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Nazi-Gegnerin Sophie Scholl:Der Mensch hinter der Heldin

SOPHIE SCHOLL

Wenig Raum für Ungeglättetes: In der Walhalla bei Regensburg steht die Büste von Sophie Scholl seit dem Jahr 2003.

(Foto: Associated Press)

Zum 100. Geburtstag im Mai 2021: Robert M. Zoske und Maren Gottschalk gelingen einfühlsame Porträts der Widerstandskämpferin Sophie Scholl.

Rezension von Cord Aschenbrenner

Sophie Scholl, die zusammen mit ihrem Bruder Hans und weiteren Mitverschwörern hinter den anonym verfassten und zu Tausenden verteilten "Flugblättern der Weißen Rose" steckte und dafür im Februar 1943 mit 21 Jahren von der NS-Justiz hingerichtet wurde, ist seit Jahrzehnten eine Art schimmernde Ikone.

Mit ihr schmücken und trösten sich die Deutschen vor dem dunklen Hintergrund der Untaten ihrer Eltern und Großeltern, sie wird zu Recht geehrt, hin und wieder aber auch von den Falschen vereinnahmt wie jüngst von politisch-historisch unterbelichteten "Querdenkern".

Gleich zwei Biografien über Sophie Scholl sind nun aus Anlass ihres hundertsten Geburtstags am 9. Mai 2021 erschienen. Zusammen mit den Hitler-Attentätern Georg Elser und Claus von Stauffenberg, dem Theologen Dietrich Bonhoeffer und noch vor ihrem Bruder Hans zählt sie nicht nur zu den bekanntesten Widerstandskämpfern gegen die NS-Diktatur, sondern auch zu den bekanntesten Deutschen der jüngeren Geschichte.

Was doch erstaunlich ist für eine junge Frau, die erst am Anfang ihres Lebens stand. Und gerade deshalb eine Herausforderung für heutige Biografen, die vor dem Mythos der mutigen Nazi-Gegnerin, der damit einhergehenden Verklärung, die ihre Schwester Inge Aicher-Scholl begründete, sowie einer Reihe älterer Biografien stehen.

Der Zugang zum Leben Sophie Scholls, die so wenig wie andere Helden nicht schon als Heldin zur Welt kam, könnte leichter sein.

Die Autoren fanden ein zuweilen geschöntes Bild vor

Die Historikerin Maren Gottschalk und der Theologe Robert M. Zoske konnten sich allerdings an eigenen Arbeiten orientieren: Gottschalk an ihrem anspruchsvollen Jugendbuch über Sophie Scholl aus dem Jahr 2012, Zoske an seiner 2018 erschienenen Biografie über Hans Scholl, die diesen aus dem Schatten seiner Schwester holte.

Denn für Sophie Scholl interessierte sich die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft immer weitaus mehr als für ihren Bruder, obwohl dieser zusammen mit Alexander Schmorell die treibende Kraft der (nur von der Nachwelt so genannten) "Weißen Rose" war - aber eben nicht Mittelpunkt mehrerer Spielfilme und Bücher wie Sophie.

Die DDR-Wahrnehmung hingegen war zwar etwas gerechter, dabei jedoch mehr auf den angeblichen "antifaschistischen Sozialismus" beider Geschwister gerichtet.

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Ikone des Widerstands? Sophie Scholl mit ihrem Bruder Hans Scholl (links) and Christoph Probst (rechts). Die Wahrheit ist wie immer komplizierter.

(Foto: AFP/Gedenkstätte Deutscher Widerstand)

Es war ein zuweilen geschöntes, unvollständiges Bild der jungen Widerstandskämpferin, das die beiden Autoren vorfanden. "Können wir", fragt Maren Gottschalk, "hinter dem Heldinnenbild überhaupt noch den Menschen Sophie Scholl erkennen"?

