Sommerreisen:Ausflüge in die Wirklichkeit

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Sommerreisen: Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) steht auf einem Feld, auf dem die Stoppeln zum Schutz des Feldhamsters stehen gelassen wurden.

Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) steht auf einem Feld, auf dem die Stoppeln zum Schutz des Feldhamsters stehen gelassen wurden.

(Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/DPA)

Im Spätsommer gehen Politiker gern auf Deutschlandreise und besichtigen Probleme, die sie sonst nur am Schreibtisch bearbeiten. Unterwegs mit Umweltministerin Lemke zum Feldhamster und mit Arbeitsminister Heil ins Stadion.

Von Michael Bauchmüller und Henrike Roßbach, Magdeburg, Dessau

Irgendwo hier muss er sein, der Feldhamster. Steffi Lemke stapft in Wanderstiefeln durchs Stoppelfeld, immer dem Landwirt hinterher. Dann erreichen sie einen abgezäunten kleinen Acker, die Gerste steht hüfthoch. Kein Pflug kommt hier rein, kein Mähdrescher und kein Fuchs. Man könne davon ausgehen, sagt der Bauer begeistert, dass das "die größte Feldhamsterpopulation Deutschlands und Europas ist" - mitten in der Börde.

Nur sieht man es nicht, das fleißige Tierchen. Der Feldhamster arbeitet im Verborgenen, dort hinterlässt er auch seine Spuren. Und das dürfte Steffi Lemke, der Umweltministerin von den Grünen, dann auch wieder bekannt vorkommen. Drei Tage tourt sie durch Ostdeutschland, besuchte Moore, Flussauen, Äcker. Sie wolle, sagt sie, auch zeigen, "was mir wichtig ist". Kameras sind deshalb immer mit dabei.

Keine 20 Kilometer entfernt läuft Hubertus Heil im leeren Stadion des 1. FC Magdeburg an und schießt den Ball im hohen Bogen ins linke obere Eck des Tors. Die Torhüterin des Magdeburger FFC gibt sich nicht sonderlich viel Mühe, den Treffer zu verhindern, es soll schließlich Spaß machen. Ein paar Elfmeter später kommt Heil zurück zum Spielfeldrand. Leicht verschwitzt ist der Bundesarbeitsminister schon, außerdem musste er in schwarzen Lederschuhen spielen; kurz vor dem Stadion ist von einem seiner Turnschuhe die Sohle abgefallen.

"Das Geilste an diesen Touren ist, wo man sich überall reinsetzen darf"

Eine Ministerin in Wanderstiefeln, ein Minister vorm Elfmeterpunkt - so geht das zu, wenn das Kabinett per "Sommerreise" die Republik erkundet. Jedes Jahr im Spätsommer, wenn der parlamentarische Betrieb in Berlin noch ruht, gehen einige Bundesminister auf Tour, immer eine Gruppe Journalisten und einen Teil ihres Teams im Schlepptau. Sie suchen sich ein, zwei Bundesländer aus und fahren mit dem Bus durch die Gegend.

Sommerreisen: Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) schießt im Stadion des 1. FC Magdeburg aufs Tor.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) schießt im Stadion des 1. FC Magdeburg aufs Tor.

(Foto: Basil Wegener/DPA)

Der Bauer in Börde muss sich beeilen, lange ist die Ministerin nicht auf seinem Hof, der Zeitplan ist straff. Die Kollegin von der Bauernzeitung schießt noch schnell ein Foto, so viel Zeit muss sein: Lemke vor einem Haufen Erbsen. Schließlich geht es bei der Sommerreise immer auch um Bilder. Der Arbeitsminister schießt Tore, fährt Rettungswagen, trifft Seniorinnen beim Tablet-Kurs und fällt im Harz mit Waldarbeitern im Harvester Bäume - was Heil am Donnerstag mit dem Satz zusammenfasst: "Das Geilste an diesen Touren ist, wo man sich überall reinsetzen darf." Die Bilder, sie zeigen Minister in Aktion, sozusagen an vorderster Front. Es sind Bilder, wie man sie von Leuten wie Lemke und Heil zuletzt selten gesehen hat.

Beide sind auf ihre Art Opfer der Verhältnisse. Der Arbeitsminister hat zwar dieses Jahr schon den Mindestlohn auf zwölf Euro erhöht, ein zentrales Wahlversprechen seiner SPD und normalerweise ein großes Ding. Nur verdrängen Krieg, Inflation und Energiekrise selbst solche Gesetzesvorhaben seit Monaten von der großen Bühne. Die Sommerreise gibt Heil die Gelegenheit, eine Erleichterung für Bedürftige zu verkünden: Sie sollen weiter ganz einfach Grundsicherung beantragen können.

Außerdem soll zum Jahreswechsel das neue Bürgergeld eingeführt werden. Über Heils Vorschlag wird in der Koalition noch gestritten; es kann also nicht schaden, sich und das Thema mal wieder ins Gespräch zu bringen. Die Journalisten, die ihm dabei helfen könnten, hat er sich gewissermaßen mitgebracht.

