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Soziologe zur AfD:Sozial Schwache sehen auf noch schwächere herab

Und inwiefern hat der Kapitalismus Kontrolle über die Gesellschaft gewonnen?

Innovationspreis 2014

Wilhelm Heitmeyer ist ehemaliger Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld.

(Foto: oh)

Gruppen von Menschen werden inzwischen vielfach nach ökonomischen Kriterien bewertet, also nach ihrer Verwertbarkeit, ihrer Nützlichkeit und Effizienz. Das sind Prinzipien, die für die Wirtschaftsleben funktional sind. Aber sie sind immer stärker in die Lebenswelt der Bevölkerung eingedrungen und haben in allen Schichten auch zu einem ökonomistischen Denken geführt.

Dadurch werden besonders bestimmte Gruppen abgewertet und diskriminiert, wir nennen das "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit": Betroffen sind Langzeitarbeitslose, niedrig qualifizierte Migranten, Flüchtlinge, Obdachlose, Behinderte. Die sozial Schwachen sehen dann auf die noch schwächeren herab. Und seit einigen Jahren klagen auch jene mit hohem sozialen Status darüber, dass sie als Leistungsträger alle anderen mitschleppen sollen. Es ist zu befürchten, dass dieses Denken weiter um sich greift.

Die Solidargemeinschaft, wie es sie in den 1990er Jahren noch gab, erodiert unter dem massiven Druck der Durchsetzungs- und Konkurrenzlogik des Kapitals, dem die herrschende Politik folgt. Wenn dann Teile der Politik gleichzeitig vom gesellschaftlichen "Zusammenhalt" reden, dann ist das bloße Ideologie und Ablenkung.

Sie haben außerdem vor Desintegration und Demokratie-Entleerung gewarnt. Was meinen Sie damit?

Integriert sein bedeutet, dass Menschen Zugang zu den Institutionen der Gesellschaft wie dem Arbeitsmarkt, dem kulturellen und politischen Leben haben, und auch - das ist sehr wichtig - dass sie sich als anerkannt wahrnehmen. Das Wahrgenommenwerden und die Anerkennung sind für viele aber nicht gewährleistet. Das gilt nicht nur für Zugewanderte und Flüchtlinge, sondern auch für Einheimische, vor allem für viele Menschen im Osten. Nach der Wiedervereinigung wurde bei vielen die Leistung eines ganzen Lebens entwertet. Ganze Landstriche sind dort desintegriert.

Menschen haben das Gefühl, dass sie oder die Gruppe, der sie sich zugehörig fühlen, in der Politik keine Stimme haben, dass sie überhaupt nicht wahrgenommen werden. Und bekanntlich ist der, der nicht wahrgenommen wird, ein Nichts. Das wiederum schwächt den Glauben an die Demokratie. Sie verliert an Bedeutung. Es kommt zu einer Demokratie-Entleerung. Das heißt, der Apparat läuft zwar wie geschmiert, aber die notwendige Substanz des Vertrauens verflüchtigt sich.

Das geschieht schleichend schon seit langem. Bereits 2002 konnten wir feststellen, dass etwa 20 Prozent der Bevölkerung rechtpopulistisch eingestellt sind. Ein Teil war wahlpolitisch gesehen bei anderen Parteien unterwegs oder ausgeklinkt. Oder sie sind in ihrer Hoffnungslosigkeit und ihrem Unterlegenheitsgefühl in eine wutgetränkte Apathie verfallen. Bei Pegida und der AfD haben dann viele offenbar das Gefühl gehabt, hier gebe es einen Ort, wo sie sich endlich Gehör verschaffen können.

Wieso setzen diese Menschen ausgerechnet auf eine so weit rechts stehende Partei? Warum nicht auf die Linke - gerade im Osten?

Menschen suchen immer nach etwas, das hilft, sich selbst aufzuwerten, ein positives Bild von sich selbst zu zimmern, egal, was geschieht. Dabei hilft es, sich einer Gruppe zuzuordnen, in der die eigenen Eigenschaften aufgewertet werden. Wer das Gefühl hat, durch nichts anerkannt zu werden, dem bleibt am Ende zumindest das "Deutschsein" - das kann ihm niemand nehmen. Hier kommt es zu einem Übergang von sozialen zu kulturellen Faktoren mit Haltungen der Überlegenheit und der Abwertung von Muslimen, Juden, Homosexuellen, Sinti und Roma.

Die AfD nutzt das aus, indem sie die Bedeutung der nationalen Identität und die Überlegenheit des deutschen Volk betont. Wenn dann noch emotional ausbeutbare Signalereignisse wie die Flüchtlingsbewegung und "Köln" mit ihrer hohen öffentlichen Wahrnehmung hinzukommen, dann haben die aggressiven Mobilisierungsakteure leichtes Spiel, um individuelle, wutgetränkte Apathie in kollektive Machtfantasien zu verwandeln. So eine Aufwertung erfolgt allerdings immer über den Mechanismus der Abwertung anderer. Diese Abwertung haben wir in unserer Langzeitstudie immer wieder beobachtet.

Bei der AfD sind es verstärkt die "Fremden", die Flüchtlinge, die abgewertet werden.

Das geht auf Kosten aller schwachen Gruppen in der Gesellschaft, die wir bereits erwähnt haben. Die AfD nutzt diese Abwertungseffekte, indem sie mit einfachen Weltbildern voller Gegensätze arbeitet. Da heißt es dann Volk versus politische Eliten, Verklärung der deutschen Geschichte versus historische Aufklärung, deutsche Überlegenheit versus Unterlegenheit anderer Völker, geschlossene versus offene Gesellschaft, Identität versus "Überfremdung" und Diversität. Da wird alles ausgepackt, was es an Diffamierungen anderer gibt und die Wut der "Ohnmächtigen" noch beflügelt.

Die Umfragen unter den Wählern zeigen, dass inzwischen auch viele Menschen die AfD wählen, denen es eigentlich gutgeht. Sehen wir hier die Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte und die rohe Bürgerlichkeit, vor der Sie seit Jahren warnen?

Die Abwertung von Gruppen haben wir seit einigen Jahren auch in der Mitte der Gesellschaft beobachtet. Das ökonomistische Denken wie auch die Betonung kultureller Überlegenheit im Sinne einer Ideologie der Ungleichwertigkeit geht, wie gesagt, durch alle Schichten. Und unter den AfD-Wählern sind tatsächlich nicht vor allem Menschen mit unteren Bildungsabschlüssen. Es sind auch viele Menschen mit mittleren Bildungsabschlüssen darunter, und auffällig viele Arbeiter.

Außerdem sind es vor allem die mittleren Altersgruppen, die AfD wählen, Menschen, die sich aktuell weniger um ihren Arbeitsplatz sorgen, aber um ihre Altersversorgung und die Zukunft ihrer Kinder. Und egal, was die Statistiken zur sozialen Ungleichheit sagen - darüber wird ja heftig gestritten -, viele Menschen nehmen es so wahr, dass sie keine großen Aussichten mehr auf einen Aufstieg haben. Dass ihnen im Gegenteil ein Abstieg drohen könnte.

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