Sohn von Willy Brandt Trotzkist und zugleich SPD-Mitglied

Die DKP bekam Geld aus der DDR, die Maoisten aus China. Woher kam das Geld für die Trotzkisten?

Sie finanzierten sich über hohe Mitgliedsbeiträge. Es gab kein "Vaterland aller Werktätigen".

Sie waren also Trotzkist und zugleich Mitglied in der SPD?

Irgendwann nicht mehr, weil Spartacus kurioserweise selbst einen Unvereinbarkeitsbeschluss mit der SPD gefasst hat und ich dann ausgetreten bin. Ich blieb allerdings immer über meine gewerkschaftlichen und politischen Aktivitäten auch im Dunstkreis der Sozialdemokratie. 1994 wurde ich wieder Mitglied. Damals war Rudolf Scharping SPD-Vorsitzender, der zwar von den Medien nicht gemocht wurde, aber erstmals seit den 70er Jahren der SPD wieder ein Plus verschaffte - und es mit mehr als 36 Prozent für Helmut Kohl ziemlich eng machte.

Über Scharping sagte Ihr Vater einmal: "Vergesst mir den Mainzer nicht!" Neben Engholm, Schröder und Lafontaine galt er als sein politischer Enkel.

Ein offizieller Titel war das mit den "Enkeln" natürlich nicht, aber die vier waren altersmäßig und im Hinblick auf ihre Befähigung diejenigen, die ihm hätten nachfolgen können. Besonders zu Lafontaine hatte mein Vater bekanntlich zeitweise einen engen Draht. Er ist ein Mann mit enormen politischen Fähigkeiten. Das Saarland war nie eine sichere Bank für die Sozialdemokraten, aber er konnte das Volk ansprechen und dort Mehrheiten von mehr als 54 Prozent erreichen.

Und 1990 versemmelte er dann als Spitzenkandidat der SPD die Bundestagswahl ...

Er hatte nicht verstanden, die berechtigte Kritik an Kohls Einigungspolitik mit einer Umarmung der Ostdeutschen zu verbinden. Stattdessen gab er ihnen das Gefühl, dass er sie übrigens in der Bundesrepublik gar nicht dabei haben wollte. Zum Teil war das Taktik, weil er dachte, dass man im Westen eher Wahlen gewinnen könnte, wenn man den Ostdeutschen nicht so weit entgegenkommt.

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Im Westen dachten viele bis 1989, dass die BRD und die DDR zwei legitime Staaten sind und die Zweitstaatlichkeit unverrückbar ist.

Da gibt es sicher einen Unterschied, ob man in Berlin oder in Westdeutschland gelebt hat. Natürlich gab es auch in Berlin Menschen, für die ihr Deutschland an der Mauer endete und nach Westen und Süden erst wieder in Helmstedt beziehungsweise an der bayerischen Grenze begann. Ich habe Berlin noch ungeteilt, beziehungsweise nur administrativ getrennt erlebt und empfand die Teilung Deutschlands immer als unnatürlich. Allerdings konnte ich mir eine Wiedervereinigung auch nie als simple Angliederung des einen Teils an den anderen vorstellen. Übrigens hätte es meines Erachtens auch eher dem Geist des Grundgesetzes entsprochen, wäre gemäß Artikel 146 eine Nationalversammlung gewählt worden, die dann eine neue Verfassung ausarbeitet und über die es dann eine Volksabstimmung gegeben hätte. Es kam bekanntlich anders.

Hatten Sie erwartet, dass die Sowjetunion implodieren würde?

Nein. Klar war die UdSSR wirtschaftlich in einer katastrophalen Lage, aber es erstaunt mich noch immer, dass die Sowjets im Frühjahr/Sommer 1990 mit der Hinnahme der Nato-Mitgliedschaft ganz Deutschlands ihren letzten Trumpf aus der Hand gaben. Gorbatschow muss gedacht haben, es beginnt ein neues Zeitalter mit einer neuen Sicherheitsstruktur und dass auch die Nato nicht einfach so weiterbestehen würde. Da hat er sich getäuscht.