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Soziologin über Amerikas Polizei:"Ich war in sieben Jahren bei 19 Beerdigungen"

Haben Obama und seine Regierung denn genug getan, um das US-Justizsystem zu reformieren?

Es wird oft übersehen, dass unter Obama die Zahl der Leute, die ins Gefängnis gesteckt werden, zurückgegangen ist - erstmals seit 40 Jahren. Eric Holder, der langjährige Justizminister, hat offen über Rassismus gesprochen und dafür gekämpft, die Mindeststrafen zu senken. Sein Ministerium hat viele Vergehen in Polizeibezirken untersucht, nicht nur in Ferguson. Ich hoffe, dass seine Nachfolgerin Loretta Lynch hier weitermacht. Allerdings kann der Präsident nicht allzu viel machen: Es sind die Bundesstaaten und die Bezirke, die die meisten Gefängnisstrafen verhängen.

Wann fingen die Behörden an, insbesondere gegen Afroamerikaner so hart vorzugehen und so viele Bürger ins Gefängnis zu stecken?

Bis vor etwa 40 Jahren haben die USA nicht mehr Bürger inhaftiert als Westeuropa. Heute sind es acht Mal so viele wie in Deutschland. In den Siebzigern wuchs die Kriminalität vor allem in den Städten, es gab viele Proteste und ein Gefühl der Unsicherheit. Es begann der "Krieg gegen das Verbrechen" (War on Crime), mit härteren Mindeststrafen. In den Achtzigern tauchte dann Crack-Kokain auf, und der "Krieg gegen die Drogen" (War on Drugs) wurde ausgerufen. Alle Politiker, egal ob Demokraten oder Republikaner, mussten Härte beweisen. Unter Clintons Präsidentschaft wurden Milliarden investiert, die Zahl der Polizeibeamten in Philadelphia verdoppelte sich. Der Ansatz war klar: "Wir bringen möglichst viele hinter Gitter und werfen den Schlüssel weg."

Die Botschaft an die Cops auf der Straße lautet also: "Verhaftet so viele Leute wie möglich!"

Genau, seit den Neunziger Jahren gibt es ein Statistik-Programm namens CompStat, das zuerst in New York und dann in ganz Amerika eingesetzt wurde. Alles dreht sich plötzlich um Zahlen, aber es werden nicht die Beamten befördert, in deren Viertel es sicherer wird. Befördert wird, wer die meisten Verhaftungen macht. Wir brauchen aber Polizisten, die der Gesellschaft wirklich helfen wollen, und die an die Würde und das Potenzial von Afroamerikanern glauben, insbesondere von jungen schwarzen Männern.

Ihr Buch "On the Run" beschreibt sehr genau, dass in den ärmeren Vierteln alle unter der Dauerpräsenz der Polizei leiden. Betroffen sind auch Frauen und Kinder.

Eine der ersten Szenen, die ich nach meinem Umzug beobachtet habe, war folgende: Zwei Jungs, vielleicht fünf und sieben Jahre alt, spielen Fangen. Der ältere stößt den anderen zu Boden, legt ihm virtuelle Handschellen an. In der Tasche findet er einen Vierteldollar und ruft: "Den beschlagnahme ich. Ich sperre dich ein, so dass du nie mehr nach Hause kommst." Im Viertel rund um die 6th Street waren alle ständig unter Stress. Kinder wachsen ohne Väter auf und ältere Brüder zeigen den jüngeren, wie man vor den Cops wegrennt. Auch Freundschaften, Liebe und Partnerschaften werden beeinträchtigt: Die Polizei drangsaliert Mütter und Freundinnen, die Verstecke von Söhnen und Lebenspartnern zu verraten.

Sie haben Ihre Forschungen als Doktorarbeit veröffentlicht und unterrichten mittlerweile an der University of Wisconsin in Madison. Warum sind Sie immer noch so aktiv?

Für mich ist das Thema sehr persönlich. Ich war innerhalb von sieben Jahren bei den Beerdigungen von 19 jungen Männern - Chuck war einer von ihnen. Als meine schwarzen Freunde von Polizisten erschossen wurden, da gab es keine Demonstrationen. Wir haben im Privaten getrauert. Ich gehe auch zu den Demonstrationen, um jene zu ehren, deren Tod keine Proteste ausgelöst hat. Zurzeit bin ich fünf Tage pro Woche in ganz Amerika unterwegs, um junge Leute vor der nächsten Wahl zu erinnern: "Das ist das Bürgerrechtsthema eurer Generation. Macht was draus und sorgt dafür, dass sich die Politiker darum kümmern."

Vieles spricht dafür, dass das Thema im beginnenden Wahlkampf eine wichtige Rolle spielen wird. Hillary Clinton hat gerade eine Rede dazu gehalten und auch viele Republikaner wollen das Strafsystem reformieren. Was treibt die Konservativen an?

Hier gibt es drei Gruppen. Die erste sind die Libertären, für die der Senator Rand Paul steht. Sie sind überzeugt, dass eine Gefängnisstrafe nur in allerschlimmsten Fällen nötig sein sollte, weil der Staat den Bürger in Ruhe lassen soll. Außerdem sehen sie das System der permanenten Überwachung für die Millionen Menschen, die auf Bewährung sind, sehr skeptisch. Daneben gibt es die Fiskalkonservativen ...

... die glauben, dass sich die USA die überfüllten Gefängnisse nicht mehr leisten können.

Genau, New Jersey gibt jährlich pro Häftling 60 000 Dollar aus, in New York sind es 80 000 Dollar. Diese Summen sind verrückt, weil die Kriminalität trotz der massenhaften Inhaftierung dadurch nicht spürbar sinkt und die Häftlinge auch nicht resozialisiert werden. Die dritte konservative Gruppe sind die evangelikalen Christen, die an Vergebung glauben. Sie wollen Ex-Häftlingen eine zweite Chance geben und sind überzeugt, dass Gott sie auf den rechten Weg führt. Die Republikaner stehen mir zwar fern, aber ich freue mich über jeden Mitstreiter, der hilft, dass die US-Gesellschaft dieses riesige Problem endlich löst.

Das Buch "On the Run. Die Kriminalisierung der Armen in Amerika" ist seit kurzem auch in der deutschen Übersetzung beim Kunstmann Verlag erschienen. Es kostet 22,95 Euro.

© SZ.de/ghe/fued
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