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Ermittlungen bei Hilfsorganisation:Missbrauchsvorwürfe gegen SOS-Kinderdörfer

70 Jahre SOS Kinderdörfer - SOS-Kinderdorf Bockum

In den Grundfesten erschüttert: die Hilfsorganisation SOS-Kinderdorf

(Foto: Philipp Schulze/picture alliance/dpa)

In 20 Ländern in Afrika und Asien sollen in Einrichtungen der Hilfsorganisation Kinder und Jugendliche Gewalt und sexuellen Missbrauch erlebt haben. Außerdem wird wegen Vorteilsnahme gegen Mitarbeiter ermittelt.

Von Jana Stegemann, Düsseldorf

168,5 Millionen Euro spendeten die Deutschen im vergangenen Jahr an SOS-Kinderdorf. Es war die bisherige Rekordsumme in der Geschichte der Hilfsorganisation, deren Gründer, der Österreicher Hermann Gmeiner, 1949 für damalige Verhältnisse einen revolutionären Ansatz verfolgte. Waisenkinder sollten nicht in Erziehungsanstalten verwahrt werden, sondern Zuwendung und Vertrauen erfahren in einer neuen Familie: dem SOS-Kinderdorf.

Nun wird die renommierte Organisation kurz nach ihrem 70-jährigen Bestehen in ihren Grundfesten erschüttert. In 20 Ländern in Afrika und Asien sollen in Einrichtungen von SOS-Kinderdorf Kinder und Jugendliche in den vergangenen 30 Jahren Gewalt und sexuellen Missbrauch erlebt haben. Außerdem wird zusätzlich wegen Vorteilsnahme gegen Mitarbeiter der Hilfsorganisation ermittelt, in einigen Ländern sollen Bauvorhaben an Verwandte vermittelt worden sein.

SOS-Kinderdorf machte Kinderschutzverletzungen und Korruption am Donnerstag selbst öffentlich und gab erste Details aus einer unabhängigen Untersuchung bekannt, deren vollständiger Bericht im Juni erwartet wird. Betroffen sind demnach 50 von insgesamt 3000 Einrichtungen der nationalen SOS-Kinderdorf -Vereine. In Deutschland sind im August 2020 Missbrauchsvorwürfe gegen ehemalige Mitarbeiter einer Einrichtung in Bayern eingegangen.

Die föderal organisierte Hilfsorganisation, deren Dachverband SOS-Kinderdorf International ist, betreut weltweit 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche in 137 Ländern, darunter in vielen Kriegs- und Krisengebieten. Die SOS-Kinderdorf-Organisationen in den einzelnen Ländern können sehr autonom entscheiden und handeln.

"Wir sprechen von einer kleinen Zahl", sagt der Sprecher

"Wir bitten um Verständnis, dass wir zu den einzelnen Ländern und der Zahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen nichts sagen können", sagte der Sprecher der Kinderhilfsorganisation, Boris Breyer. Es sei Aufgabe einer unabhängigen Expertenkommission, sie zu untersuchen. Bei den mutmaßlichen Tätern handle es sich um Mitarbeiter von SOS-Kinderdorf. "Wir sprechen von einer kleinen Zahl. Der Großteil unserer weltweit über 40 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leistet großartige Arbeit", so Breyer. SOS-Kinderdorf habe strafrechtlich relevante Fälle in den jeweiligen Ländern zur Anzeige gebracht und werde das auch weiter tun.

SOS-Kinderdorf wisse seit Anfang 2020 von 22 Fällen, die nicht konsequent genug untersucht worden sein sollen - und habe daher im vergangenen April zahlreiche Maßnahmen beschlossen: Neben der eingesetzten Sonderkommission ist das ein weltweites Ombudsstellensystem als Anlaufstelle für betroffene Kinder und Jugendliche sowie psychologische und finanzielle Unterstützung der mutmaßlichen Opfer. Dafür seien bereits zehn Millionen Euro bereitgestellt worden.

"Der vorliegende Untersuchungsreport legt nahe, dass Berichte über Missbrauch nicht ausreichend ernst genommen wurden, Kindern und Zeugen nicht geglaubt wurde und Täter nicht zur Rechenschaft gezogen wurden", sagte Breyer auf SZ-Anfrage. Daher wolle und müsse SOS-Kinderdorf dringend einen Kulturwechsel schaffen: "Wir entschuldigen uns von Herzen bei den betroffenen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen."

Unabhängig von dem Sonderbericht erstellt SOS-Kinderdorf jährlich einen Report, in dem alle zur Anzeige gebrachten Kinderschutzverletzungen aufgeführt werden. In 2019 hat SOS-Kinderdorf weltweit 328 der mehr als 40 000 Mitarbeiter ermittelt, die ihnen anvertraute Kinder und Jugendliche physisch und psychisch verletzt, vernachlässigt oder sexuell missbraucht haben. Der 26-seitige Bericht schlüsselt detailliert auf, was den Tätern vorgeworfen wird: In etwa jedem zweiten Fall geht es um körperliche Gewalt, zwölf Missbrauchstäter sollen demnach im Jahr 2019 aufgefallen sein.

© SZ
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