Soziale Gerechtigkeit Die da oben, wir da unten

Viele Menschen streiten über die Verteilung des Wohlstands - auch solche, denen es gar nicht so übel geht. Postbank-Beschäftigte streiken vor Deutscher Bank. (Archivbild)

(Foto: dpa)

Woran krankt die Gesellschaft - am Neoliberalismus und der Diktatur der Eliten? Drei Bücher versuchen sich an einer ernsthaften Analyse.

Von Tanjev Schultz

Die einen fischen Pfandflaschen aus Mülleimern, die anderen trinken sündhaft teure Weine und verschieben Millionenbeträge. Ein Klischee? Sich über unverschämten Reichtum aufzuregen ist nicht billig, auch wenn einige darin Neid oder Naivität wittern wollen. Die massive Konzentration von Macht und Geld war und ist eine ernste Bedrohung für Freiheit und Gerechtigkeit einer Gesellschaft.

Nach den jüngsten Zahlen eines Reports der Schweizer Bank UBS und des Wirtschaftsprüfer-Netzwerks PwC ist das Vermögen der 2158 Superreichen dieser Welt zuletzt um 1,4 Billionen US-Dollar gestiegen. Sie besitzen jetzt fast neun Billionen Dollar. Wie schön für sie.

Trotz oder gerade wegen der aktuellen Schwäche der Sozialdemokratie haben viele Menschen das Bedürfnis, über die Verteilung des Wohlstands zu streiten. Sogar solche, die sich eher in der politischen Mitte zu Hause fühlen und denen es gar nicht so übel geht - die sich aber wundern, weshalb sie nur mit Mühe ihre Miete bezahlen können.

Die Dauerdebatte über die AfD und den rechten Populismus überdeckt, dass die soziale Frage keineswegs obsolet ist. Das ist eine Chance für linke Autoren, die mit pointierten Attacken auf die Eliten und den Neoliberalismus auf den Buchmarkt drängen.

Zu ihnen gehört der Darmstädter Soziologe Michael Hartmann. Seine Analysen zum Profil der Eliten sind stets interessant, in seinem neuen Buch verbindet er sie mit einem Appell für einen "grundlegenden Politikwechsel". Der Titel ("Die Abgehobenen") und das Titelbild (Golfspieler in Schneekugel) sind reißerischer als die streckenweise viel differenziertere Darstellung im Text.

Das fängt schon damit an, dass Hartmann das Bild des golfenden Spitzenmanagers hinterfragt: Nur etwa zehn Prozent spielen Golf. Insgesamt werden offenbar sportliche Aktivitäten für das Spitzenpersonal der Wirtschaft allerdings wichtiger, kulturelle Hobbys dagegen unwichtiger.

Entfremdung von der Lebenswelt der Durchschnittsbürger

Auch wenn klassische Bildungsbürgerlichkeit an Bedeutung verliert und viele Reiche und Mächtige lockerer wirken als früher (ohne Krawatte, mon Dieu!): Die "Vertrautheit mit dem Milieu" bleibe entscheidend. Stallgeruch, Habitus - man kennt und erkennt sich. Man merkt, wer dazugehört und wer dazugehören darf. So ist auch die Entfremdung von der Lebenswelt der Durchschnittsbürger weiterhin ein Problem.

Zwar gibt es Veränderungen, wie das überfällige Aufsteigen von Frauen in die Chefetagen; an den grundlegenden Mechanismen ändert das laut Hartmann jedoch wenig. Im Gegenteil, die soziale Selektivität könnte sogar noch zunehmen: "Denn die Frauen, die es so weit schaffen, scheinen sich sozial noch exklusiver als die Männer zu rekrutieren." Zugespitzt formuliert: "Bürgertöchter verdrängen Arbeitersöhne."

Hartmann unterscheidet zwischen verschiedenen Staaten und widerspricht der Vorstellung, es gäbe eine kosmopolitische Elite, für die Grenzen keine Bedeutung mehr hätten. Für einen weltweiten Trend hält er jedoch eine neoliberale Politik, die von Eliten gestaltet werde, deren Haltung zu sozialer Ungleichheit durch ihre eigene Herkunft geprägt werde.

In diesem Punkt wirkt die Analyse mitunter doch holzschnittartig. Wie steht es um den Staatskapitalismus in China? Oder um die in Deutschland gängigen Verflechtungen staatlicher und privater Akteure in Konzernen wie VW oder in den Landesbanken? Der "Neoliberalismus" als Begriffsklammer, der alles Böse umschließen soll, erscheint oft etwas zu vage und zu simpel. Erhellend wird es dagegen, wenn Hartmann konkret am Beispiel der Erbschaftsteuer zeigt, wie Vermögende systematisch verschont werden.

Während Hartmanns Buch trotz seiner unverhohlenen Botschaften in einem wissenschaftlichen Fundament verankert ist, liest sich Hans-Peter Martins "Game Over" wie ein politischer Rundumschlag mit einer fast rührenden Neigung zu Weisheiten fürs linke Poesiealbum ("die Zukunft vernünftig umarmen"; "jeder kann mit jedem reden, wenn er will").

