Sozialist siegt über Sarkozy Wahlsieger Hollande verspricht Frankreich den Wandel

Linksrutsch in Frankreich: Erstmals seit 17 Jahren zieht wieder ein Sozialist in den Präsidentenpalast ein. Im zweiten Wahlgang besiegt François Hollande den konservativen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy klar. Während der seinen Rücktritt aus der Politik ankündigt, verspricht Hollande seinen Landsleuten: "Der Wandel beginnt jetzt."

Die Wahl im SZ-Blog. Von Lilith Volkert, Paris, sowie Nakissa Salavati und Michael König

Machtwechsel im Élysée: Der Sozialist François Hollande hat die französische Präsidentschaftswahl vor dem konservativen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy gewonnen. Erstmals seit 17 Jahren zieht damit wieder ein Sozialist in den Präsidentenpalast ein.

[] Hollande mit klarem Vorsprung: Nach Auszählung von über 75 Prozent der Stimmen liegt Hollande bei 51,6 Prozent, Präsident Nicolas Sarkozy bei 48,4 Prozent. Ungültig waren 6,24 Prozent der Stimmen. Die Wahlbeteiligung lag bei 81 Prozent und damit niedriger als vor fünf Jahren.

[] Die Siegesrede: "Der Wandel beginnt jetzt", sagte Hollande vor Tausenden jubelnden Menschen in seiner Hochburg Tullein in Südwestfrankreich. "Heute Abend gibt es nur noch ein Frankreich, das in seinem Schicksal vereint ist." Er versprach, die Industrie anzukurbeln, die Staatsschulden zu kontrollieren, das französische Sozialmodell zu erhalten und für Wachstum und Beschäftigung in der EU zu sorgen. Seinem geschlagenen Gegner Sarkozy sandte der neue Präsident einen "republikanischen Gruß". "Er verdient all unseren Respekt."

[] Sarkozy räumt Niederlage ein: Kurz vor der Rede Hollandes war in Paris ein geknickter Nicolas Sarkozy vor seine Anhänger getreten und hatte seine Niederlage eingestanden. "Ich übernehme die gesamte Verantwortung", sagt Nicolas Sarkozy und kündigt seine Rückzug aus der Politik an: "Nach 35 Jahren in der Politik wird mein Platz nicht mehr derselbe sein."

[] Glückwünsche aus Deutschland: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gratulierte dem neuen Präsidenten telefonisch und lud ihn nach Berlin ein. Hollande hatte schon im Wahlkampf angekündigt, seine erste Reise als Staatschef werde nach Deutschland führen.

Für Süddeutsche.de berichtet Lilith Volkert (@livolkert bei Twitter) in Paris sowie Nakissa Salavati und Michael König (@michikoenig) in München.

01:10 Uhr Viel Arbeit für den Wahlsieger

Das Ergebnis steht fest: Frankreich hat ein neues Staatsoberhaupt. Doch für viele Franzosen ist der Abend noch lange nicht zu Ende. In Paris und anderen Städten finden Straßenfeste statt, von denen vielleicht - wie es nach Mitterrands Sieg 1981 war - Eltern noch Jahre später ihren Kindern erzählen werden. Auf den Wahlsieger wartet viel Arbeit, womöglich muss er sich auch bald den ersten kritischen Fragen seiner heute noch jubelnden Anhänger stellen.

Wir verabschieden uns hiermit, zumindest vorübergehend, vom Wahlgeschehen in Frankreich. Wer sich noch weiter informieren will: Daniel Brössler hat in diesem Text aufgeschrieben, wie Deutschland auf den neuen Präsidenten im Elysée reagiert, und hier lesen Sie ein Portrait des Wahlsiegers François Hollande. Adieu!

00:55 Uhr Hollande tritt vor seine Fans: "Danke, danke, danke!"

(Foto: Getty Images)

Lange nach Mitternacht tritt Hollande dann auch noch in Paris vor seine Fans. "Danke, danke, danke, dass ihr es möglichgemacht habt, dass ich euer Präsident sein kann!" ruft er. 31 Jahre nach Mitterrands Sieg sei das ein großer Moment. Hollande will aber keinen Sieg voller Groll und dem Wunsch nach Revanche, sondern einen, der das Land wieder vereine und glücklich mache.