Auch die Grüne Lemke hat zu kämpfen. Wo sie als energische Kämpferin für den Umweltschutz auftreten könnte, träte sie meist den eigenen Parteifreunden auf die Füße: Im Ringen zwischen Windrädern und Naturschutz müsste sie sich mit Robert Habeck anlegen, beim Kampf um mehr Artenschutz auf Äckern mit Cem Özdemir. Die Auseinandersetzung mit dem Verkehrsminister von der FDP, Volker Wissing, hat sie noch nicht recht gesucht. Und wenn doch, dann ging es bestenfalls unentschieden aus. Lemke liebt den Konflikt nicht, sie sucht den Fortschritt im Stillen, ganz wie der Feldhamster.

Aber ein scharfes Profil entsteht so nicht, ganz zu schweigen von Bekanntheit. Mitunter lässt das selbst die Leute in ihrem eigenen Ministerium verzweifeln.

Die Touren sind auch Besuche im normalen Leben

Man täte den Spitzenpolitikern aber Unrecht, würde man behaupten, es ginge ihnen nur um gute Fotos und ein bisschen Scheinwerferlicht. Tatsächlich sind die Touren, selbst wenn die Protagonisten gut gecastet sind, für sie schon auch Besuche im normalen Leben, bei Bürgern, Unternehmern oder Ehrenamtlichen. Sie besichtigen sozusagen, wie ihre Gesetze vor Ort ankommen.

Heil betritt am Donnerstagmittag das Unternehmen Ambulanz Mobile in Schönebeck bei Magdeburg. Hans-Jürgen Schwarz nimmt ihn in Empfang, der Chef. Die Firma baut Rettungswagen und Krankentransporter: Die rohen Fahrzeuge bekommen sie geliefert, dann beginnt der Innenausbau, von der Transportliege bis zum Blaulicht. "So sah es hier mal aus", sagt Schwarz und zeigt vor der Bildergalerie des Unternehmens auf das Foto, über dem "1991" steht. Sechs Leute seien sie gewesen, die auf dem Gelände der ehemaligen VEB Traktorenwerke anfingen. Ihr vorrangiges Ziel? "Nicht arbeitslos zu werden." Heute hat die Firma 323 Mitarbeiter und Schwierigkeiten, genug Fachkräfte zu finden.

Beim Rundgang durch das Unternehmen trifft Heil, der gerade mit Innenministerin Faeser an einer Liberalisierung des Einwanderungsrechts arbeitet, auf zwei syrische Mitarbeiter. Sie kamen 2015 als Flüchtlinge nach Schönebeck. Allerdings sollten sie nach ihrer Ausbildung nach Bulgarien zurückgeschickt werden, denn dort hatten sie nach ihrer Flucht zuerst EU-Boden betreten. Schwarz erzählt Heil, wie er damals alle Hebel in Bewegung gesetzt und seine Assistentin nach Sofia geschickt habe, bis seine beiden Fachkräfte am Ende doch bleiben konnten. Heil hört zu, nickt und sagt, dass da was in Arbeit sei in Sachen Einwanderungsrecht.

Sommerreisen: Die grüne Umweltministerin Steffi Lemke macht sich ein Bild von der Umweltkatastrophe am deutsch-polnischen Grenzfluss Oder.

Die grüne Umweltministerin Steffi Lemke macht sich ein Bild von der Umweltkatastrophe am deutsch-polnischen Grenzfluss Oder.

(Foto: Patrick Pleul/DPA)

Es sind Besuche in der Wirklichkeit. Lemkes Bus fährt über Magdeburg in die Elbauen bei Dessau. Lemke kennt sich aus hier, es ist ihre Heimat. Nach den Elbe-Hochwassern wurden hier Deiche rückverlegt, sie sollten dem Fluss mehr Raum geben. Auen sollten entstehen, Feuchtwiesen, Biotope. Nur sei alles etwas anders gekommen als gedacht, erklärt der Chef des Biosphärenreservats. Es gebe nämlich seither nicht mehr zu viel Wasser, sondern zu wenig, die Auen sind trocken. Der übliche Zyklus sei durchbrochen, erklärt ein Ranger, alle fünf bis sieben Jahre ein Hochwasser, das sei vorbei. "Ungewöhnlich" sei das, sagt er. "Man kann auch ,katastrophal' sagen", schiebt Lemke leise nach. Vielleicht zu leise.

Und was nun treibt der Arbeitsminister tagsüber im Stadion des FC Magdeburg? Er hat die Gründer eines Start-ups getroffen, die den Stadionbesuch für Menschen mit Sehbehinderung erlebbar machen: über eine App, mit der blinde Fußballfans das Spiel als Audio-Reportage hören können. Heils eigene Karriere als rechter Verteidiger beim SV Adler Hämelerwald liegt schon ziemlich lange zurück. Am Donnerstag sagt er zu den Gründern: "Danke, dass Sie mich mal wieder in Bewegung gebracht haben."

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