Von der ersten bis zu letzten Seite schrillen die Alarmglocken

Kaum ein Thema lässt Martin aus: Ungleichheit, prekäre Jobs, Klimawandel, Trump, Mietwucher, Flucht und Elend, Rechtspopulismus, Datenhandel und Überwachung, Roboter, Terrorismus. Der frühere Europaabgeordnete aus Österreich, der als junger Mann beim Magazin Der Spiegel arbeitete und in den Neunzigern mit Harald Schumann einen Bestseller über die "Globalisierungsfalle" veröffentlichte, hat großen Rede- und Erklärbedarf.

Von der ersten bis zu letzten Seite schrillen hier die Alarmglocken, und wer alles für bare Münze nimmt, könnte jede Hoffnung fahren lassen. "Alles kann doch noch gut werden", versucht Martin am Ende noch ein wenig Optimismus zu verbreiten. Er serviert ein paar recht allgemeine Rezepte, die schon früh im Buch so lauten: "faires, soziales Teilen der anhaltenden wirtschaftlichen Erfolge der Globalisierung und eine ernsthafte politische Teilhabe aller Bevölkerungskreise und Schichten am politischen Willensbildungsprozess".

Soziale Gerechtigkeit  Tausende berichten auf Twitter, was arm sein bedeutet
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Tausende berichten auf Twitter, was arm sein bedeutet

Unter dem Hashtag #unten erzählen Tausende davon, was arm sein für sie bedeutet. Sie zeigen: Das Schlimmste sind die Vorurteile anderer.

So weit, so sympathisch. Und natürlich schon oft gehört und gelesen. Erfahrungsgemäß fangen die wahren Probleme an, wenn zu definieren ist, was das alles im Einzelnen bedeutet. Das Buch springt hin und her zwischen großen Schlagworten ("den Neoliberalismus überwinden") und trivialen Details (Spielzeug: "Holzbaukästen waren und bleiben sinnvoll").

Eine zumindest reizvolle Provokation: der Vorschlag einer "Visumspflicht für die wirklich Reichen". Das Erteilen eines Visums solle von der Vorlage einer aktuellen Einkommensteuerklärung und dem Nachweis angemessener Steuerzahlungen abhängig sein. Oha. Viele mögen so etwas als linke Spinnerei abtun, Hans-Peter Martin setzt aber erkennbar auf den Gerechtigkeitssinn und die Solidarität einer aufgeklärten Bürgerschicht - und auf eine "Radikalität aus der politischen Mitte heraus".

Wie groß die Gefahr ist, bei solch einer Radikalisierung abzudriften in krude Bescheidwisserei, zeigt das Buch von Rainer Mausfeld. Der emeritierte Kieler Psychologie-Professor führt den Bürgern die Techniken der Manipulation vor Augen, die sie angeblich zum Stummsein verdammen. Für Mausfeld wird das Publikum beherrscht von "einer neuen Form des Totalitarismus, der von der Bevölkerung nicht als Totalitarismus empfunden wird". Manipuliert von neoliberalen Eliten und sediert von ungeordneten Informationen und dummer Unterhaltung, schweigen die Lämmer.

Die freie Presse und die liberale Demokratie sind in dieser einfachen Sicht auf die Welt weitgehend Lug und Trug; und man müsste nur ein paar Vokabeln von links nach rechts drehen, und schon könnten auch Trump oder die "Lügenpresse"-Krakeeler der Analyse gut folgen. Dass in der angeblich so neoliberal dominierten Presse über die Steuerflucht der Reichen ausgiebig debattiert wird oder Recherchen wie die "Panama Papers" möglich sind - für Mausfeld offenbar egal.

Er vertritt eher schematische Wahrheiten, zum Beispiel die, dass das Völkerrecht sich zu einem Instrument unverhohlener Machtpolitik entwickelt habe. Solche Sätze sind schnell geschrieben und schnell beklatscht, deshalb aber noch lange nicht wahr. Jedenfalls werden sie der Komplexität im Ringen um Fortschritte in der Weltgemeinschaft nicht gerecht.

Ein bisschen Adorno, ein bisschen Noam Chomsky - fertig ist das Buch für linke Wutbürger

Das Buch ist auch nicht besonders originell. Es baut auf einer radikalen Demokratietheorie auf, mischt sie mit den Denkfiguren des alten Adorno und des im Laufe der Jahre immer zorniger und paranoider werdenden Noam Chomsky - und fertig ist ein Buch für den linken Wutbürger. In dessen Weltbild wünschen sich die "herrschenden Eliten" angeblich eine bloße "Zuschauerdemokratie" mit lethargischen Bürgern.

Wirklich? Wer sich umhört bei den "Eliten" wird auf sehr viele treffen, die ein hohes Lied auf zivilgesellschaftliches Engagement singen und sich wünschen, dass die Menschen wählen gehen, dass sie in Parteien und Vereinen aktiv werden und sogar ihr Demonstrationsrecht wahrnehmen. Aber bestimmt steckt dahinter nur eine neoliberale Finte ...

Der Neoliberalismus ist für Mausfeld "weltweit der größte Feind von Demokratie". Das ist angesichts brutaler Diktaturen eine verwegene These, aber damit nicht genug: In offenbar zustimmender Absicht bringt das Buch ein Zitat, demzufolge die neoliberale Wirtschaftsordnung in einem Jahr locker so viele Menschen umbringe wie der deutsche Faschismus in sechs Jahren. Wer so halbseiden - man könnte auch sagen: infam - argumentiert, braucht sich nicht zu wundern, wenn ihm nur ein paar eingefleischte Schafe folgen.

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