Lange steht er nach seiner kurzen Ansprache noch auf der Bühne und klatscht im Takt der Musik. Hinter ihm sind die Größen der Sozialistischen Partei versammelt, vom ehemaligen Premier Lionel Jospin bis zum Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë. Einen Moment lang sieht Hollande sehr glücklich und entspannt aus. 

23:30 Uhr Volksfeststimmung in Paris

(Foto: Getty Images)

Zehntausende Menschen feiern in Paris: Sie sammeln sich auf dem historisch bedeutsamen Platz der Bastille in der Hauptstadt. Mit Sprechgesängen, Fahnen und Jubel herrscht eine Stimmung wie in Deutschland nur bei Siegen der Fußball-Nationalmannschaft. Die Franzosen singen ihre Nationalhymne, die Marseillaise, liegen sich weinend in den Armen. Die Atmosphäre erinnert an die Feier nach Frankreichs Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 und an die Feier auf der Bastille am 10. Mai 1981, als François Mitterrand als erster Sozialist Präsident wurde.

23:22 Uhr Merkel gratuliert Hollande am Telefon

Und gleich noch ein Gratulant aus Deutschland: Nach dem Bundespräsidenten jetzt auch die Bundeskanzlerin. Angela Merkel griff sogar zum Telefon, Merkel gratuliert Hollandeum Hollande zu beglückwünschen. Das teilt Regierungssprecher Steffen Seibert mit. Beide seien sich einig gewesen, wie wichtig enge deutsch-französische Beziehungen seien. Merkel und Hollande hätten einander versichert, dass sie eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit anstreben. Die CDU-Chefin lud Hollande ein, möglichst bald nach seiner Amtseinführung nach Berlin zu kommen.

23:03 Uhr Telegramm vom Bundespräsidenten

Bundespräsident Joachim Gauck gratuliert: In einem Telegramm wünscht Gauck Hollande Glück und Erfolg bei der Erfüllung seiner Aufgaben "zum Wohle Ihres Landes und zum Wohle der ganzen Europäischen Union". Gauck betont, er sei sicher, dass Deutschland und Frankreich auch in Zukunft ihre "herausgehobene bilaterale Zusammenarbeit" fortsetzen und vertiefen werden. "Den großen Herausforderungen der EU können wir nur durch eine verantwortliche und solidarische Politik gerecht werden", schrieb Gauck.

22:37 Uhr "Ich werde der Präsident aller sein"

(Foto: AFP)

Wie er es sich gewünscht hat, ist Frankreichs künftiger Präsident nicht in der Hauptstadt Paris, sondern in der Kleinstadt Tulle zum ersten Mal vor die Menschen getreten. Auf einer Bühne vor der Kathedrale dankt er mit ernster Miene den Menschen, die ihm bei der Wahl das Vertrauen geschenkt haben. Sein neues Amt sei ihm eine "Ehre". "Ich werde der Präsident aller sein", ruft er unter dem Jubel seiner Anhänger.

Es gibt jetzt viele Aufgaben zu lösen, darunter in der Europapolitik, dem Bildungs- oder Umweltbereich, sagt er. Mit Blick auf Europa betont er, Sparsamkeit könne nicht schicksalhaft sein, sie müsse begleitet werden von sozialer Abfederung. Außerdem betonte er die Freundschaft mit Deutschland.

Bei jeder seiner Entscheidungen als Präsident wolle er sich zwei Fragen stellen, kündigt Hollande an: "Ist das gerecht und kommt das der Jugend zugute?" Am Ende seiner Amtszeit wolle er zurücksehen und sich überlegen, ob er den folgenden Generationen ermöglicht habe, ihren Platz in der Republik zu finden. "Ich liebe mein Land und die Franzosen und ich möchte, dass unter uns Vertrauen herrscht", schließt er seine Ansprache. Und macht sich gleich anschließend auf den Weg nach Paris, wo ihn Tausende an der Place de la Bastille erwarten.

21:44 Uhr "Sarkozy geht ins Gefängnis, das sag ich dir"

(Foto: Getty Images)

Es scheint, als ob halb Paris heute Abend nur ein Ziel kennt: die Bastille. Ziemlich wenig Platz für eine Zwei-Millionen-Stadt. Etliche Seitenstraßen sind schon abgesperrt, das Handynetz ist bereits am frühen Abend zusammengebrochen. Einige der Glücklichen, die einen Cafétisch am Rande des Platzes ergattert haben, trinken Champagner aus Flaschen, ein Kellner trägt den Nachschub gleich kistenweise herbei.

