Soziologe "Die Parteien haben Angst vor der Angst der Leute"

Professor Heinz Bude hat an der Universität Kassel den Lehrstuhl für Makrosoziologie inne.

(Foto: Uwe Zucchi/dpa)

Heinz Bude über die Wirkung des Terrors.

Interview von Roland Preuss

SZ: Herr Bude, Sie haben schon im Sommer 2014 ein Buch über Deutschland als "Gesellschaft der Angst" geschrieben. Werden die Menschen nach dem Anschlag in Berlin ängstlicher sein denn je?

Heinz Bude: Ich würde eher von einer Destabilisierung des Lebensgefühls sprechen. Ein Anschlag wie aus dem Handbuch des "Islamischen Staates" wirft, wie die Kanzlerin in ihrer Rede vom vergangenen Dienstag zu Recht gesagt hat, die Frage auf, was für Menschen die Mörder unter der schwarzen Flagge sind. Die leben unter uns und verstehen sich als Angehörige einer Partei des Todes.

Sie haben schon vor zwei Jahren eine allgemeine Verunsicherung diagnostiziert, nun kommt dieser Terror hinzu. Entsteht aus all dem ein Gebräu, das die politischen Debatten treiben wird?

Die Wirkung auf die Politik ist nicht so direkt. Den meisten Menschen in Deutschland ist klar, dass der Terror, der nicht auf einzelne Repräsentanten eines verhassten Systems zielt, sondern ganz normale Leute auf einem Weihnachtsmarkt in den Tod reißt, eine Bedrohung unserer Zeit darstellt. Uns hat nun erreicht, was in Frankreich, Spanien oder Großbritannien schon passiert ist. Trotzdem wird Angst zu einem Thema des Wahlkampfs werden. Es braucht jetzt einen politischen Ausdruck der Zweifel, der Ernüchterung und des Erschreckens in den Teilen der deutschen Bevölkerung, die die Willkommenskultur getragen haben. Die Politik darf nicht von der Angst vor denjenigen getrieben werden, die nun Oberwasser haben, weil ihnen die ganze Richtung nicht passte. Sie muss die Angst der moralisch sensiblen Mitte unserer Gesellschaft aufgreifen.

Der Terror in Europa, neue Konflikte mit Russland, der Aufstieg von Rechtspopulisten. Da kann man sich schon fürchten.

Wir haben es immer mehr mit unlösbaren Problemen zu tun. Das Problem großer Migrationsbewegungen etwa lässt sich nicht dadurch lösen, dass man in Afrika oder anderen armen Ländern investiert. Migration ist eine Begleiterscheinung der Verbesserung der Lebensverhältnisse.

Wo sehen Sie die Hauptursachen für die derzeitige Angst in der Bundesrepublik?

Es gibt so etwas wie eine Erlebnisschichtung der Angst. Die Angst vor einem terroristischen Angriff aus heiterem Himmel verbindet sich mit Ängsten, die mit grundlegenden Veränderungen unserer Gesellschaft zu tun haben. Wir kommen aus einer Gesellschaft des Versprechens und befinden uns in einer Gesellschaft der Drohungen. Nehmen wir das Versprechen des Aufstiegs durch Bildung. Die Nachkriegsgenerationen haben sehr vom Ausbau des deutschen Bildungssystems profitiert. In der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre zeichnete sich die Bundesrepublik durch das sozial durchlässigste Bildungssystem in ganz Europa aus. Das hat viel mit dem Ausbau der Fachhochschulen zu tun. Denken Sie an Horst Seehofer: Er hat über seinen FH-Abschluss den Weg nach oben geschafft. Heute ist ein Studienabschluss nicht mehr hinreichende Bedingung für den Aufstieg. Es macht sich das bedrohliche Gefühl breit, dass es für die Jungen schwieriger geworden ist, den Sozialstatus ihres Elternhauses auch nur zu halten.

Weil es immer mehr Akademiker gibt, die um gute Stellen konkurrieren?

Das wäre viel zu einfach. Schließlich stellt sich das Verhältnis von Geburten und verfügbaren Stellen für die junge Generation von heute ziemlich günstig dar. Trotzdem können sie die Studienabgänger kaum davon überzeugen, Ruhe zu bewahren und sich auf das zu konzentrieren, was sie wollen und können. Die bemühen sich um Zusatzqualifikationen, konsultieren Coaches und knüpfen unentwegt Netzwerke. Die globale Konkurrenz aus Kasachstan, Vietnam oder Nigeria wartet nicht.

Auch diese Angst kommt einem bekannt vor. Vor einigen Jahren noch drohte die Konkurrenz aus Japan oder die Massenarbeitslosigkeit.

Der Druck in den Betrieben ist gewachsen, die Intensität der Arbeit hat im Zuge der Digitalisierung und der Dienstleistungsorientierung zugenommen. Und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist mit der wachsenden Zahl von Frauen in Ausbildung, Studium oder Beruf auch nicht einfacher geworden. Mit einem Mal findet man sich als jemand wieder, der im Wettbewerb um die wenigen, hervorragend bezahlten Stellen auf der Strecke geblieben ist. Mit Anfang vierzig erkennt zum Beispiel der Rechtsanwalt mit einer Universalkanzlei, dass er die Kollegin, die gleich nach dem Studium bei einer internationalen Law firm eingestiegen ist, nicht mehr erreichen kann. Man darf sich über die Verbitterung gerade in den besser aufgestellten Teilen der deutschen Mittelklasse nicht täuschen.

Wie sollten Politiker umgehen mit der Angst?

Die Parteien haben Angst vor der Angst der Leute und das ist schädlich. Man kann niemandem seine Angst ausreden. Aber man kann den Ängsten eine Art bündelnden Ausdruck verleihen. Sortieren, bei welchen Themen etwas getan werden kann, etwa bei den Bildungschancen. Und natürlich muss man Ängste ernst nehmen, etwa dass Deutschland Griechen, Italiener oder Franzosen auf längere Zeit finanzieren muss. Es gibt eine Angst vor dem Mühlstein Europa.

Kann man das Gefühl der Sicherheit zurückholen? Durch einen neuen Wohlfahrtsstaat, oder durch mehr Überwachung?

Ich glaube, nein. Das Allergefährlichste sind Politiker, die sagen: Ich kann euch die Angst nehmen. Das Einzige, was Politiker sagen können, ist doch: Ihr müsst keine Angst vor der Angst haben.