Sommer 2018Zum Fürchten schön

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Ein Eis! Ein Aperitif! Hinein ins Wasser! Die Hitzewelle wäre so wunderbar, wenn man am Badesee nicht doch ins Grübeln käme.

Von Felicitas Kock

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Kann man eine Sache toll und weltuntergangsschlimm zugleich finden? Die Hitzewelle zeigt: Es geht. Da ist die Freude über freibadtaugliche Tage und laue Nächte, über gebräunte Haut und eisverklebte Lippen. Morgens der Griff zum Sommerkleid, abends der Weg in den Biergarten, und der stille Wunsch, dieses süße, leicht angeschwitzte Leben möge immer so weitergehen. Doch kaum ist der Kopf für einen Moment im Schatten, gedeihen andere, dunklere Gedanken. Die Hitze, die Dürre, der Klimawandel. Wie werden unsere Kinder und Enkel künftig auf dieser Erde leben, wo sich schon jetzt ein Wetterextrem ans andere reiht? Das fragt der Verstand. Und wird gleich übertönt vom Herz, vom Bauch, von der Liebe zum italienischen Lebensstil: Klimawandel, und wenn schon. Ein Aperitif muss her! Ein Eis! Ein Meer - oder zumindest ein Badesee!

Der Mediterranisierung des deutschen Lebensstils entsprechen endlich auch die klimatischen Bedingungen. Der Aperol Spritz entfaltet seinen Geschmack einfach besser bei 30 Grad im Schatten. Doch es öffnet das anhaltend strahlende Sommerwetter den Raum für den inneren Zwiespalt. Als Mahner sprach vergangene Woche der deutsche Astronaut Alexander Gerst: Es sei erschreckend, von der ISS aus den gerodeten Regenwald, die verschwindenden Gletscher und austrocknenden Seen zu beobachten, sagte der Astronaut. Ihm werde klar, dass man die Steinkugel Erde "locker verpesten kann, dass sie unbewohnbar ist". Aber Gerst hat auch keinen Eisbecher vor sich, der ihm den Klimawandel versüßt.

Was er beschreibt, ist die Realität. Aber sie bleibt abstrakt, zumal wenn man nicht im ausgedörrten Somalia wohnt oder auf einer Südseeinsel, die über kurz oder lang zu versinken droht; anders als die notleidenden deutschen Bauern kann hier niemand auf Bundes- oder Landeshilfe hoffen. Der Büroangestellte, der den Tag im klimatisierten Raum verbringt und abends gemütlich mit Freunden zusammensitzt, spürt vor allem diese herrliche Freiheit südlicher Sommerabende.

Und gerät im Biergarten dann vielleicht doch ins Zweifeln: Die eigene Existenz dürfte man ja noch ganz gut zu Ende bringen. Aber was wird in 50 oder 100 Jahren sein? Zumal wenn die in Paris gesteckten Klimaziele nicht erreicht werden und gerade erst viele Menschen ihren ökologischen Fußabdruck um ein paar Nummern vergrößert haben, indem sie nach Mallorca oder auf die Malediven geflogen sind? Darf man sich da noch Sorglosigkeit leisten? Oder ist das am Ende gar keine Sorglosigkeit mehr, sondern schon Resignation? Das sind die Fragen, die man sich so stellt, während man auf einer Plastikluftmatratze über den Badesee treibt, zu dem man diesmal zwei Stunden gebraucht hat, weil sich auf der Autobahn Stoßstange an Stoßstange reihte.

So trifft im Moment bei so manchem Deutschen Endzeitstimmung auf Ferienlaune; das ist der Zwiespalt dieses Sommers. Aperolverzicht jedoch wird die Klimakrise auch nicht lösen. Man darf, man soll Eis und Badesee genießen. Doch wenn man schon mal sinnierend auf der Luftmatratze treibt, kann man sich Gedanken darüber machen, ob man in Zukunft ein paar Dinge ändern will. Mit der Bahn zum See fahren, auf das dritte Plastikschwimmtier verzichten, den Urlaub mal daheim verbringen. Auf dass es noch viele schöne Sommertage gebe - nur nicht bis Mitte November.

© SZ vom 01.08.2018 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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