Viele glückliche, ausgelassene Gesichter sind zu sehen. "Sarkozy geht ins Gefängnis, das sag ich dir", ruft ein junger Mann, bevor er weitertaumelt. "Mon dieu, denken Sie mal an Fillon, an Hortefeux", erinnert sich eine ältere Frau an den Premier und den ehemaligen Innenminister, der immer wieder mit rechten Ausfällen aufgefallen ist. "Gut, dass das jetzt vorbei ist." Mit wem Hollande regieren wird, welche Versprechen er wirklich halten wird, ist heute Abend erst einmal egal.

21:30 Uhr Hollande äußert sich bei Twitter

Da schau her, ein netzaffiner Präsident: Bei Twitter gibt es ein erstes Statement von François Hollande. "Die Franzosen haben an diesem 6. Mai den Wechsel gewählt, indem sie mich zum Präsidenten der Republik gemacht haben" schreibt der Wahlsieger und fügt an: "Ich schätze die Ehre, die mir zuteilgeworden ist, und die Aufgabe, die auf mich wartet."

Zuvor hatte sich schon seine Lebensgefährtin Valérie Trierweiler bei Twitter geschrieben, sie sei "ganz einfach stolz, den neuen Präsidenten der Republik zu begleiten" und sei "immer noch genauso glücklich", ihr Leben mit "François" zu teilen.

21:25 Uhr Westerwelle verspricht Hollande enge Zusammenarbeit

Merkel und Hollande - das war bislang kein einfaches Verhältnis. Die Bundeskanzlerin hatte demonstrativ Wahlkampf für Sarkozy gemacht. Erst als dessen Niederlage unausweichlich schien, schwenkte Berlin um und betonte, Hollande sei ein Pragmatiker, mit dem man gut auskommen werde.

Am Wahlabend wird diese Kehrtwende von Außenminister Guido Westerwelle abgeschlossen. Der FDP-Politiker erscheint auf einer Wahlparty in der französischen Botschaft, wo er Hollande zunächst auf Französisch gratuliert: "Félicitations pour le nouveau Président. L'Europe, c'est notre destin commun" - Glückwünsche für den neuen Präsidenten. Europa ist unser gemeinsames Schicksal.

In seiner Muttersprache sagt Westerwelle schließlich: "Wir wollen mit dem neuen Präsidenten sehr eng zusammenarbeiten. Gemeinsam wollen wir dafür arbeiten, die Schuldenkrise zu überwinden. Wir haben einen Fiskalpakt. Jetzt wollen wir einen Wachstumspakt für mehr Wettbewerbsfähigkeit hinzufügen."

21:10 Uhr Wie es nach Hollandes Wahlsieg weitergeht

Mitte der Woche wird voraussichtlich das offizielle Endergebnis verkündet, spätestens am 15. Mai muss sich Nicolas Sarkozy aus dem Elysée-Palast verabschieden. Hollande wird dann schnell Premierminister und Regierung ernennen, denn am 21. Mai beginnt schon der nächste Wahlkampf. Am 10. und 17. Juni finden die Wahlen zur Nationalversammlung statt.

Auch außenpolitisch ist der Terminplan eng: Hollande wird vermutlich in den nächsten Tagen seinen Antrittsbesuch in Deutschland machen, außerdem steht im Mai noch der G-8-Gipfel in Camp David, der Nato-Gipfel in Chicago und ein EU-Sondergipfel zum Wachstum an.

Für den Posten des Premierministers sind Parteichefin Martine Aubry und der ehemalige Wirtschaftsminister Laurent Fabius im Gespräch. Letzterer hatte dieses Amt Mitte der achtziger Jahre schon einmal zwei Jahre inne. Doch auch Hollandes Wahlkampfleiter Pierre Moscovici, der Vorsitzende der Sozialisten im Parlament, Jean-Marc Ayrault, oder Hollandes Kommunikationsberater Manuel Valls könnten Regierungschef werden.

