GroßbritannienGewaltsame Proteste nach Gerichtsurteil in Südengland

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Demonstrierende in Southampton werfen Mülleimer auf Polizisten.
Demonstrierende in Southampton werfen Mülleimer auf Polizisten. JUSTIN TALLIS/AFP
  • Nach dem Urteil gegen einen 23-jährigen Mörder eines weißen Studenten gingen am Dienstagabend in Southampton gewaltbereite Ultrarechte auf die Straße und verletzten elf Polizisten.
  • Nigel Farage und seine Reform-Partei stachelten den Mob mit dem Aufruf zu "kalter Wut" auf und verbreiteten verkürzte Darstellungen oder falsche Behauptungen über den Fall.
  • Die Polizei hatte während des Vorfalls im Dezember dem tödlich verletzten 18-jährigen Opfer nach einem falschen Rassismusvorwurf des Täters, Angehöriger der Sikh-Glaubensgemeinschaft, Handschellen angelegt.
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Nach dem Urteil gegen den Mörder eines weißen 18-Jährigen stacheln Nigel Farage und andere Vertreter der Ultrarechten einen gewaltbereiten Mob in Southampton auf. Elf Polizisten werden verletzt.

Von Michael Neudecker, London

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Ein paar Hundert Gewaltbereite sind am Dienstagabend in Southampton auf die Straße gegangen, sie bewarfen Polizisten mit Mülltonnen und Bierflaschen, riefen Hassparolen, viele trugen britische oder englische Fahnen wie einen Umhang, manche vermummten ihre weißen Gesichter. Elf Polizisten wurden verletzt, wie die Polizei von Southampton am Mittwoch mitteilte. Der ultrarechte Mob folgte damit dem Aufruf des Reform-Parteichefs Nigel Farage vom Vormittag, in dem er „pure cold rage“ gefordert hatte: reine, kalte Wut.

Vorangegangen war das Urteil gegen einen 23-Jährigen, der vor einem halben Jahr einen 18-Jährigen in Southampton erstochen hatte. Der Täter wurde von einem Gericht zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, wobei er frühestens nach 21 Jahren freigelassen werden kann. Der Täter war ein in Southampton geborener und aufgewachsener Anhänger des Sikh-Glaubens mit dunkler Hautfarbe, das Opfer ein weißer Student aus Essex.

Polizisten ignorierten das Flehen des Opfers und legten ihm Handschellen an

Nicht das Urteil aber war es, das die gewaltsame Reaktion auslöste, sondern das Bodycam-Video der Polizei von dem Vorfall aus jener Nacht im Dezember, das vom Gericht veröffentlicht wurde. Es zeigt, wie die Polizisten, als sie am Tatort eintreffen, vom später Verurteilten darauf hingewiesen werden, der am Boden liegende 18-Jährige habe ihn rassistisch beleidigt. Daraufhin legen die Polizisten dem Studenten Handschellen an und ignorieren weitgehend die flehentlichen Worte des jungen Mannes, er sei mit einem Messer verletzt worden und könne nicht atmen. Der 18-Jährige starb noch am Tatort.

In der öffentlich zugänglichen Urteilsverkündung sagte der Richter, der Vorwurf, das Opfer habe sich rassistisch verhalten, sei „eine Lüge“ des Täters. Opfer und Täter seien sich in jener Nacht zufällig über den Weg gelaufen. Er, der Täter, habe offen sichtbar ein Messer getragen, woraufhin das spätere Opfer ihn gefragt habe, ob er „ein böser Mann“ sei, und ihn dabei gefilmt habe. Das habe den Täter so stark provoziert, dass er auf das Opfer zugegangen sei, die Frage bejaht habe und im darauffolgenden Handgemenge sein Messer gezogen und fünfmal auf den Studenten eingestochen habe. Anschließend habe er auch noch die Polizei belogen und irregeführt. „Ihr Verhalten hat rassistische Spannungen geschürt, die dazu führen, dass nun viele Sikhs um ihre Sicherheit fürchten“, sagte der Richter.

