.

Das Mehrheitswahlrecht bietet wenig Platz für die Gründung neuer, rechter Parteien

José Ignacio Torreblanca von der Denkfabrik European Council on Foreign Realtions, glaubt auch, dass Spanien außergewöhnlich sei. "In Spanien gibt es weder Unmut wegen der Immigration noch die Lockungen an der Wahlurne." So biete das spanische Wahlsystem wenig Platz für die Gründung rechtspopulistischer Parteien. Neue Parteien hätten es in einem Mehrheitssystem schwerer als in einem Land mit Verhältniswahlrecht. "In Spanien gibt es natürlich migrationsfeindliche Einstellungen; aber die Parteien wetteifern nicht darum, diese Stimmen zu repräsentieren." Vor einigen Jahren hatte eine Gruppierung namens Vox versucht, der konservativen Volkspartei Stimmen am rechten Rand abzunehmen. Aber sie errang nicht einen einzigen Parlamentssitz.

Zwar gibt durchaus zwei Parteien, die in jüngerer Zeit neu entstanden sind: die linksalternative Podemos und die Mitte-rechts-Partei Ciudadanos. Sie haben bei den vergangenen Wahlen einen guten Teil der Stimmen derer geholt, die mit den traditionellen Parteien unzufrieden sind. In anderen Ländern bündeln sich solche Stimmen leicht bei extremistischen Kräften - in Spanien eben nicht.

Am besten weiß das Rafael Ripoll, Stadtrat in Alcalá de Henares bei Madrid. Seine Gruppierung España 2000 wollte einst zu einer Art spanischem Front National werden, ist jedoch weit davon entfernt. Die Partei warb mit dem Slogan "Spanier zuerst" - Einheimische sollten bei Sozialleistungen Vorrang haben. Das aber habe nie richtig verfangen, muss Ripoll selbst eingestehen. "Vielleicht hat das mit unserer jüngsten Vergangenheit zu tun."

Ripoll spielt damit auf etwas an, was vielleicht eine Art Immunisierung darstellt: Die Erinnerung an die Franco-Diktatur hat in Spanien bisher sicher dazu beigetragen, den Aufstieg ultrarechter Gruppen zu verhindern. Aber natürlich hält keine Impfung ewig.

© SZ vom 03.07.2015

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