20:51 Uhr Gabriel gratuliert Hollande

Es gibt erste Reaktionen aus dem Ausland. SPD-Chef Sigmar Gabriel und Martin Schulz, Präsident des EU-Parlaments, gratulierten Hollande in einem Brief mit den Worten: "Deine Wahl ist ein Signal des Aufbruchs mit einer Strahlkraft, die weit über Frankreich hinaus reicht."

Mit Hollande an der Spitze werde "Frankreich entscheidend dazu beitragen, dass künftig neben den notwendigen Maßnahmen zur Konsolidierung der nationalen Haushalte zugleich auch starke Impulse für Wachstum und Arbeitsplätze in Europa gesetzt werden". Die Begeisterung kommt nicht von ungefähr: Nach dem knappen Wahlergebnis von Schleswig-Holstein braucht die SPD ein positives Signal für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am kommenden Sonntag.

20:34 Uhr Hollande-Anhänger verhöhnen Sarkozy

Bei der linken Jubelfeier auf der Place de la Bastille löst Sarkozys Abschiedsauftritt vor allem Spott aus. "Ins Gefängnis mit ihm!", rufen Hollandes Anhänger, als der Wahlverlierer Sarkozy auf den Leinwänden erscheint. Ein Vater zeigt seiner zweijährigen Tochter, wie sie die linke Hand zur Faust ballt und gen Himmel streckt. Auf der Leinwand sagt Sarkozy: "Seien wir bescheiden, seien wir patriotisch, seien wir Franzosen." Die Sozialisten quittieren es mit höhnischem Gelächter.

20:23 Uhr Sarkozy verabschiedet sich

(Foto: AFP)

Der Verlierer tritt vor die Kameras: "François Hollande ist der Präsident und muss respektiert werden", sagt Nicolas Sarkozy in Paris. Dann verabschiedet er sich mit viel Pathos von seinen Anhängern. "Im Leben eines Mannes bedeutet es etwas ganz Großes, Frankreich als Präsident zu führen. Das werde ich nie vergessen", sagt der scheidende französische Präsident.

Er habe stets versucht, das Beste für Frankreich zu tun und das Land "vor den beispiellosen Krisen zu schützen, die die Welt erschüttert haben". Immer wieder muss Sarkozy seine Rede unterbrechen, weil seine Anhänger "Merci! Merci!" oder "Nicolas! Nicolas!" skandieren. "Ich liebe Frankreich", sagt er. "Ich möchte den Millionen von Franzosen danken, die für mich gestimmt haben." Er allein trage die Verantwortung für diese Niederlage.

20:11 Uhr Jubel auf der Place de la Bastille

Ohrenbetäubender Jubel auf der Place de la Bastille, als die offizielle Prognose bekanntgegeben wird. Es sind vor allem junge Hollande-Anhänger, die ihrer Freude freien Lauf lassen. Auf dem ganzen Platz werden französische und rote Flaggen geschwenkt. Es wird gerempelt und gedrängelt. Wer sich über mangelnde Bewegungsfreiheit beschwert, wird angeherrscht: "Wenn es dir hier zu voll wird, dann geh doch ins Fouquet's!" - so heißt das Restaurant, in dem Sarkozy 2007 seine Wahl gefeiert hatte.

20:00 Uhr Hollande ist Wahlsieger

Hier kommt die offizielle Prognose: knapp 52 Prozent wählen Hollande, der Sozialist ist damit der neue französische Präsident. Sarkozy hat die Wahl verloren, er bekommt nur etwa 48 Prozent der Stimmen.

19:36 Uhr Sozialisten zählen die Minuten bis zur offiziellen Prognose

Auf der Place de la Bastille, wo bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl vor zwei Wochen die Passanten desinteressiert übers Trottoir eilten, kommt man jetzt kaum durch die Menschenmenge. Einige Metroausgänge sind schon gesperrt, auch Polizisten stehen bereit. Die Cafés sind trotz kühler Temperaturen auch auf den Terrassen voll besetzt.

Immer wieder schallt lauter Jubel aus einer anderen Ecke des Platzes, sodass sich viele Leute umdrehen: Ist es etwa schon acht Uhr, hat Frankreich tatsächlich einen neuen Präsidenten? Nun werden auch die großen Lautsprecher getestet. Wahrscheinlich müssen sich die vielen Menschen hier gar nicht auf ihre Smartphones verlassen, um Punkt acht Uhr das Ergebnis der Wahl zu erfahren.

