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Skat-WM:Reizen und stechen

Skatspielen ist eine typisch deutsche Beschäftigung, aber auch ein Exportgut - wie die Weltmeisterschaft zeigt.

Von Jan Schwenkenbecher

"Wenn dem Deutschen so recht wohl ums Herz ist, dann singt er nicht", schrieb einst Kurt Tucholsky und führte sogleich aus, was der Deutsche stattdessen tut: "Dann spielt er Skat." Dass dies auch heute stimmt, konnte man jetzt im Berliner Maritim Hotel erleben. Dort trafen sich bis zum späten Freitagabend 788 Skatspieler zur Weltmeisterschaft - um sieben Tage lang um die Wette zu reizen, zu buttern, zu stechen, zu schnibbeln. Ein paar Profis spielten im Vereinstrikot auf, der Rest trug zumeist Poloshirt, kurze Hose und mit oder ohne Socken präsentierte Sandalen. Mitmachen konnte, wer wollte, es gab Bier und Kartoffelsuppe. Allen schien recht wohl ums Herz zu sein.

Tucholskys Satz gilt aber längst nicht mehr nur für den Deutschen. Mit etwa 600 Spielern stellte die Bundesrepublik zwar die meisten Teilnehmer. Doch es waren Menschen aus mehr als 20 Ländern angereist. 25 kamen aus Polen, 24 aus Kanada, andere flogen aus Brasilien, Südafrika, Australien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten ein. Skat, vor etwa 200 Jahren im thüringischen Altenburg erfunden und 2016 in die Unesco-Liste der inländischen immateriellen Kulturgüter aufgenommen, ist längst nicht mehr auf Deutschland beschränkt. Vom Bauern- und Soldatenspiel avancierte es zunächst zum beliebten Zeitvertreib in den Kneipen des Landes. Generationen grantiger Väter lehrten ihren Nachwuchs die Regeln, angesichts drohender Schelte bei unaufmerksamem Spiel lernte man schnell. Auswanderer trugen den Skat in die Welt, seit 1978 trifft man sich alle zwei Jahre zur WM, zuletzt in Las Vegas.

Nun, in Berlin, saßen je vier Leute an beinahe 200 Tischen. Drei spielten, einer teilte aus, in der nächsten Runde gab ein anderer. Spielsprache der WM ist stets Deutsch. Die 16 Teilnehmer, die über die ersten Tage die meisten Punkte sammeln, spielen am Ende den Weltmeister aus. Schon vor Turnierende am Freitagabend war klar, aus welchem Land er kommen wird: Alle Finalisten waren Deutsche. Die Nationenwertung, bei der 14 Länder mit je zwölf Spielern gegeneinander antraten, gewannen bereits am Montag die Niederlande. Die deutsche Skat-Nationalmannschaft wurde Vierter.

Zwischen den Tischen patrouillierten Schiedsrichter, das Regelwerk ist komplex. Die beim Feierabendspiel geläufigen Ansagen "Kontra" und "Re" sind ebenso verboten wie Ramsch- oder Bockrunden. Von Kneipensport kann nicht die Rede sein, auch wenn hier und da geprostet wird, bevor der letzte Stich vom Tisch ist. Durchaus die Rede sein kann aber von Altherrensport - ein Problem für die Skat-Community. Nur 104 Spielerinnen gibt es, 214 Teilnehmer sind Ü-65 und nur vier U-21. Seit 2009 hat der Deutsche Skatverband fast ein Drittel seiner Mitglieder verloren, die Zahl sank von 27 522 auf 18 945. "Die Jugend rückt nicht nach", sagt Thomas Munzert, Präsident der deutschen Sektion der International Skat Players Association, die die WM veranstaltet. "Skat zu lernen braucht Zeit", so Munzert, viele beschäftigten sich aber lieber mit den neuen, schnelllebigen Medien. Es scheint, als täte der Nachwuchs nun andere Dinge als Skat zu spielen, wenn ihm recht wohl ums Herz ist.

© SZ vom 25.08.2018
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