Hätte die Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ mehr Zeit gehabt, ihre Ergebnisse zu sortieren, sie hätte sie sich genommen. Doch der Druck ist hoch. Zu groß ist das Problem, das sich vor Eltern von Kindern und Jugendlichen auftut, entsprechend hoch das öffentliche Interesse: Die Mediennutzung von deutschen Kindern und Jugendlichen droht außer Kontrolle zu geraten. Deswegen legt die unabhängige Kommission ihren Zwischenbericht nicht erst im Sommer, sondern schon diesen Montag vor: Demnach nutzen bereits Zwölf- bis Dreizehnjährige das Handy zweieinhalb Stunden am Tag, 18- bis 19-Jährige sind täglich bis zu viereinhalb Stunden am Smartphone.
Es gebe eine „neue Dynamik“ in der Debatte, sagt Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) wenige Tage zuvor im Hintergrundtermin mit den Vorsitzenden der Kommission. Prien spricht sich für eine Altersregulierung aus. Ein Allheilmittel sei die aber nicht, betonen die Vorsitzenden, die frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Nadine Schön und der Psychologe und Bildungsforscher Olaf Köller. „Wir gehen weit über die Verbotsdebatte hinaus“, sagt Köller. Es sei „zu kurz gesprungen“, nur über Altersbeschränkungen nachzudenken.
In ihrem Zwischenbericht befasst sich die Kommission mit drei Themenbereichen: den Gefahren und Chancen der digitalen Welt für Kinder und Jugendliche. Dem Stand der Medienkompetenz und der Frage, was Erziehung dabei leisten kann. Und dem rechtlichen Rahmen für eine mögliche Altersregulierung. Handlungsempfehlungen geben die Experten in der wissenschaftlichen Bestandsaufnahme noch nicht, sie folgen Ende Juni.
Wie gefährdet die digitale Welt Kinder und Jugendliche – und wie nützt sie ihnen?
„Wir wissen“, sagt Köller, „dass wir bei den Jugendlichen circa eine Million Jugendliche mit problematischem Internetverhalten haben.“ Die Studienautoren schätzen, dass etwa 700 000 von Jugendliche riskantes Computerspielverhalten und sogar 1,3 Millionen eine riskante Social-Media-Nutzung zeigen.
84 Prozent der Jugendlichen zwischen zwölf und 19 Jahren nutzen zudem Chat-GPT, etwa zwei Drittel auch My AI von Snapchat und Meta AI. Jüngere und Jugendliche aus sozial schwächeren Familien nutzen dem Bericht zufolge künstliche Intelligenz „eher zum Spaß“, Jugendliche mit höherem Bildungsgrad eher im schulischen Bereich.
Große Sorgen bereitet den Experten, dass KI die Risiken von Cybermobbing deutlich verstärkt – und auch Kinder und Jugendliche Deepfakes und Deepnudes nutzen, um anderen zu schaden. Zudem steige die Zahl von Websites mit KI-generierten Missbrauchsdarstellungen rapide. Während 2024 im ganzen Jahr 42 solcher Seiten entdeckt wurden, seien es 2025 nur in der ersten Jahreshälfte bereits 210 gewesen.
Die Risiken sind nicht für alle Jugendlichen gleich groß. Wer im Netz bereits belastende oder traumatische Erfahrungen gemacht hat, ist besonders gefährdet, wieder Opfer von Cybergrooming oder Cybermobbing zu werden. Auch soziodemografische Faktoren spielen eine Rolle. Gefährdet sind laut Köller vor allem Kinder, „deren Eltern selbst ein problematisches Verhalten zeigen“.
Doch soziale Medien bergen auch Chancen. Besonders für Jugendliche aus marginalisierten Gruppen, zum Beispiel für queere Jugendliche, die teilweise „kaum andere Gelegenheiten“ hätten, Gemeinschaft zu finden. Das gilt laut Bericht auch für Jugendliche mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen. Soziale Netzwerke dienten ihnen oft als „Zugangspunkt zu emotionaler Hilfe“. Die Kommission weise darauf hin, „dass Schutz und Teilhabe keine Gegensätze sind“, sagt Köller. Die Identitätsentwicklung von Jugendlichen, die in sozialen Netzwerken stattfinde, müsse unterstützt werden.
Welchen Einfluss haben die Erwachsenen?
Besonders für kleine Kinder ist das Nutzungsverhalten der Eltern entscheidend. Werden schon Babys mit dem Smartphone beruhigt, können „Möglichkeiten zur Entwicklung adaptiver Selbstregulation“ beeinträchtigt werden, wie es in dem Bericht heißt. Und wenn Eltern ständig ihr Handy in der Hand behalten, könne der Blickkontakt zum Kind gestört werden. Entwicklungsprobleme bei Kindern aber allein mit Bildschirmzeiten zu erklären, greife zu kurz.
Offenbar gelinge es nicht, die Eltern in der Breite zu sensibilisieren, auch nicht mit Flyern in Arztpraxen. Stattdessen würde man eher jene Mütter und Väter erreichen, die „ohnehin für das Thema sensibilisiert sind“. Die Kommission, sagt Köller, überlege, Bildschirmzeiten zum Thema der U-Untersuchungen zu machen, der Vorsorgeuntersuchungen also, an der alle Kinder teilnehmen.
Was soll die Schule leisten?
Kinder und Jugendliche sollen vor allem im Klassenzimmer lernen, mit Internet und Social Media umzugehen. Laut Bericht ist die „systematische Vermittlung“ von Medienkompetenz in allen 16 Bundesländern verankert. Allerdings zeige die schulische Praxis, dass das „nicht zufriedenstellend“ gelingt.
Zudem komme der Schule eine „zentrale Rolle in der Prävention problematischen Internetverhaltens“ zu. Die Experten versuchen herauszufiltern, welche Präventionsprogramme Erfolg versprechend sind, und stellen fest: Starre Unterrichtseinheiten, die allen Schülern gleich verabreicht werden, haben keinen nachhaltigen Effekt. Das beweisen Studien, allerdings sei das Feld der Maßnahmen bislang nicht ausreichend erforscht.
Auch auf individuelle therapeutische Ansätze wirft die Kommission einen Blick. Zeigten sich bei einem Teenager schädliche Folgen seines Medienkonsums, ergebe eine Kombination aus Verhaltenstherapie, Sport und Familienbeteiligung den „höchsten Gesamtnutzen“. Das gehe aus der Forschung klar hervor.
Wie könnte eine Altersregulierung aussehen?
Diese Frage sei bisher „sehr nachlässig“ betrieben worden, kritisiert Prien, auch weil die Zuständigkeiten zwischen EU, Bund und Ländern nicht klar verteilt seien. Prien spricht sich für eine europäische Regelung aus.
Die EU-Kommission will die Ergebnisse ihrer Überlegungen ebenfalls im Sommer vorstellen. Die digitale Altersverifikation der EU, die Anfang 2027 als App verfügbar sein soll, könnte bei der Regulierung eine entscheidende Rolle spielen. Doch noch ist nicht raus, auf welcher Ebene eine Regulierung stattfinden wird. Dass sie in irgendeiner Form kommt, damit rechnen aber so gut wie alle Akteure.