19:18 Uhr Französische Medien schweigen

Die französischen Medien halten eisern durch, sie zählen die Zeit bis 20 Uhr runter oder zeigen zum wiederholten Mal, wie die Kandidaten vormittags ihren Wahlzettel in die Urne gesteckt haben. Auch auf anderen Kanälen herrscht Ruhe. Hollandes Lebensgefährtin Valérie Trierweiler, die normalerweise viel twittert, hat seit Freitag nur einen einzigen Tweet abgesetzt. Darin dankt sie einer Freundin, die an ihrer Stelle an ihrem Wohnort in Paris zur Wahl gegangen ist.

19:01 Uhr Sarkozy-Partei sagt offenbar Wahlparty ab

Die Zeichen verdichten sich, dass es für Nicolas Sarkozy heute tatsächlich nichts zu feiern gibt. Die belgische Zeitung Le Soir will aus "diplomatischen Quellen" erfahren haben, dass die Sarkozy-Partei UMP ihre Feier auf der Place de la Concorde abgesagt hat. Dafür treffen an der Bastille immer mehr Menschen mit Hollande-Fahnen und Tröten ein.

18:49 Uhr Hollande-Anhänger bereit für die Party

Die Place de la Bastille wird für den Ansturm jubelnder Sozialisten gerüstet: Der Platz ist für den Verkehr gesperrt. Zwei große Leinwände wurden aufgestellt, kleine Zelte der wichtigsten Fernsehsender inklusive Kamerakräne sowie ein Dutzend Toilettenhäuschen. Schon jetzt sitzen wartende Menschen auf den Bordsteinkanten, manche haben rote Fahnen dabei, es herrscht Volksfeststimmung.

"Wir hoffen so, dass Hollande gewinnt", sagen Cécile und Julie, zwei Studentinnen. Der Kellner des Cafés Le Bastille am Rand des Platzes möchte ausnahmsweise sofort kassieren. "Wissen Sie, Monsieur Hollande kommt heute noch vorbei, es wird voll."

18:34 Uhr Belgischer Rundfunk sieht Hollande klar vorne

Erste Zahlen aus dem Nachbarland Belgien: Hollande gewinnt mit 53 Prozent, Sarkozy ist mit 47 Prozent abgeschlagen. Das berichtet der Rundfunksender RTBF unter Berufung auf inoffzielle Prognosen und Hochrechnungen von 18 Uhr. Der Wahrheitsgehalt? Schwer zu sagen, aber angesichts früherer Umfragen sind die Werte realistisch.

18:15 Uhr Wo steigt die Party der Sozialisten?

Hollande meint es offenbar ernst mit seiner Ankündigung, er wolle ein "anderer", also ein bescheidener, Präsident sein. Auch den Tag der Stichwahl verbringt er in der Kleinstadt Tulle in Zentralfrankreich, wo er seinen Wahlkreis hat. Alleine ist er auch dort nicht: 360 Medienvertreter begleiten seine Schritte.

Am Samstag ging er hier mit einer Traube Journalisten auf dem Markt spazieren. Er ließ sich dabei filmen, wie er den Bäcker, den Käse- und den Blumenverkäufer herzte. Offiziell sagen durfte er aber nichts. Seit Freitagmitternacht ist Wahlkampf verboten. Um kurz nach 20 Uhr will Hollande sich vor der Kathedrale von Tulle zum Ergebnis der Wahl äußern.

Ein Auftritt in Paris ist - zumindest offiziell - nicht avisiert. Die Place de la Bastille ist jedoch abgesperrt und voller Menschen. Es ist der Platz, an dem sich die politische Linke trifft, wann immer es etwas zu feiern - oder zu protestieren - gibt. Als Ségolène Royal 2007 gegen Nicolas Sarkozy unterlag, kam es auf dem Platz zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei.