Ähnlich schreibt Zoske, es gehe darum, den ganzen Menschen zu zeigen, "der im öffentlichen Gedenken oft geglättet und überhöht zur Darstellung kommt".

Wer also war Sophie Scholl?

Die Tochter von Lina und Robert Scholl aus dem schwäbisch-fränkischen Hohenloher Land - der Vater Verwaltungsfachmann, Kommunalpolitiker, Pazifist und pflichtbewusster Verfechter politischer Moral, die Mutter vor der Ehe Diakonisse und entschieden pietistisch-protestantisch gesinnt, beide im Ersten Weltkrieg entschiedene Kriegsgegner - wuchs mit ihren vier Geschwistern in der mal mehr, mal weniger heilen Welt schwäbischer Kleinstädte auf, bis die Familie 1932 nach Ulm zog, wo Robert Scholl Teilhaber einer Wirtschaftsprüfer- und Steuerberaterkanzlei wurde.

Schon bald nachdem die Nationalsozialisten sich 1933 in Deutschland etabliert hatten wurden Inge und Hans Mitglieder der Hitlerjugend bzw. des Bunds Deutscher Mädel (BDM), Sophie, die Jüngste, ging zu den "Jungmädeln" - zum Leidwesen besonders des Vaters, der, wie sowohl Gottschalk als auch Zoske schreiben, zwar kein überzeugter Demokrat, vielmehr Monarchist war, mitnichten aber ein Nazi.

Robert M. Zoske: Sophie Scholl. Es reut mich nichts. Porträt einer Widerständigen. Propyläen/Ullstein Buchverlage, Berlin 2020. 448 Seiten, 24 Euro.

(Foto: Propyläen/Ullstein)

Beide Autoren zeichnen feinfühlig und genau das Aufwachsen in der großen Familie nach, in der religiöse Erziehung, Musik, Bücher und Gespräche wichtig waren. Immer mussten die Wohnungen den vielen Scholls viel Platz bieten, auch wenn das teuer war.

In dieses liebevolle, bildungsbürgerliche Umfeld drängte sich der Nationalsozialismus, dem die drei Ältesten schnell verfielen, nicht anders als die meisten Gleichaltrigen. Der "Dienst" in der Hitlerjugend habe, so Maren Gottschalk, gerade für die ganz anders sozialisierten Scholl-Kinder einer Gehirnwäsche geglichen. Sie unterzogen sich ihr bereitwillig.

Ein Erweckungserlebnis gab es nicht

Aber anders als es die älteste Schwester Inge nach dem Krieg in ihrem Buch "Die Weiße Rose" wie in einer modernen Heiligenlegende darstellte, gab es weder für Sophie Scholl noch für ihren Bruder ein die Augen öffnendes Erweckungserlebnis, das ruckartig schon früh, lange vor dem Krieg, die Abkehr vom NS-System einleitete.

Beide Autoren haben ihre Bücher auf den vorhandenen Quellen, vor allem Briefen und Erinnerungen aufgebaut, Maren Gottschalk auf dem Nachlass der Familie Scholl im Institut für Zeitgeschichte, Zoske auf einer breiteren Basis, die auch Material aus nationalen und internationalen Archiven umfasst.

Beiden gelingt es, aus den Briefen Sophie Scholls an ihren Freund, den jungen Wehrmachtsoffizier Fritz Hartnagel, an Ernst Reden, einen anderen Freund und an Otl Aicher, einen kompromisslosen jungen Katholiken, der später Inge Scholl heiratete, an ihre Freundinnen sowie aus deren Erinnerungen das Bild einer in sich gekehrten, gleichwohl lebenslustigen, so komplizierten wie klugen jungen Frau zu zeichnen, die ihre Umwelt scharfsichtig wahrnahm.

