Süddeutsche Zeitung

Spähaffäre:Mission "Zerknirschung"

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Die Lage ist ernst, aber hey: John Emerson, der amerikanische Botschafter in Deutschland, will in der Spähaffäre die Gemüter beruhigen. Er öffnet die Tore der Berliner Botschaft, von der aus möglicherweise das Regierungsviertel ausgespäht worden war. Doch die Transparenz endet ziemlich genau da, wo es interessant wird.

Von Daniel Brössler, Berlin

Einige haben ihm abgeraten. "Hast Du den Verstand verloren?", haben sie ihn gefragt. John Emerson hat sich trotzdem dafür entschieden, deutsche Journalisten hereinzulassen in die amerikanische Botschaft am Pariser Platz. Ins Epizentrum jener Affäre, durch die angeblich nichts mehr so ist wie es war in den Beziehungen zwischen Deutschland und den USA.

Genau vor einer Woche hatte Bundesaußenminister Guido Westerwelle den Botschafter ins Auswärtige Amt einbestellt wegen der Berichte, dass der US-Geheimdienst National Security Agency (NSA) das Mobiltelefon von Bundeskanzlerin Angela Merkel abgehört hat. Für die Öffentlichkeit blieb der US-Botschafter in den Tagen danach unsichtbar, auch als bekannt wurde, dass die Spähaktion wohl aus dem Gebäude der Botschaft heraus betrieben wurde.

Nun sitzt er hier in einem nüchternen Konferenzraum im Erdgeschoss vor einem Sternenbanner an einem Tisch mit neun Reportern. "Ich will klarmachen", beginnt er, "wie sehr wir und ich persönlich die Tiefe und die Intensität der Reaktionen hier in Deutschland auf die Vorwürfe gegen die NSA - und speziell auf die Berichte der vergangenen Woche - ernst nehmen". Klingt, als beginne da gerade die Mission "Zerknirschung". Eine undankbare Aufgabe für einen Mann, der gerade einmal seit gut zwei Monaten in Berlin auf Posten ist.

Das Protokoll vermerkte Gelächter

Während der Anhörung im Senat war Emerson gefragt worden, wie er mit der NSA-Affäre umzugehen gedenke. Seine Rolle als Botschafter werde es sein, zuzuhören und "Regierungsbeamten, politischen Führern und dem deutschen Volk zu versichern, dass wir die harte Arbeit fortsetzen und mit Deutschland zusammen den Terrorismus bekämpfen, unsere Länder sicher halten, aber das zusammen auf der Basis des Respekts für den Rechtsstaat tun werden". Nach der diplomatisch-verschachtelten Antwort spottete ein Senator, er sei sicher, dass Emerson einen exzellenten Botschafter abgeben werde. Das Protokoll vermerkte Gelächter.

Mittlerweile ist die Sache ernst, auch aus amerikanischer Sicht. "Es wird gehandelt", verspricht Emerson. Der Präsident habe bis Ende des Jahres eine Überprüfung der Geheimdienst-Arbeit angeordnet. Es gehe nun darum, wie man "effektiv, kooperativ und respektvoll" mit den Verbündeten zusammenarbeiten könne. Und auch darum, dass nicht alles gemacht werden solle, was technologisch möglich sei. Emerson lobt auch, dass auf höchster Regierungsebene geredet werde. Nur worüber da gesprochen werde, darüber könne er nichts sagen.

Der Botschafter nutzt zwei Handys

Im Rahmen der Charme-Offensive beantwortet der Botschafter auch Fragen, die ihm früher nicht gestellt worden wären. Die Reporter erfahren, dass der Botschafter über zwei Handys verfügt, eines von Blackberry und eines von Apple. Sie hören auch, dass der Botschafter sein Mobiltelefon einschließen muss, bevor er sein Büro betritt.

Die Grenzen der Transparenz aber beginnen ziemlich genau dort, wo es interessant wird. Wird von der Botschaft aus abgehört? "Ich kann Ihnen dazu nichts sagen." Was außer Ihrem Büro befindet sich im vierten Stock der Botschaft? Gibt es das berüchtigte "Nest"? "Ich werde auch nichts zur Struktur dieses Gebäudes sagen." Nur so viel: "Wir nennen es den 4. Stock. Im Fahrstuhl gibt es einen Knopf. Da steht eine 4 drauf." Was zeigen die Wärmebildaufnahmen der Botschaft? "Kunst. So etwas bringen meine Töchter mit von der Schule."

Zumindest die Frage, ob er deutsche Ermittler hereinlassen würde, lässt Emerson nicht offen. "Die Antwort ist nein", sagt er. Zur Affäre selbst darf Emerson ansonsten praktisch nichts sagen, was der Mission "Zerknirschung" enge Grenzen setzt und die Schadensbegrenzung nicht eben erleichtert.

In der Botschaft kommt mittlerweile ziemlich viel unfreundliche Post an. Sie sei "forsch, direkt und manchmal rau", sagt Emerson. Es werde viel Arbeit sein, die Gemüter zu besänftigen, räumt Emerson ein. Auf Regierungsebene aber werde das schneller gehen als in der Bevölkerung, glaubt er. So wichtig die Klärung der NSA-Affäre auch sei, dürften "wir nicht zulassen, dass uns das ablenkt von den anderen wichtigen Aspekten der transatlantischen Partnerschaft". Als erstes nennt er das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA, das doch von beiderseitigem Nutzen sein werde.

Es hat Emerson auch nicht gefallen, dass einer seiner Vorgänger gesagt hat, die Deutschen würden Partnerschaft und Freundschaft verwechseln. "Wir können beides sein und sind beides: Partner und Freunde", beharrt der Botschafter. Immerhin hätten 65 Millionen Amerikaner deutsche Wurzeln.

Wie die Stimmung in der Botschaft ist, verrät ein Mitarbeiter Emersons, als er davon spricht, eine erste Konsequenz aus der Affäre sei schon gezoen. "Wir haben die Redewendung "We hear you" (Wir hören Euch) vorsorglich aus dem Vokabular gestrichen." Mit anderen Worten: Die Lage ist ernst, aber hey, wir haben immer noch was zu lachen.

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