Sowjetunion:Aufstieg des armen Bauernjungen aus dem Nordkaukasus

Im Westen, wohin sie Gorbatschow auf seinen triumphalen Auftritten begleitete, wurde die russische First Lady bewundert. Während Gorbatschow beispielsweise 1987 beim offiziellen Dinner in der Washingtoner sowjetischen Botschaft die Anwesenheit von Arthur Miller, Gore Vidal, Henry Kissinger oder auch Meryl Streep genoss, die Intellektuellen als "Hefe der Gesellschaft" bezeichnete und feststellte, dass "wir nicht mehr so weitermachen können wie bisher", begeisterte Raissa die Literatin Joyce Carol Oates, über deren Buch "Engel des Lichts" sich die beiden austauschten.

Wie konnte ein Bauernjunge aus dem Nordkaukasus, der als Schüler für eine Hymne auf Stalin einen Preis bekam, mit der Perestroika die "zweite russische Revolution" (so der Titel seines Buches von 1987) bewirken? Laut Andrej Gratschow, einem der engsten Berater Gorbatschows, war der Reformer "ein genetischer Fehler des Systems".

Taubman sieht die Wurzeln für Gorbatschows Durchsetzungskraft und Optimismus auch im Glück, das der 1931 geborene Michail in schrecklicher Zeit erlebte. Zwangskollektivierung und Hungersnot, die Millionen von Bauern das Leben kostete, Stalins großer Terror, während dessen beide Großväter verhaftet wurden, Besetzung seines Dorfes durch die Wehrmacht - Michail übersprang zwar die Kindheit, wie er selber sagte, aber alle Schicksalsschläge wandten sich für die Familie zum Guten: Beide Großväter wurden bald wieder aus dem Lager freigelassen. Der geliebte Vater, als gefallen gemeldet, kehrte nach Hause zurück.

Cover

William Taubman: Gorbatschow. Der Mann und seine Zeit. Verlag C.H. Beck, München 2018. 935 Seiten, 38 Euro. E-Book: 29,99 Euro.

Blick ins Buch

Nach dem Krieg wurde sein Sohn auf Druck der strengen Mutter ein ausgezeichneter Schüler. Michail gewann den hohen Orden des Roten Banners der Arbeit, für Mähdrescherfahren, bei dem Vater und Sohn sich über 20 Stunden lang auf dem Traktor abwechselten und Rekordernten einbrachten.

Michail Gorbatschow, klein, stämmig, gut aussehend, sei "geistig unabhängig und selbstbewusst bis zur Arroganz" gewesen, als er 1950 an der Staatlichen Universität Moskau sein Jurastudium begann, schreibt Taubmann, auch darin ein überaus harter Arbeiter, ein sogenannter "ambiziosnij". Er war bettelarm, oft ohne Socken in den Schuhen und monatelang im einzigen Anzug, "aber insgesamt fühlte ich mich großartig", beschrieb Gorbatschow selbst diese Zeit.

Der Leser begleitet ihn beim Aufstieg auf der Karriereleiter, beim katastrophalen Misslingen seines frühen Kampfes gegen den landesweiten Alkoholismus, bei zermürbenden und letztendlich erfolglosen Bemühungen um wirtschaftlichen Fortschritt in einem Land leerer Regale, auf den amerikanisch-sowjetischen Gipfeltreffen 1987/88 mitsamt Vieraugengesprächen bis zum Putsch 1991 und den Jahren nach der Macht.

Zum ersten Mal seit sieben Jahrzehnten hatten 1989 weitgehend freie Wahlen stattgefunden, ein echtes Parlament den Obersten Sowjet abgelöst, der ein reines Akklamationsorgan gewesen war. Doch dasselbe Jahr, so Taubman, "war auch der Anfang vom Ende für die Perestroika": "Weil genau diese Innovationen die Institutionen beschädigten, die die sowjetische Gesellschaft bis dahin zusammengehalten hatten, und weil es nicht gelang, sie durch effektive neue zu ersetzen." Aus allzu großem Vertrauen in sich selbst und seine Sache habe Gorbatschow sich mit seinen hohen Zielen schließlich übernommen.

Warum eilte Gorbatschow am 21. August 1991 nach dem Sieg über die Putschisten nicht zum Moskauer Weißen Haus, um sich von der Menge, die nach ihm rufend gewartet hatte, feiern zu lassen? Auch dies eine nicht geklärte Frage. Gorbatschow nutzte den Moment, in dem er populärer als je zuvor war, nicht.

Soeben mit seiner Familie aus der Datscha auf der Krim wieder in Moskau gelandet, stieg er ins Auto und fuhr einfach nach Hause. Redefreiheit, Versammlungs- und Gewissensfreiheit habe Gorbatschow den Menschen geschenkt, die sie nie gekannt hatten, schreibt Taubman. Sein Land hätte er gern in einem "gemeinsamen Haus Europa" gesehen.

Gescheitert am "Rohmaterial"

Womöglich hundert Jahre werde es dauern, bis die Demokratie in Russland fest verankert sei, hat Gorbatschow selbst mittlerweile eingeräumt. Dass er letztendlich aufgeben musste, liegt laut Taubman "eher am Rohmaterial", an traditionellem Autoritarismus und fehlender Rechtsstaatlichkeit, als an Gorbatschows eigenen Versäumnissen und Fehlern. "Angesichts unserer russischen Mentalität hätte das neue Leben sofort auf dem Silbertablett serviert werden müssen," so äußerte sich Gorbatschow selbst, "jetzt und hier, ohne eine Reform der Gesellschaft."

Gegen den Vorwurf vieler Russen, er habe die UdSSR zerschlagen, wappne ihn das "dicke Fell" der Gorbatschows, meinte einmal sein Dolmetscher und Mitarbeiter Pawel Palaschtschenko. Wohl kaum hätte ein anderer sowjetischer Führer den späteren Zusammenbruch verhindern können, glaubt Taubman.

"Gorbatschow war ein Visionär, der sein Land und die Welt veränderte", resümiert der Historiker: "Das Ziel nicht ganz zu erreichen, ist noch lange kein Scheitern."

Renate Nimtz-Köster hat Romanistik und Slawistik studiert. Sie ist freie Wissenschaftsjournalistin.

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