Soziale Medien Sind Facebook und die AfD schuld, wenn Flüchtlingsheime brennen?

Können Facebook-Seiten der AfD zu Gewaltverbrechen gegen Flüchtlinge führen? Das legt eine Studie nahe.

(Foto: dpa)
  • Eine britische Studie deutet darauf hin, dass sich die Gewaltverbrechen gegen Flüchtlinge in Städten häufen, in denen Facebook und insbesondere die AfD-Seite häufig genutzt werden.
  • Der Kommunikationswissenschaftler Jonas Kaiser von der Harvard University sieht methodische Schwachstellen der Untersuchung.
  • Es bestehe "die Gefahr, dass ein Zusammenhang hergestellt wird, der durch die Studie nicht gegeben wird", sagt er.
Von Philipp Saul

Ist Facebook schuld, wenn Flüchtlingsheime brennen? Darüber wird im Internet diskutiert, seit die New York Times am Dienstag in einem großen Artikel auf eine Studie der britischen Universität Warwick aufmerksam machte. Den Autoren der Studie, Karsten Müller und Carlo Schwarz, zufolge häufen sich Gewaltverbrechen gegen Flüchtlinge in Städten, in denen Facebook intensiv genutzt wird. Der Artikel der New York Times verbreitete sich schnell im Internet. Auch in der Bundesregierung solle die Studie "aufmerksam ausgewertet werden", sagte Digitalministerin Dorothee Bär (CSU) dem Tagesspiegel.

Auf Facebook und in anderen sozialen Netzwerken gibt es bekanntlich Gruppen, in denen Ressentiments gegen Flüchtlinge und Muslime immer weiter angeheizt werden. Der Treibstoff sind tatsächliche und erfundene Nachrichten über Gewalttaten von Flüchtlingen gegen Deutsche, Gerüchte über angebliche Bevorzugung von Fremden und eine vermeintliche "Invasion" sowie rassistische Memes. In den Kommentarspalten ballen sich Drohungen gegen Flüchtlinge und deren Helfer. Unklar war aber immer, ob diese digitale Subkultur nur rechten Parteien und Gruppen zur Mobilisierung dient, oder ob sie auch zu mehr Gewalt gegen Ausländer und politische Gegner in der analogen Welt führt.

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In ihrer Untersuchung wollen Müller und Schwarz herausgefunden haben, dass Hass-Verbrechen gegen Flüchtlinge überproportional häufig in Regionen vorkommen, in denen Menschen Facebook oft in Zeiten nutzen, in denen online eine besonders flüchtlingsfeindliche Stimmung herrscht. Dies beträfe insbesondere Brandstiftungen und Überfälle.

Die These und die Methodik der Studie treffen aber auch auf Widerspruch. Jonas Kaiser forscht an der US-Universität Harvard zu digitaler und politischer Kommunikation. Über viele methodische Punkte in der Studie müsse man diskutieren, sagt er der SZ. Mit den Ergebnissen der Studie kann sich Kaiser nicht anfreunden: "Ich sehe die Gefahr, dass ein Zusammenhang hergestellt wird, der durch die Studie nicht gegeben wird."

Die Forscher haben die Facebookseite der AfD als Maßstab für das Aufkommen von flüchtlingsfeindlichem Hass untersucht. Im Zeitraum von Anfang Januar 2015 bis Mitte Februar 2017 haben sie Postings, Kommentare und "Gefällt mir"-Angaben gesammelt und analysiert. Die Seite hatte zu dem Zeitpunkt mehr als 300 000 Follower. Für 39 632 von ihnen konnten Müller und Schwarz den Wohnort ermitteln. Diese Daten schlüsselten sie dann nach insgesamt 4466 Städten und Gemeinden in Deutschland auf. Als Vergleichswert wurde die Facebookseite von Nutella herangezogen. Sie schreiben dabei, dass es um die deutsche Nutellaseite gehe. Es handelt sich aber um die internationale Seite von Nutella, auf die Facebook die Nutzer in verschiedenen Ländern automatisch lenkt. Sie "gefällt" weltweit knapp 32 Millionen Menschen, wovon aber nur für 21 915 Nutzer ein Wohnort in Deutschland ermittelt werden konnte.