18:10 Uhr Sarkozy hat Pech bei Wahlempfehlungen

(Foto: AFP)

Fast 6,5 Millionen Franzosen (17,9 Prozent) haben in der ersten Runde für Marine Le Pen gestimmt, die Kandidatin des rechtsextremen Front National gestimmt. Sie müssen sich nun zwischen Hollande und Sarkozy entscheiden. Marine Le Pen hat keine Wahlempfehlung für Sarkozy ausgesprochen, wie sich dieser das erhofft hatte, sondern ihren Anhängern geraten, einen ungültigen Stimmzettel abzugeben. Der linksradikale Jean-Luc Mélenchon (11,7 Prozent) und überraschend auch der Zentrumskandidat François Bayrou (9,1 Prozent) haben sich für Hollande ausgesprochen. Ob ihre Anhänger der Empfehlung folgen, ist allerdings ungewiss.

18:02 Uhr Hollande will Mitterand folgen

François Hollande hat sich in den letzten Tagen auffällig oft auf sein großes Vorbild François Mitterrand bezogen. Dieser wurde vor 31 Jahren zum ersten sozialistischen Präsidenten der fünften Republik gewählt, Hollande könnte nun der zweite werden. Regelmäßig zitierte Hollande den 1996 gestorbenen Ex-Präsidenten. Wie er bezeichnete Hollande seinen Gegner als "scheidenden Kandidaten", wie er hielt er seine letzte große Rede in Toulouse und verbrachte den letzten Wahlkampftag in der Provinz. Kein Wunder, dass Hollande so sicher auf Mitterrands Spuren wandelt: Er hat 1981 dessen Wahlkampf organisiert.

17:57 Uhr Streit um die Prognosen - Radio Londres sendet wieder

Die Prognosen dürfen in Frankreich erst veröffentlicht werden, wenn um 20 Uhr die letzten Wahlergebnisse geschlossen haben, in der Regel sickern aber schon gegen 18.30 Uhr Zahlen durch.

Beim ersten Wahlgang am 22. April veröffentlichte AFP um 18.47 Uhr die ersten Schätzungen. Die Pariser Staatsanwaltschaft hat daraufhin eine Untersuchung gegen die französische Nachrichtenagentur eingeleitet. Auch gegen den belgischen Rundfunk RTBF, die belgische Zeitung Le Soir, der Schweizer Rundfunk RTS, die Seite 20minutes.ch und Radio Canada wird ermittelt. Im Fall einer Verurteilung drohen Einzelpersonen bis zu 75.000 Euro Strafe, Unternehmen droht das fünffache.

Le Soir hat bereits angekündigt, auch beim zweiten Wahlgang auf seiner Internetseite Prognosen zu veröffentlichen, sobald diese verfügbar seien, schließlich richte sich lesoir.be vor allem an belgische Leser. Am Samstagabend machten sich die Journalisten über die französische Regelung lustig, indem sie unter dem Titel "Und zwei Stunden später die Ergebnisse..." Sportnachrichten veröffentlichten.

Auf Twitter kursieren unter anderem unter dem Hashtag #radiolondres verschlüsselt Vorab-Schätzungen: "In den Überseegebieten hebt der Verkauf von Karamellpudding ab" heißt es in Anspielung auf Hollandes Spitznamen "Flanby". Für die Konkurrenten der Stichwahl bieten sich folgende leicht zu erratende Codes an: Holland/Amsterdam, Flanby, Valérie, oder die Farbe rot für den Sozialisten François Hollande - Ungarn (wegen seiner ungarischen Wurzeln), Rolex, Bling-Bling, Carla oder die Farbe blau für Amtsinhaber Nicolas Sarkozy.

17:45 Uhr Konservative optimistisch, Hollande bescheiden

(Foto: REUTERS)

Wilkommen zum SZ-Liveblog aus Paris! Frankreich wählt einen neuen Präsidenten - und es wird spannend. In den vergangenen Tagen hat sich François Hollandes Vorsprung in den Umfragen verringert. Laut einer Ifop-Umfrage vom Freitag bekommt er 52, Sarkozy 48 Prozent.

Im konservativen Lager geht man deshalb von einem Kopf-an-Kopf-Rennen aus. Er erwarte ein "50:50-Ergebnis", sagte Premierminister François Fillon der Zeitung Le Figaro. "Das wird sich an einigen hunderttausend Stimmen entscheiden."" Hollande ficht das nicht an - er erklärte, dass er 52 Prozent der Stimmen bereits als großen Erfolg ansehen würde. "Schon 50,5 bedeuten den Sieg", sagte der Sozialist, der in früheren Umfragen noch mit 54 bis 57 Prozent gehandelt wurde.