Skandal-Politiker Sanford gewinnt Nachwahl Mit Pappfigur zum Überraschungssieg

"Gottes Gnade hat mich gerettet": Mark Sanford war als Ehebrecher überführt und politisch am Ende. Nun ist dem Republikaner aus South Carolina die Rückkehr ins Repräsentantenhaus gelungen. Dabei half ihm neben den Vorurteilen gegen seine Herausforderin Elizabeth Colbert Busch auch eine Pappfigur.

Von Matthias Kolb

Als sein Sieg feststeht, gibt sich Mark Sanford demütig und dankt Gott für dessen Unterstützung. Die Rückkehr des Ex-Gouverneurs von South Carolina ins Rampenlicht ist eine kleine Sensation: Trotz des Unbehagens vieler Wähler über seinen Ehebruch und fehlender Unterstützung durch die Republikaner hat er seine Gegnerin, die Schwester des TV-Satirikers Stephen Colbert, geschlagen. Dabei hatte der erfahrene Wahlkämpfer ganz auf eine Pappfigur gesetzt.

Noch zwei Wochen vor der Abstimmung im Ersten Wahlbezirk von South Carolina sah es gar nicht gut aus für Mark Sanford. Der Republikaner lag in den Umfragen hinter der Demokratin Elizabeth Colbert Busch zurück, die viel Medienaufmerksamkeit und Spenden durch das Engagement ihres berühmten Bruders erhielt: Der TV-Satiriker Stephen Colbert hatte wiederholt für "Schwester Lulu" geworben (mehr in diesem Süddeutsche.de-Blogbeitrag).

Weil sie sich offenbar siegessicher fühlte, stimmte Colbert Busch nur einer einzigen TV-Debatte mit Sanford zu. Also griff der 52-jährige Sanford zu einem Trick: Er ließ zwei Rednerpulte aufbauen und hielt eine Fake-Debatte ab. Sein "Gegner" war eine Pappfigur, die eine Frau im Hosenanzug zeigte. Dabei handelte es sich allerdings nicht um Colbert Busch, sondern um Nancy Pelosi, die ebenso mächtige wie bei der politischen Rechten verhasste Fraktionschefin der Demokraten im Repräsentantenhaus.

Die Botschaft des im Internet verbreiteten Videos an die Wähler des traditionell konservativen Stimmkreises war klar: Colbert Busch ist nur eine Marionette für die liberalen Strippenzieher in Washington, die die Kampagne der Demokratin mit fast einer Million Dollar unterstützt hatten. Dieser Schachzug erwies sich nach Einschätzung von Politico als Wendepunkt: In den Tagen vor der Wahl ging es nun auch um die persönliche Eignung von Colbert Busch und nicht mehr nur um die persönlichen Eskapaden von Mark Sanford.

Bis zum Sommer 2009 galt der Ökonom als Vorzeige-Republikaner: Er hatte 1994 im Alter von 34 erstmals diesen Wahlkreis gewonnen und sich in Washington für Steuersenkungen und Ausgabenkürzungen eingesetzt. 2003 wurde er Gouverneur von South Carolina - seine wichtigste Beraterin war Ehefrau Jenny, die auch den Wahlkampf gemanagt hatte. Das telegene Paar hat vier gemeinsame Söhne und Sanford kokettierte offen mit einer Kandidatur für das Weiße Haus.

Im Juni des gleichen Jahres folgte der Skandal: Für fünf Tage war der Gouverneur unauffindbar. Er hatte seiner Familie und seinen Mitarbeitern erzählt, dass er zum Wandern in die Appalachen fahre. Stattdessen flog er nach Buenos Aires, um seine argentinische Geliebte zu treffen. In einer emotionalen Pressekonferenz gab Sanford am 24. Juni 2009 seinen Ehebruch zu und trat als Chef der republikanischen Gouverneursvereinigung RGA zurück. Bei der folgenden Wahl im Herbst 2010 trat er nicht mehr an. Seine Frau Jenny, die bereits seit Februar über die Untreue informiert war, reichte die Scheidung ein.

Im Wahlkampf hatte sich Sanford als reuiger Sünder präsentiert, der gerade die christlichen Wähler um Verzeihung bat: Er sprach über seine "persönliche Reise" und schwärmte von "Gott, der einem eine zweite Chance gebe". Anders als Colbert Busch suchte er den direkten Kontakt zu den Bürgern und ließ sich wochenlang von einem Mitarbeiter in einem schwarzen Van durch den Wahlkreis fahren. Am Ende reichte es für einen unerwartet deutlicher Sieg: 54 Prozent der Wähler stimmten für den Republikaner.

"Ich habe wirklich viele Probleme mit Sanford. Mir wäre ein anderer Republikaner lieber gewesen, aber die Demokraten kann ich wegen ihrer Ausgabenpolitik auch nicht wählen", sagte die Immobilienmaklerin Jennifer Kavanagh der New York Times. Wie Kavanagh ging es offenbar vielen Konservativen: Sie haben sich durchgerungen, den Ex-Gouverneur ins Repräsentantenhaus zu schicken, um eine Demokratin zu verhindern.

Womöglich half Mark Sanford die Tatsache, dass er sich mittlerweile mit María Belén Chapur verlobt hat und sich die Argentinierin am Wahlabend an seiner Seite zeigte. In Washington trifft der 52-Jährige nun auf eine Fraktion, deren Führung es vermieden hatte, ihn im Wahlkampf zu unterstützen. Sanfords Comeback war möglich geworden, weil Amtsinhaber Tim Scott von Gouverneurin Nikki Haley ausgewählt worden war, einen freien Sitz im US-Senat einzunehmen.

Vor der Wahl hatten Beobachter davor gewarnt, von dem Ergebnis in South Carolina allzu große Rückschlüsse auf die Bundespolitik zu ziehen: Das Duell wurde von starken Persönlichkeiten dominiert und fand in einem konservativen Wahlkreis statt, den Mitt Romney 2012 locker gewonnen hatte; zudem wurden keine neuen Themen debattiert. Und auch bei einem Sieg von Colbert Busch hätten die Republikaner ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus behalten.

Chris Cillizza, der einflussreiche und thesenstarke Polit-Blogger der Washington Post, hatte vorab sogar argumentiert, dass die Demokraten froh über die Niederlage sein sollten: Der atemlose und unerbittliche Medienbetrieb werde viele konservative Abgeordnete dazu zwingen, sich über Sanford, dessen Moral und die Zusammenarbeit im Kongress zu äußern - und den Late-Night-Talkern mindestens bis 2014 neuen Stoff liefern. Mittelfristig könnte sich das auszahlen.

Und Stephen Colbert? Bei Twitter äußert sich der beliebte Satiriker, der in seiner Show "Colbert Report" auf Comedy Central in die Rolle eines konservativen TV-Moderators schlüpft, noch nicht über die Niederlage seiner "Lulu" genannten Schwester. Seine Fans warten ebenso wie seine Gegner darauf, wie er in der heutigen Sendung auf das Wahlergebnis kommentiert - und auf welche Kosten die Witze gehen werden.

Der Autor twittert unter @matikolb.

Linktipp: Ein langes, ausgewogenes Porträt von Mark Sanford erschien vor wenigen Wochen im New York Magazine.