Angehörige der Sikh-Religion dürfen in Großbritannien zwar legal einen Dolch mit einer maximal knapp 23 Zentimeter langen Klinge mit sich führen, einen Kirpan, den die meisten wie eine Art religiöses  Schmuckstück unter der Kleidung tragen. Der Täter von Southampton trug zusätzlich ein Messer sichtbar am Gürtel, das er später als Tatwaffe nutzte.

Ein Mann versucht, die aufgebrachte Menge zu beruhigen, die Polizisten bedroht.
Ein Mann versucht, die aufgebrachte Menge zu beruhigen, die Polizisten bedroht. JUSTIN TALLIS/AFP

Die Polizei musste am Dienstag teilweise die Straße sperren, in der die Familie des Täters lebte. Online wurden Fotos von Polizisten veröffentlicht, von denen behauptet wurde, sie seien an dem Vorfall im Dezember beteiligt gewesen; mindestens einer erhielt Morddrohungen. „Falschinformation und aufhetzende Kommentare verschlimmern damit eine ohnehin schon schlimme Situation“, sagte Innenministerin Shabana Mahmood. Der Vater des Getöteten sagte, die Familie wolle nicht, dass der Vorfall instrumentalisiert werde.

Nigel Farage und die noch weiter rechts stehenden Vertreter der kleinen Partei Restore Britain nutzten den Vorfall, um zu behaupten, es gebe einen institutionellen Rassismus gegen Weiße in der Polizei – ungeachtet der Tatsache, dass nach offiziellen Statistiken Menschen mit dunkler Hautfarbe oder asiatischstämmige Menschen häufiger von der Polizei gestoppt und durchsucht werden als weiße. Zudem veröffentlichte Farages Partei Reform UK diverse Beiträge in sozialen Medien mit entweder verkürzten Darstellungen oder gänzlich falschen Behauptungen.

Demonstrierende in Southampton greifen einen Polizeitransporter an.
Demonstrierende in Southampton greifen einen Polizeitransporter an. JUSTIN TALLIS/AFP

Am Mittwoch, während der wöchentlichen Fragerunde an den Premierminister, wiederholte der ansonsten im Unterhaus selten anwesende Farage seine Behauptung, die Polizei behandele verschiedene ethnische Gruppen bewusst unterschiedlich, gemeint war insbesondere die angeblich benachteiligte Gruppe der weißen Engländer. Starmer widersprach Farage auf für ihn ungewohnt emotionale Weise. Farages Worte zeigten „genau, wer er ist“, rief Starmer unter dem Applaus der Abgeordneten beider Seiten des Unterhauses.

Es sei wichtig, die Bitten der Familie des Opfers zu respektieren und Ruhe zu bewahren, sagte Starmer. Zudem würden alle, die sich an gewalttätigen Unruhen beteiligten, „die volle Härte des Gesetzes“ spüren. Gleichzeitig bedankte er sich bei Oppositionschefin Kemi Badenoch für ihren Tonfall in der Angelegenheit. Farage betone Unterschiede in der Gesellschaft, statt für Einigkeit zu stehen, hatte Badenoch am Dienstag gesagt, dies sei falsch.

Farage stützt sich bei seinen Vorwürfen auf ein Dokument des nationalen Polizeiverbands, das als Richtlinie herausgegeben wurde, um den Vorwürfen des Rassismus in der Polizei entgegenzutreten. Das ganze Dokument legt dar, wie die Polizei immerzu der obersten Maxime der Gleichheit vor dem Gesetz und den Behörden folgen sollte, dabei gibt es auch eine Passage, in der steht: Die Polizei solle jeden und jede gemäß ihrer persönlichen Umstände und Bedürfnisse behandeln, denn Gleichheit als Ziel „bedeutet nicht, alle ‚gleich‘ zu behandeln oder ‚farbenblind‘ zu sein“. Die Passage sei etwas missverständlich, räumte der Verband am Mittwoch ein und kündigte an, die Formulierung zu überarbeiten.

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