Die Vertreibung der Juden aus Ulm allerdings sah sie nicht, jedenfalls hat sie dies nicht erwähnt. Und der Faszination der nationalsozialistischen Jugendorganisation konnte oder wollte Sophie Scholl sich lange nicht entziehen. Erst spät, 1941, trat sie aus. Mädchenhaft war sie nicht, vielmehr "wie ein feuriger wilder Junge", wie sich eine Freundin später erinnerte, naturliebend, künstlerisch begabt und belesen.

Maren Gottschalk: Wie schwer ein Menschenleben wiegt. Sophie Scholl. Eine Biografie. Verlag C.H. Beck, München 2020. 347 Seiten, 24 Euro.

(Foto: C.H. Beck)

Gleichzeitig hatte sie einen bemerkenswerten Hang, es sich und anderen schwer zu machen - vor allem ihrem Freund Fritz, der kaum weniger ernsthaft und religiös war als Sophie.

Die Briefe, die zwischen den beiden hin und her gingen, sind oft erstaunlich tiefgehend, sowohl religiös-spirituell als auch bei literarischen Themen. Vergleichbares würde Gleichaltrige heute kaum noch bewegen, etwa die wiederkehrende Frage Sophies, ob sie durch die vorangegangene Nacht mit Fritz nicht vor Gott schuldig geworden sei.

Man liest manches mit dem Gefühl der Indiskretion, fragt sich aber auch, ob Sophie Scholl nicht wenigstens zeitweilig einen religiösen Spleen hatte.

Spät, erst 1942, folgte sie ihrem christlichen Gewissen

Jedenfalls war sie eine fromme Suchende, wie gerade in Zoskes Buch deutlich wird. Der Theologe widmet diesem Aspekt viel Raum, denn hier steckt der interessanteste Konflikt in der Entwicklung der jungen Frau, der als "Jungmädel" eingebläut wurde "Du bist nichts, dein Volk ist alles!", und die im Konfirmandenunterricht an der Ulmer Pauluskirche lernte, dass "Gott von uns fordert, dass wir nicht allein das Böse lassen, sondern auch das Gute tun sollen", wie es in ihrem "Konfirmationsbüchlein" stand, dem württembergischen Katechismus.

Sophie Scholl war keine entschlossene Widerstandskämpferin von Anfang an, sondern, wie sollte es anders sein, ein junger Mensch in seinem Widerspruch. Spät erst, 1942, als der Krieg weit fortgeschritten war, folgte sie ihrem christlich geprägten Gewissen, wollte sie "mit Gott gegen Hitler kämpfen", wie Zoske schreibt.

Sie fühlte sich mitschuldig an den Verbrechen des NS-Regimes im Osten, von denen sie durch ihren Bruder und ihren Freund wusste. In ihrem Tagebuch ist im Oktober 1942 von "einer sanften Traurigkeit" die Rede. "Ein unschuldiges Hineingezogenwerden in eine Schuld, in meine Schuld."

Kriegsgegnerin allerdings war Sophie Scholl, wie Maren Gottschalk herausarbeitet, in der pazifistischen Tradition ihres Vaters von Anfang an, was die Beziehung zu dem jungen Berufsoffizier Hartnagel auch nicht einfacher machte.

Beiden Biografien merkt man an, wie eingehend sich die Autoren mit dem Leben Sophie Scholls beschäftigt haben, beide kommen ihr und ihrem Wesen sehr nahe. Maren Gottschalk erzählt schnörkellos, dabei farbig und mit großem Einfühlungsvermögen von der jungen Frau, deren Lebenswelt der heutigen sehr fern ist.

Robert M. Zoske holt etwas weiter aus, betont die "hohe sittliche Geisteshaltung" Sophie Scholls und ihrer Mitverschwörer, die sie anfällig für heutige Überhöhung mache. Zoske zeigt, wie ihr christlicher Glaube Sophie wie ihren Bruder Hans schließlich in den Widerstand trieb. Er schildert sie als bewundernswert mutigen Menschen mit Schwächen. Auch ihm gelingt ein wahrhaftiges Lebensbild.

© SZ vom 21.12.2020/odg
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