Slowakei:„Eine Pandemie hat es nicht gegeben“

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Mitarbeiter des Gesundheitswesens testen im November 2020 Bewohnerinnen und Bewohner der westslowakischen Gemeinde Drietoma auf Corona. (Foto: Radovan Stoklasa/dpa)

Zu diesem Schluss kommt der Beauftragte der slowakischen Regierung für die Untersuchung des Corona-Managements. Damit bringt er sein Land auch bei der WHO in Verruf.

Von Viktoria Großmann, Warschau

Eigentlich hatte der 45-jährige Sportarzt und Orthopäde Peter Kotlár einen Zwischenstand zu seinen Untersuchungen zum slowakischen Corona-Management vorlegen sollen. Damit war er von der Regierung von Ministerpräsident Robert Fico beauftragt worden. Fico regiert seit Oktober, Corona fiel in die Zeit der Vorgänger, die von 2020 bis 2023 regierten. Es hätte also darum gehen können, ob alle Maßnahmen angemessen waren, ob Geld richtig eingesetzt wurde, was für die Zukunft zu lernen ist.

Doch Kotlár kommt zu dem Schluss: Eine Pandemie hat es nicht gegeben. „Es gibt einen klaren Beweis dafür, dass es in Anbetracht dessen, was eine Pandemie bedeutet, in Anbetracht der Inzidenzen und anderer messbarer Parameter in der Slowakei keine Pandemie gegeben hat.“ Das erklärte er vergangene Woche im Gesundheitsausschuss des Nationalrats, des slowakischen Parlaments.

In der Slowakei waren mehr als 21 000 Menschen an Covid-19 gestorben, nur etwa die Hälfte der Bevölkerung hatte sich impfen lassen. Zu Anfang war das Land mit seinen etwa 5,4 Millionen Einwohnern recht gut durch die Pandemie gekommen. Der damalige Premierminister Igor Matovič hatte mehrmals Massentests vornehmen lassen. Zudem hatte er in einer eigenmächtigen Aktion den Impfstoff Sputnik V aus Russland bestellt, der in der EU und auch in der Slowakei selbst nicht zugelassen war. Matovič wollte damit mehr Menschen zum Impfen bewegen, das Serum sollte auf eigene Gefahr ausgegeben werden.

Auch der jetzige Premier Robert Fico stand an der Seite der Corona-Leugner

Die Impfskepsis vieler Menschen in der Slowakei befeuerte unter anderem Peter Kotlár, der nun im Auftrag der Regierung das Pandemiemanagement bewerten sollte. Kotlár hatte während der Pandemie als Kämpfer gegen Schutzmasken und Impfungen im Internet Karriere gemacht. Zusammen mit Kulturministerin Martina Šimkovičová ist er regelmäßig auf deren Youtube-Kanal zu sehen. Auch Premier Robert Fico hatte sich zu Pandemiezeiten auf die Seite der Corona-Leugner gestellt und jeden Vorwand genutzt, um die frühere Regierung für ihre Corona-Politik anzugreifen.

Kotlár hat sein Land auch in Dissens mit der Weltgesundheitsorganisation WHO gebracht. Diese hat unter Zustimmung aller WHO-Länder in ihren Internationalen Gesundheitsvorschriften (IHR) neue Richtlinien für den Umgang mit Pandemien beschlossen – lediglich die Slowakei distanzierte sich.

Als Kotlár im Parlament gefragt wurde, ob er seine Äußerung ernst meinte, antwortete er: „todernst“. Es sei noch nicht klar, wer wirklich für die mehr als 21 000 Toten verantwortlich sei, „also seien wir lieber still“.

„Er hat allen, die im Gesundheitswesen arbeiten, ins Gesicht gespuckt.“

Die Opposition fordert die Abberufung Kotlárs. Der christdemokratische Abgeordnete František Majerský sagte der Zeitung Denník N zufolge: „Er hat allen, die im Gesundheitswesen arbeiten, ins Gesicht gespuckt.“ Es seien auch Sanitäter, Krankenschwestern und Ärzte gestorben. Majerský hatte selbst in der Pandemie als Rettungssanitäter gearbeitet. Die liberale Oppositionspartei Progresívne Slovensko (PS) erklärte, Kotlár bringe dem Land vor der WHO nationale Schande und gefährde die Gesundheitsversorgung aller Slowaken.

Tatsächlich besteht die slowakische Regierung in ihrer Mehrheit nicht aus Corona-Leugnern. Doch die Koalition aus Ficos populistischer Partei Smer und der moderaten, linkspopulistischen Hlas lässt den kleinsten Partner, die rechtsnationalistische SNS, gewähren. Für sie zog auch Kotlár zusammen mit anderen Verschwörungserzählern ins Parlament ein. Die Partei SNS wachse der Regierung über den Kopf, kritisiert die Opposition. Die Gesundheitsministerin von der Hlas-Partei ließ sich einen Tag Zeit für eine Reaktion. Dann bezeichnete sie die Infragestellung der Pandemie als „unzulässig“.

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