Ein deutsches Dokument, verfasst von einem Panzersoldaten der Wehrmacht, gefunden von Rotarmisten Anfang 1944: „Wir haben diese Mädchen gefesselt und dann haben wir sie nach und nach mit unseren Ketten plattgemacht. Es war eine Freude, das mit anzusehen.“ Ein grauenerregendes Detail aus einem Jahrhundertverbrechen, dem deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion ab 1941. Der in den USA lehrende deutsche Historiker Jochen Hellbeck hat diesen Krieg und seine ideologischen Antriebskräfte ausführlich untersucht.
Hellbeck hat schon in seinen viel beachteten „Stalingrad-Protokollen“ den Krieg aus Sicht der sowjetischen Soldaten geschildert. Auch in „Ein Krieg wie kein anderer“ ist ihm, vor allem durch eine Fülle ausgewerteter sowjetischer Quellen, ein wichtiger Beitrag zum Verständnis des Zweiten Weltkriegs gelungen; aber vielleicht doch nicht so wichtig, wie der Autor sein Projekt vorstellt, das nicht weniger leiste, als „das Bild auf den Kopf zu stellen“. Die seriöse Forschung über den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion ab 1941 ist heute so umfangreich, dass dieser Anspruch arg ambitioniert erscheint.

Hellbeck will im Kern darauf hinaus, dass sich das heutige Europa in Abgrenzung gegen Russland neu erfindet und dabei riskiert, „die verkoppelte antikommunistische und antijüdische Spezifik dieses Verbrechens auszulöschen, indem es die Sowjetunion ausschließlich als Verbrecherregime kennzeichnet“. Ohne Zweifel schärft das sehr gut geschriebene Buch noch einmal den Blick dafür, wie eng der deutsche Vernichtungskrieg mit dem Holocaust verknüpft war und was er in der Sowjetunion angerichtet hat: 26 Millionen Tote, verbrannte Erde, vernichtete Dörfer und Städte, ein Meer aus Trauer und Traumata.
Gibt es wirklich eine „Amnesie“ im Westen?
Während des Kalten Krieges war der westdeutsche Blick darauf sehr getrübt, teils nicht vorhanden, „die Russen“ waren weiterhin das Feindbild, mit dem schon der Nationalsozialismus so viele Menschen fanatisiert hatte. Nicht in der Geschichtswissenschaft, aber in der breiten Öffentlichkeit brach erst die bekannte Ausstellung von 1995 über die Verbrechen der Wehrmacht dieses Tabu.
Heute, angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, besteht tatsächlich die Gefahr, dass die Erinnerung verblassen könnte an den unfassbaren deutschen Mordfeldzug gegen die Menschen der Sowjetunion – vor allem in den heutigen Staaten Russland, Belarus und, was Putins Kriegsrhetorik verschweigt, der Ukraine. „Dieses Buch“, schreibt Hellbeck einleitend, „will der herrschenden Amnesie und der vorsätzlichen Verdrängung entgegenwirken und der UdSSR den ihr gebührenden Platz in der Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkrieges und des Kampfes gegen den Nationalsozialismus zurückgeben.“

Die Belege für eine solche vorsätzliche Verdrängung bleiben indessen spärlich – Hellbeck nennt etwa Auswüchse der nationalistischen Geschichtspolitik im ehemals sowjetisch dominierten Osteuropa oder die Ausstellung des US Holocaust Memorial Museums. In der westlichen, speziell deutschen Geschichtsschreibung besteht doch wenig Zweifel daran, was Hellbeck so beschreibt: „Der Angriff auf die Sowjetunion unterschied sich von allen vorherigen militärischen Operationen darin, dass er sich gegen einen angeblich jüdischen Staat richtete, der von einer ,jüdischen' kommunistischen Gesinnung beherrscht werde.“ Das war der Kern von Hitlers Programmschrift „Mein Kampf“ und der Nazipropaganda während des Kriegs gegen die Sowjetunion. Aber um dies zu betonen, bedarf es keiner „Revision“ der Geschichte dieses Kriegs, wie das Buch im Untertitel heißt.