Schon diese Auswahl erregt Kritik. Kaiser sagt, es sei zu diskutieren, "ob die AfD-Seite und die internationale Seite von Nutella für Facebook-Aktivität repräsentativ sind". Denn der New York Times-Artikel impliziert ja, dass es einen Zusammenhang zwischen der generellen Nutzung des sozialen Netzwerks Facebook und Gewaltverbrechen gebe. Gleiches gelte auch für andere Annahmen von Müller und Schwarz. "Das stapelt sich und fließt dann in das Ergebnis der Untersuchung ein."

Kaiser lobt, dass die Autoren sich die Mühe gemacht haben, viele verschiedene mögliche Zusammenhänge und Einflüsse in ihrer Arbeit zu beachten. Einige dieser Kontrollvariablen seien aber problematisch. In einer Teiluntersuchung überprüften Müller und Schwarz den Einfluss der Flüchtlings-Berichterstattung traditioneller Medien auf Hasskriminalität gegen Flüchtlinge. Kaiser kritisiert dabei die Auswahl der Medien. Die Forscher analysierten die Onlineauftritte von Frankfurter Allgemeine Zeitung, Spiegel Online, Zeit, Handelsblatt und Tagesschau. Das könne man zwar so machen, sagt Kaiser, aber damit seien nur "überregionale und Eliten-Medien" untersucht worden - obwohl es ja um die lokale Fragestellung gehe, in welchen Gegenden es wann zu Gewalt komme. Auch bei dem rechten Compact-Magazin, das die Autoren auswerteten, sei zu diskutieren, "ob das Magazin repräsentativ für das rechte Spektrum ist. Auch auf lokaler Ebene".

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Die Zeitreihenanalyse, mit der Müller und Schwarz arbeiten, kommt bei Kaiser ebenfalls nicht gut weg. Die Forscher untersuchten die Facebook-Daten auf wöchentlicher Basis, wobei alle Daten von Montag bis Sonntag zusammengerechnet wurden. Damit könne man aber nicht mehr herausfinden, welches Ereignis der Auslöser für eine Radikalisierung war, sagt Kaiser. Damit bleibe die Frage, wie genau Menschen durch Facebook beeinflusst werden. Und die sei in diesem Fall sehr schwer zu beantworten.

Weitere Erklärungen sind nötig

Auch dem amerikanischen Medienanalysten Ben Thompson stößt die wöchentliche Untersuchung auf. "Das macht es unmöglich, irgendeine Aussage über Kausalzusammenhänge zu machen." Als Beispiel führt er die Vorfälle um die Kölner Silvesternacht an. Die Stimmung gegen Flüchtlinge sei danach auf Facebook aufgeladen gewesen. Diese sei aber nicht dort entstanden, sondern von der Nachrichtenlage gesteuert worden.

"Das sind alles methodische Entscheidungen, die man machen kann. Es ist dann eher die Masse der Entscheidungen, die problematisch werden, wenn man zu solchen Ergebnissen kommt wie 'Facebook-Aktivität hat einen direkten Zusammenhang mit Hasskriminalität.'" Dafür brauche es auch weitere Erklärungen, sagt Kaiser. So müssten Forscher mehr auf die einzelnen Täter achten, die Gewalt gegen Flüchtlinge ausgeübt haben. Man müsse sich anschauen, wie die späteren Täter auf Facebook agiert haben und unter welchen Einflüssen sie standen. "Das sind alles Menschen mit einem individuellen Hintergrund."

In ihrem Artikel hat die New York Times in der Stadt Altena zu einem Mann recherchiert, der einen Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim verübt hatte. Er habe "fast andauernd" ausländerfeindliche Beiträge und Memes insbesondere über private Chats an Bekannte geschickt, wird ein Polizist zitiert. Diese Daten sind für Forscher aber nicht immer leicht zu bekommen. Öffentliche Beiträge und Kommentare sind immerhin transparent und können für Studien wie die aus Warwick analysiert werden. Wie rassistische Propaganda und "Wir-gegen-die"-Mentalitäten in privaten Gruppen auf Facebook oder zum Beispiel Whatsapp verbreitet werden, ist dagegen sehr undurchsichtig.

Mitarbeit: Jannis Brühl

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